Harsche Kritik an Deutscher Bahn Deutsche Bahn kassiert bei Familien ab

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Die Abschaffung der vergünstigten Platzreservierung für Eltern und Kindern stößt bei Verbänden, Politik und Experten auf scharfe Kritik. Die Bahn zeigt sich unbeeindruckt.

Korrespondenten: Thomas Wüpper (wüp)

Für völlig daneben hält Felix Berschin die kurzfristige Ankündigung der Deutschen Bahn AG, schon mit dem Fahrplanwechsel am kommenden Sonntag die vergünstigte Platzreservierung für Eltern und mitreisende Kinder abzuschaffen. Der Verkehrsberater ist mit seiner Bahncard häufig auf der Schiene unterwegs und ärgert sich seit Jahren über die immer teureren Reservierungen, die Reisende zusätzlich zum Ticketpreis bezahlen müssen, wenn sie in den oft vollen oder gar überfüllten DB-Zügen einen garantierten Sitzplatz bekommen wollen.

 

Ab Sonntag verlangt der Transportriese für Reservierungen in seiner ICE-Flotte erneut mehr. Der Preis pro Platz steigt in der zweiten Klasse um 30 Cent auf 5,50 Euro, in der ersten Klasse um 40 Cent auf 6,90 Euro. Die ermäßigte Familienreservierung von 10,40 Euro fällt ersatzlos weg. Eltern und Kinder sollen nun einzeln zahlen. Für eine vierköpfige Familie bedeutet das mehr als eine Verdoppelung auf 22 Euro pro Fahrt. Eine Zugreise zur Verwandtschaft und zurück kostet damit allein schon 44 Euro für die Reservierungen.

Pro Bahn übt scharfe Kritik

Der Fahrgastverband Pro Bahn kritisiert die Kostensteigerungen und warnt, dass Eltern mit Kindern deshalb künftig die Bahn links liegen lassen. „Insbesondere bei Reisen mit Familie sind die Kosten gegenüber dem Auto ein wichtiges Entscheidungskriterium“, sagt Tarifexperte Jörg Bruchertseifer. Der Verband fordert, dass die Politik eingreift und die Regierung das Vorhaben des größten Staatskonzerns stoppt. Bei operativen Entscheidungen wie den regelmäßigen Preiserhöhungen für Tickets hat die Aktiengesellschaft jedoch große Handlungsfreiheit.

Für Bahnexperte Berschin ist die Abschaffung der Familien-Platzreservierung „Ausdruck von reiner Panik bei DB Fernverkehr“. Die ICE-Sparte des Konzerns fuhr voriges Jahr 245 Millionen Euro operative Verluste nach Zinsen ein, nochmals 115 Millionen mehr als zuvor. Ein Grund sind hohe Abschreibungen und Zinsbelastungen für neue Züge. Die Zahl der Reisenden sank von 140 auf 133 Millionen, die Verspätungen erreichten Rekordniveau wegen Betriebsproblemen und der überalterten Infrastruktur. Zeitweise kam nicht einmal mehr jeder zweite ICE halbwegs pünktlich ans Ziel. „Man kann nur dringend empfehlen, dass Kunden diese DB-Abzocke boykottieren und ihren Platz für weiterhin drei Euro zum Beispiel bei der ÖBB kaufen“, rät Berschin.

Tickets für die ICE-Flotte sind auch bei DB-Partnern wie den Österreichischen Bundesbahnen online buchbar und die Reservierungen ausgewählter Plätze kosten dort bisher teils deutlich weniger. Früher habe auch die DB den Einheitspreis von 3 Euro verlangt, online habe die Reservierung nur 1,50 Euro gekostet. Doch viele Ermäßigungen seien nach und nach gestrichen und der Preis zusehends verteuert worden.

Der Bahnexperte hält das bisherige Tarifsystem für dringend reformbedürftig. Da dem Vernehmen nach inzwischen mindestens 70 Prozent der Reisenden vergünstigte Tickets mit Zugbindung buchten, richte das zusätzliche Abkassieren für Reservierungen mehr Schaden an als es bringe. Wie in anderen Ländern sollte die Reservierung generell inklusive sein, fordert Berschin. Dann könnten Fahrgäste bei Zugausfällen oder Überbesetzung auch leichter automatisch umgebucht werden.

Für Pro Bahn ist die Verteuerung ebenfalls ein Schritt in die falsche Richtung. „Bei gleichzeitiger Buchung eines digitalen Tickets sollte die Reservierung für mitreisende Kinder nicht teurer werden“, fordert Tarifexperte Bruchertseifer. Diese Lösung sei „bei kundenorientierter Digitalisierung technisch problemlos möglich“. Gerade Familien sollten gefördert werden, wenn es um klimafreundliche Mobilität geht.

Es gibt Sparmöglichkeiten

Für Familien gibt es nur beschränkte Möglichkeiten, die verteuerten Reservierungen zu vermeiden. Denn die Familienbereiche in den Zügen sind oft rasch ausgebucht. Wer sie ohne Platzgarantie nutzen will, hat das Risiko, keine Sitze mehr zu bekommen und dann im Zug mühsam und nervig nach Ersatz suchen zu müssen. In weniger ausgelasteten Zügen – etwa außerhalb der Ferien oder zu Randzeiten – kann man aber oft auch ohne Reservierung zusammensitzen. Die Buchungsübersicht im DB Navigator oder unter bahn.de zeigt die Auslastung an.

Mit der BahnCard und Sparpreis-Angeboten lassen sich die Ticketkosten generell verringern. Kinder unter 15 Jahren fahren weiterhin kostenlos mit, wenn sie auf dem Ticket der Eltern eingetragen sind. Bei sehr teuren Bahnangeboten kann es sich lohnen, Fernbusse oder Mitfahrgelegenheiten als Alternative zu prüfen. Womöglich korrigiert die DB-Spitze auch noch die Entscheidung zur Abschaffung der Familien-Reservierung – es wäre nach Kritik aus der Öffentlichkeit und Politik nicht das erste Mal.

Die Bahn bleibt hart

Keine Änderung
Ungeachtet großer Kritik an der geplanten Abschaffung der Familienreservierung hält die Deutsche Bahn an ihrem Vorhaben fest. „Die Familienreservierung werden wir ab dem 15. Juni nicht mehr anbieten“, so eine Konzernsprecherin.

Kritik
Politiker von CDU, SPD, Grünen und Linken forderten ein Umdenken der Bahn. Der Vorwurf lautete unter anderem, dass die Bahn Familien ins Auto treibe. Eine Familienreservierung für 10,40 Euro ist bislang für bis zu fünf Personen möglich. Steffen Bilger, Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, sagt: „Mit der Abschaffung der Familienreservierung riskiert die Bahn leichtfertig einen weiteren Imageverlust.“

Mehr Kritik
Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge: „Wer den Umstieg auf die Schiene will, muss ihn einfacher und bezahlbarer machen, nicht komplizierter und teurer.“ Bundesverbraucherschutzministerin Stefanie Hubig (SPD): „Ich würde es sehr begrüßen, wenn die Verantwortlichen ihre Pläne noch einmal überdenken. Die Bahnfahrt zu den Großeltern oder in den Urlaub darf nicht an zu hohen Kosten scheitern“.  

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