63-jähriger Lieferando-Fahrer aus Stuttgart „Ich gucke mich jeden Tag an, was ich noch kann“

Mit dem E-Bike von Tür zu Tür: Erhard Lippek ist mit 63 Jahren einer der ältesten Lieferando-Fahrer. Foto: Daniel Gräfe

Die Arbeitsbedingungen der Stuttgarter Lieferando-Fahrer sind oft hart, Beschimpfungen nehmen zu. Viele Fahrer kämpfen für einen Tarifvertrag – so auch Erhard Lippek. Doch was kommt jetzt?

Geld/Arbeit: Daniel Gräfe (dag)

Zur Abendschicht macht sich Erhard Lippek für die kalten Stunden bereit. Er zieht die dicke Lieferando-Jacke und den Helm über, verstaut im ausladenden Rucksack Kaffee, Banane und Schokoriegel. „Nichts ist schlimmer, als unterwegs Hunger zu bekommen“, meint er und loggt sich in die Lieferando-App ein. Schon bald trudelt die erste Bestellung ein: Pizza. Ein Klassiker.

 

Den Arbeitsalltag kennen nur wenige

Schon kurz darauf ist Lippek auf seinem Fahrrad ein großer, oranger Punkt, der sich durch die Stuttgarter Innenstadt schlängelt. Orange ist das Markenzeichen der Lieferando-Fahrer, auch „Rider“ genannt. Ständig pendeln sie zwischen Restaurants und Imbissbuden zu den Bestellern und liefern zügig Pizzen, Burger, Peking-Ente und Sushi ab. Man kennt ihre flotte Fahrweise, ihre Rucksäcke, das Klingeln an der Tür – doch vom Arbeitsalltag bekommt man meist nur wenig mit.

Seit 2018 ist Lippek für Lieferando unterwegs und mit 63 Jahren einer der der ältesten Lieferando-Fahrer. Meist fährt er die Schicht von 16.30 Uhr bis 21.30 Uhr, auch an den Wochenenden. Diese sind bei den Fahrern wenig beliebt. Dann sind die Kunden zwar meist entspannter, die Strecken durch die volle City aber werden zur Hindernistour. Ohnehin erschweren die Stuttgarter Hügel, die langen Strecken bis nach Fellbach und Kornwestheim und die Winterkälte trotz E-Bike die Fahrten, dazu kommen überfrorene Straßen und die frühe Dunkelheit. „Ich fahre immer mittig“, sagt Lippek, der Sicherheitsbeauftragter bei Lieferando ist. „Auch wenn die Autos hinter mir hupen.“

Jüngst ist ein Lieferando-Fahrer schwer verunglückt

Sicherheit ist das Hauptthema in den Fahrergesprächen. Rund 200 Fahrer, meist Männer, sind für Lieferando in Stuttgart unterwegs – etwas mehr mit dem Auto als mit dem Fahrrad, dazu ein paar mit dem Moped. „Das ist am gefährlichsten“, meint Lippek. Jüngst sei ein Mopedfahrer in Möhringen schwer verunglückt. Auch Lippek hat es schon einmal „geschmissen“, wie er sagt, als die Tür eines Autos aufging.

Die Fahrer nehmen das Risiko in Kauf, weil der Job flexibel und leicht zu bekommen ist. Die Mehrzahl hat einen Migrationshintergrund, stammt aus Indien, dem Iran, Syrien oder der Türkei. Alle Fahrer erhalten den gesetzlichen Mindestlohn von 12,82 Euro die Stunde. Mit der Zahl der Aufträge gibt es pro Fahrt einen Bonus: ab dem 25. Auftrag 25 Cent, ein Euro ab dem hundertsten, zwei Euro, wenn es über die 200 geht. So möchte das Unternehmen Fahrer zu mehr Fahrten animieren, die Fluktuation ist wie auch sonst in der Branche hoch.

Lippek hätte es gerne, wenn es weniger Fluktuation und mehr Gespräche und Solidarität unter den Fahrern gäbe. Lippek ist in Stuttgart im Betriebsrat von Lieferando und setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen ein. Etwa, dass das Arbeitshandy von Lieferando wieder gestellt wird, so wie es früher einmal war. Zwar seien die Arbeitsbedingungen der Lieferando-Fahrer im Vergleich zur Konkurrenz wie Wolt oder Uber Eats etwas besser. Dennoch drängen Lippek und seine Kollegen auf einen Tarifvertrag, den die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mit Lieferando verhandeln soll. Sie fordern einen Stundenlohn von 15 Euro und Urlaubsgeld. Auch soll es Zuschläge für die Abend- und Wochenendschichten geben. Im Dezember gingen in Stuttgart Dutzende Lieferando-Fahrer bei einem Warnstreik auf die Straße, weil die Geschäftsführung noch immer nicht auf die seit zwei Jahren vorgetragenen Forderungen eingegangen ist. Schon zuvor hatten etliche der bundesweit 7000 Beschäftigten in Dortmund, Köln, Berlin und Frankfurt ihre Arbeit ausgesetzt.

Das Unternehmen selbst sagt auf Anfrage, man biete den Beschäftigten bessere Konditionen als in der Branche üblich – etwa eine Direktanstellung und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Die große Mehrheit der Fahrerinnen und Fahrer würde Lieferando als Arbeitgeber empfehlen.

Lukas Frey /privat

In Stuttgart streikte auch Lukas Frey, Mitglied der Tarifkommission und Lippeks Betriebsratskollege. „Wir haben an diesem Tag erreicht, dass in den Restaurants kaum Essen ausgefahren wurde“, sagt er. Man habe die Unsicherheiten satt – dass Lieferando etwa die Arbeitszeit gekürzt und die Strecken verlängert habe – und fordere mehr Sicherheiten. Dennoch sei es schwierig, die Fahrerinnen und Fahrer für den Streik zu vereinen. „Jeder ist für sich allein unterwegs. Bei manchen hängt auch die Aufenthaltserlaubnis vom Job ab.“ Frey war einer der ersten Lieferando-Kuriere in Stuttgart und fährt derzeit zwölf Stunden die Woche Essen aus. „Früher galten Kuriere mal als hip, jetzt ist der Job alltäglicher, aber auch rauer geworden“, sagt der 27-jährige Lehramtsstudent. „Die Kollegen berichten, dass es immer mehr rassistische Beleidigungen und Bemerkungen gibt.“

Er selbst fühle sich manchmal fehl am Platz, etwa wenn er in verschwitzter Kleidung in einem schickeren Restaurant das Essen entgegennehmen müsse. „Manchmal werden wir auch angewiesen, den Weg durch den Hintereingang oder die Küche zu nehmen.“ Dennoch will Frey zwei weitere Jahre für Lieferando fahren, bis er sein Studium beendet hat. Lippek arbeitet noch immer in Vollzeit bei Lieferando, ist als Betriebsrat weniger oft unterwegs. Im Januar hat er 100 Stunden lang und 900 Kilometer weit Essen ausgefahren. Für die 300 Aufträge erhielt er gerade einmal 124 Euro Trinkgeld – schon seit einiger Zeit hielten die Kundinnen und Kunden das Geld noch mehr zusammen als zuvor, meint er. Und wie achtet er mit seinen 63 Jahren auf sich? „Ich gucke mir jeden Tag an, was ich noch kann.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Streik