Entertainer Harald Schmidt (links) ist im Gespräch mit Gregor Gysi gewohnt scharfzüngig. Foto: IMAGO/Dennis Duddek
Der Entertainer Harald Schmidt provoziert gerne. Der Nürtinger teilt auch bei seinem Gespräch mit dem Linken-Politiker Gregor Gysi in Tübingen ordentlich aus – gegen Tübingen.
Holger Weyhmüller
21.10.2025 - 16:13 Uhr
Wenn man ganz leicht die Augen zusammenkneift, wird man ungebremst in die 90er zurückgeschleudert. Man sieht verschwommen zwei Männer auf der Bühne stehen, der eine hochgewachsen und hager, der andere kleiner. Deutlich kleiner. Und plötzlich kommt wieder all der wunderbare Blödsinn hoch, den Harald Schmidt und Herbert Feuerstein in „Schmidteinander“ fabrizierten. Man erinnert sich, wie das ungleiche Duo althergebrachte Konventionen im Fernsehen, damals Lagerfeuer der Nation, pulverisierte. Wie es mit unbekümmerter Unerschütterlichkeit einen wilden Tanz aus Kalauer, Provokation, Comedy und Kabarett auf der Rasierklinge tanzte. Und damit jede Menge Staub aufwirbelte. Von den einen geliebt und verehrt, von den anderen entschieden abgelehnt. Dazwischen: nichts.
Wenn man die Augen wieder aufmacht, sieht man auf der Bühne des voll besetzten Neuen Kunstmuseums Tübingen tatsächlich Harald Schmidt stehen, allerdings nicht neben Herbert Feuerstein, der ist vor fünf Jahren gestorben. Sondern neben Gregor Gysi. Der einstige TV-Star aus Nürtingen ist an diesem Montagabend Gesprächsgast des Linken-Politikers aus Berlin, der seit Juli mit „Gysis Begegnungen“ regelmäßig in Tübingen auftritt.
Klar ist: Der Star ist Schmidt
Wie bei Feuerstein und später bei Manuel Andrack in der stilprägenden „Harald Schmidt Show“ ist die Rolle Gysis von vorneherein klar: Er ist Sidekick. Der Star ist Schmidt, „der fantastische Kerl“ –man kennt sich ja schon lange. Gysi gibt ein Stichwort, Schmidt legt los. Was soll man sagen? Wenn der mittlerweile 68-Jährige sich im Lichtkegel sonnt und dabei ein Mikrofon in der Hand hält, scheint die Zeit ungestreift an ihm vorübergezogen zu sein. Eigentlich würde man an dieser Stelle gerne schreiben, die Bühne sei sein natürliches Habitat. Aber dann taucht plötzlich Schmidt vor dem geistigen Auge auf, und man ahnt, wie er sich auf diese abgelutschte Stanze erbarmungslos stürzen würde. Aber was soll man machen? Es ist doch so: Die Bühne ist sein natürliches Habitat.
Die Kultshow: Harald Schmidt und Herbert Feuerstein 1991 in „Schmidteinander“ Foto: Hermann Wöstmann/dpa
Auf die Frage Gysis, der sich weitgehend chronologisch durch die Schmidt’sche Biografie arbeitet, ob sein Weg sich schon früh in Schmidts Kindheit abgezeichnet habe, sagt der: „Ich glaube, meine Eltern ahnten was.“ Vielleicht lag’s daran, dass er beim Besuch der Nachbarin die Treppe des Elternhauses gleich einem TV-Star die Showtreppe hinunterschritt und zur Begrüßung sagte: „Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren.“ Oder daran, dass er im Grunde „durchgeredet hat“. Übrigens nicht nur zu Hause, auch in der Schule: „In die ging ich, um zu testen, wie es um meine Bühnenwirksamkeit bestellt ist.“ Die Sechs in Sport nahm er gelassen hin, immerhin spielte er dort stets „vor ausverkaufter Halle“.
Tübingen ist an diesem Abend auch mal kurz Thema. Es war nämlich so: Als Kind hatte Schmidt Ticks. Weshalb er von seiner Mutter in die „Kinderklapse“ in der Unistadt gefahren wurde. Wer von Nürtingen nach Tübingen mit all seinen Kliniken kam, für den sei klar gewesen: „Tübingen ist kein Ort, sondern eine Diagnose.“ Weil Krankheiten für den bekennenden Hypochonder ein ergiebiges Thema sind, legt er nach: „Heute sind ja 75 Prozent der Deutschen traumatisiert, weil sie keinen Parkplatz finden.“ Und ADHS, das habe es früher nicht gegeben, „da bekam man einfach eine gescheuert und war austherapiert“.
Ausgebildeter Schauspieler und „extremst ehrgeizig“
Schmidt erzielt seine Wirkung gar nicht so sehr dadurch, was er erzählt, sondern wie er es tut. Er lotet zwar nicht mehr im selben Maße wie früher Grenzen aus, aber er ist hellwach und unterhaltsam wie eh und je, mal spitzzüngig, mal lausbübisch, dabei stets eloquent. Und: nicht – wie so viele aktuelle Comedians – ohne Substanz.
Schmidt ist ausgebildeter Schauspieler und wurde von Lore Lorentz und ihrem Mann Kay Lorentz am legendären Düsseldorfer „Kom(m)ödchen“ zum Kabarettisten geschliffen. Wobei Letzterer, Schmidt beteuert es, ihn nur aus einem Grund engagierte: „Er sagte zu mir: ‚Du bist nicht gut, aber in meinem Ensemble sind zwei, die sich nicht verstehen. Du bist ab sofort der Puffer.‘“ Die Meinung von Kay Lorentz sollte sich bald ändern, denn der schlaksige Nachwuchs-Kabarettist war nicht nur wie geschaffen für die Bühne, sondern auch „extremst ehrgeizig“.
Allerdings gab’s auf dem Weg zur Late-Night-Ikone in Deutschland auch Karrieredämpfer. Der Versuch, als Moderator einer großen TV-Show am Samstagabend über Jahre hinweg ein Millionenpublikum zu begeistern, ging schief: Nach drei Jahren „Verstehen Sie Spaß?“ in der ARD war Schluss. „Ich war wild auf eine Eurovisionsshow“, sagt er rückblickend – und summt die Eurovisions-Melodie an: „Hm-hm, hm-hm-hmmm, hm-hmmm-hm...“ Die Generalproben zu den Sendungen hätten ihn auch richtig begeistert, „da habe ich Vollgas gegeben, da war Halligalli“. Die Leute hätten sich um Eintrittskarten geprügelt. „Aber auf die eigentliche Show hatte ich dann keine Lust mehr. Und die Filme fand ich meistens auch nicht so toll.“
Mit dem Hubschrauber zur Pommesbude
Als für eine der Shows Elton John kurzfristig absagte, stellte Schmidt kurzerhand einen CD-Player auf die Bühne und spielte die neue CD des britischen Popstars ab. Kam nicht so gut bei den Programmverantwortlichen an. Noch weniger die Idee, die 200 Meter zur Pommesbude hinter der Halle mit einem Hubschrauber zurückzulegen. Live, im Ersten. Schmidt zog es dennoch durch. „Da merkte ich: Begeisterung sieht anders aus.“
Dann kam irgendwann das Angebot für eine Late-Night-Show auf Sat1. Der Rest ist, jaja, auch so eine Stanze: Geschichte. Von der auch Gysi Teil ist – er war zweimal zu Gast in Schmidts Show. „Du warst von allen Politikern der beste“, lobt ihn Schmidt. Ähnlich wie bei Schauspieler und Kabarettist Ottfried Fischer („Der Bulle von Tölz“) hätten sie bei Gysi davor „zwei Blöcke weniger“ senden müssen, „das war kostengünstig für uns, da mussten wir das teure Material nicht kaufen“.
Heute braucht Schmidt keine 170 Shows mehr im Jahr. Auch keinen Sender, der ihm einen Platz bietet. „Das hier ist doch 1000 Mal lustiger!“, sagt er zu Gysi: „19.30 Uhr in Tübingen, Biberach oder Pfullendorf, und die Gemeinde hat zu erscheinen.“ Dazu noch ab und zu Moderator, beim Wagner-„Ring“ in Zürich beispielsweise oder bei den Salzburger Festspielen oder als Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, hier und da auf der Theaterbühne eine Rolle spielen, dann mal eine Kolumne schreiben oder ein Buch, und sich auf dem „Traumschiff“ durch die Welt schippern lassen. Dort, empfiehlt Schmidt, sollten alle Politiker mal mitfahren – um zu erleben, wohin die Tendenz bei der „hart arbeitenden Mitte“ politisch geht: „Da würde sich so mancher wundern.“
Dieser Artikel erschien zuerst in der „Südwest Presse“.