Stuttgart - Die brennenden Fragen der Zeit stellt er sich am liebsten selbst. „Warum dieser Abend hier?“, fragt Harald Schmidt. „Ich sag’s Ihnen: Stuttgart is the Place to be“ – und die Lokalpatrioten im ausverkauften Schauspielhaus, also alle, heben ein Gejohle an, als feierten sie einen Popstar. Auch die zweite drängende Frage am Place to be beantwortet der Comedian ohne falsche Bescheidenheit: „Ein Sidekick? Wozu? Ich habe 41 Jahre gewartet, um diese Bühne für mich allein zu haben, ohne – wie heißt das? – Kollegen.“ Abermals freudiges Gejohle, obwohl der als Spaß-Messias gefeierte Kleinkünstler gegen Ende der Show, nachdem er auf seinem analogen Wecker das Fortschreiten der Zeit überprüft hat, doch einen Gast zu sich bittet. Begleitet von donnerndem „Rock and Roll“ kommt Cornelius Meister um die Ecke, Generalmusikdirektor der Stuttgarter Oper, der sich sonst eher keine Kreischgitarren von Led Zeppelin um die Ohren hauen lässt. Für Schmidt schon. Was macht man nicht alles für eine Legende!
Und ja, eine Bühnenlegende ist er noch immer, der stilbildende Late-Night-König von einst, heute 62 Jahre alt, bei dem ganze Generationen von Deutschen Schwäbisch gelernt haben. Cornelius Meister, 39, gehört zu diesen Sprachschülern, wie er in einem Interview verriet, worin er sich als fleißiger Teilnehmer der Schmidt’schen Crashkurse im Fernsehen outete. „Das Butzele schläft im Gräbele“ – und die Erinnerung an solche Evergreens speist auch die Wiedersehensfreude im Theater, die sich popkonzerthaft äußert, noch ehe Dirty Harry in „Echt Schmidt“ auch nur ein Wort sagt. Zum Auftakt seiner neuen, auf sechs Folgen angelegten Show-Reihe schreitet der King of Black Humour zu einer Purcell-Arie majestätisch aus der Tiefe des Raums nach vorne an die Rampe – und schon hat er seine Zuschauer im Sack.
Der Rollkragenpulli des deutschen Kennedy
Es ist ein Heimspiel, das Schmidt gibt und wie die Fantastischen Vier gewinnt, noch ohne eine einzige Pointe abgeschossen zu haben: In Stuttgart hat er vor 41 Jahren seine Schauspiel-Ausbildung abgeschlossen, in Stuttgart hat er beim SDR moderiert, in Stuttgart ist er unter Hasko Weber aufgetreten, in Stuttgart spielt er derzeit in der Oper den blasierten Haushofmeister in „Ariadne auf Naxos“, dirigiert von – erraten – Cornelius Meister. Und in Stuttgart gibt er auch sein Comeback als Stand-up-Comedian, das er im Fernsehen zuletzt unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor fünf Jahren im Bezahlsender Sky beendet hat. Stuttgart über alles? Nicht ganz. Leben will der in Köln wohnende Schmidt hier nicht, aber mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Bahn biegt er im Ländle dann doch in den goldenen Herbst seiner Karriere ein.
Apropos: Als „Baustellen-Buddy, aber nicht für den Bahnhof, sondern fürs Leben“, führt Schmidt dann sechzig Minuten rasend schnell durch die Themen, die uns und die Welt bewegen. „Guten Abend, meine Damen, meine Herren und meine Anderen“, sagt er überkorrekt zur Begrüßung des bis zur Halskrause mit Erwartung gefüllten Publikums und legt, immer noch sehr korrekt, los: „Wie vermeide ich CO2? Radikaler, nachhaltiger kann man nicht anfangen“ – und verweist auf die Möglichkeit, die schon Prenzlauer-Berg-Essayistinnen erwogen haben, nämlich den Verzicht auf klimaschädliche Kinder. Das Comeback der Woche aber ist nicht er selbst, sondern „das gute, alte Waldsterben“, das Julia Klöckner verhindern will – in einem Outfit, als werde „Herr der Ringe“ fortgesetzt. „Und Heiko Maas, kennen Sie den? Das ist der Kleine von Natalia Wörner“ – und dann springt er zu Robert Habecks Stehkragenpulli, den der „deutsche Kennedy“ weder für die FAZ noch für Maybrit Illner wechselt, was hygienische Fragen aufwirft, und rüber ins Nürtinger Hölderlin-Gymnasium, wo Klein-Harry aus dem Musikunterricht fliegt, weil er den Lehrer mit der Frage zum Schwitzen bringt, ob Henry Purcell mit Heinrich Purzel zu übersetzen ist.
Moralischer Stahlhelm
Ja, Schmidt kann’s noch. Zwischen den endlosen Biertischgarnituren der „Italienischen Nacht“, die schon für die nächste Vorstellung aufgebaut sind, bietet er in seinem „Bunten Abend für Abgehängte“ allerbeste Unterhaltung, ein dichtes assoziatives Pointengewitter, politisch unkorrekt, aber Tabugrenzen, die er wie immer großzügig zieht, selten überschreitend. Von seiner Präsenz als Stand-up-Comedian hat er nichts eingebüßt, noch immer glasklare Artikulation, messerscharfe Gestik, blitzschnelles Tempo, flirrende Geistesgegenwart, sekundengenaues Timing und eine verblüffende Show-Dramaturgie, die zu unerwarteten Bonuspointen führt, zu Nach-Gelächter, das in Windeseile in Folge-Gelächter mündet: Fulminante Comedy, aber doch Old-School insofern, als Schmidt – anders als sein Zögling Jan Böhmermann, anders als sein Kollege Oliver Welke – Politik nicht machen, sondern kommentieren will. „In der NZZ, der Neuen Zürcher Zeitung, habe ich einen interessanten Satz gelesen: Der hässliche Deutsche trägt keinen Stahlhelm mehr, er will die Welt moralisch belehren“ – und hässlich will der lästernde Schmidt offensichtlich nicht sein.
Das ist er auch zu seinem Überraschungsgast Cornelius Meister nicht. Hinter Ironie mag er seine offene Bewunderung für den Generalmusikdirektor nicht verbergen. Schmidt duldet andere Götter neben sich und testet am mitgebrachten Steinway das absolute Gehör des Dirigenten: Hundert Punkte – und der Orchesterchef bittet den gelernten Kirchenorganisten, bei einem von ihm gespielten Stück doch die Pedale zu treten. Im kurzen Duett kling „Echt Schmidt“ aus, sympathisch, kurzweilig, intelligent mit einem Entertainer, dessen Kommentare zum großen und kleinen Weltgeschehen noch immer auf der Höhe der Zeit sind. Mit Schmidt ist weiterhin zu rechnen.