Marc Gegenfurtner leitet das Kulturamt in Stuttgart Foto: dokville
Stuttgarts Kultureinrichtungen ringen mit den Folgen des Sparkurses der Stadt. Erstmals nach den Beschlüssen äußert sich jetzt Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner.
Nikolai B. Forstbauer
22.01.2026 - 08:52 Uhr
Der harte Sparkurs der Stadt Stuttgart verändert die Kulturszene schon jetzt merklich. Wie sieht Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner die Situation? Wir haben nachgefragt.
Herr Gegenfurtner, in der Vielzahl der Kürzungen im Kulturbereich ist manche reale Härte noch gar nicht benannt. Ist es richtig, dass die Zahlungen an die Freie Kunstschule Stuttgart seit 1. Januar eingestellt sind? Und läuft aus Ihrer Sicht der Betrieb in diesem Jahr überhaupt noch weiter?
Der erhebliche Konsolidierungsbedarf im städtischen Haushalt führt unter anderem dazu, dass in den Haushaltsplanberatungen beschlossen wurde, die städtische Förderung der Freien Kunstschule von 2026 an vollständig zu streichen. Es bestehen Rücklagen in ausreichender Höhe, die zur Abwicklung des anstehenden Transformations- oder Auflösungsprozesses entsprechend der Satzung genutzt werden können. Der Lehrbetrieb bis zum Sommer 2026 kann damit ebenfalls sicher gestellt werden.
Bleiben wir mal bei der bildenden Kunst: Der Trägerverein für den Ausstellungs- und Veranstaltungsraum Kunstbezirk geht davon aus, das Programm erheblich reduzieren zu müssen. Welche Möglichkeiten sehen Sie, diesen Ort gleichwohl belebt zu halten?
An einer Reduzierung der Programme werden einige Kulturanbieter nicht umhin kommen, darunter übrigens auch die städtischen. Die Kunstbezirk-Galerie im Gustav Siegle Haus wird bisher zu mehr als 95 Prozent durch städtische Gelder finanziert. Eine Erweiterung der Drittmittel und Erschließung weiterer Einnahmequellen ist daher unablässig. Es gibt andernorts verschiedene Beispiele, wie Räume über Kooperationen aber auch passende Vermietungen neu positioniert werden können. Hier sind neue Wege und Perspektiven unerlässlich, wie übriges in einigen anderen Bereichen auch.
Der Ausstellungsraum Kunstbezirk sieht sich unter Druck Foto: Kunstbezirk
Szenenwechsel: Das Aus für das Literaturfestival Stuttgart reißt eine reale inhaltliche Angebotslücke. Führen Sie Gespräche, konventionellere Angebote neu zu positionieren?
Ja, dem jungen Pflänzchen eines gut gedeihenden Literaturfestivals mit sichtbar neufarbigen Blüten wurden zentrale Wurzeln ausgerissen. Den Auftrag, auch neue Zielgruppen mit dem Festival zu erreichen und weitere Kooperierende einzubeziehen, hatten wir in den vergangenen zwei Ausgaben erfüllt. Wir werden natürlich nun in der gewohnt kooperativen Weise darüber sprechen, wie wir Erreichtes halten und ausbauen können. Dabei leiten uns aber weiterhin eher Kategorien wie Erweiterung, Teilhabe und Zukunftsfähigkeit, weniger Konvention.
Und auch bei den Theatern sind die Einschnitte erheblich. Führen Sie bereits Gespräche mit den Kleintheatern, Spielstätten gemeinsam zu nutzen?
Hier sind wir wieder beim Diskurs über die Nutzung von Räumen: es gibt zwischen der neuen Geschäftsführung der Freien Tanz- und Theaterszene und der „Solidargemeinschaft Stuttgarter Theater“ bereits einen Austausch über potenzielle Nutzungsmöglichkeiten der Privattheater in Stuttgart. In diesen Auslotungsprozess ist sowohl die Kulturpolitik als auch die Kulturverwaltung einbezogen. Im Doppelhaushalts-Antrag 1332/2025, der weitgehend so beschlossen wurde, wird auch auf Synergieeffekte zwischen Freier Szene und Privattheatern abgezielt.
Schnell gefordert war in den Spardebatten auch, die Struktur und die Angebote des künftigen Hauses für Film und Medien neu zu justieren und gegebenenfalls an die Anfragen anderer Kultureinrichtungen anzukoppeln. Wie sehen Sie das?
Die Arbeit am Stuttgart Moving Image Center wie das Haus für Film und Medien ja inzwischen firmiert, geht für uns in gewohnter Weise weiter. Zur Justierung sehe ich keinen Grund, zumal die Arbeit am betrieblichen Feinkonzept ohnehin schon mit dem aus derzeit 24 institutionalisierten Mitgliedern bestehenden Verein reibungslos und konstruktiv verläuft. Sinnvolle Synergien auch bereits im Vorfeld der Eröffnung sind hier natürlich von Anfang an mitgedacht.
Setzt vor allem bei Festivals auf Drittmittel: Theater Rampe in Stuttgart Foto: Rampe
Kommt nicht die eigentliche Negativwelle erst noch? Für 2028 wird ja eine weiteres deutliches Minus im Gesamthaushalt erwartet – wohl doch mit entsprechenden folgen für die Kulturförderung. Wie geht es Ihnen damit?
Unabhängig von der Ausprägung des Kommenden sage ich ja schon seit längerem, dass wir vor dem Hintergrund der vielfältigen Herausforderungen nicht im selben Wachstumsdenken weitermachen können wie bisher. Es ist angezeigt, dass wir unsere Arbeitsweise, die Strukturen und auch die Wirkung unserer Arbeit mehr hinterfragen. Daher nähern wir uns schon seit längerem den Themen Teilhabe in einem sehr umfassenden Sinne, soziale Frage der Kulturschaffenden und auch einem Nachhaltigkeitsdiskurs mit den interessierten Kulturanbietern an. Denn um die kulturelle Vielfalt in Angebot und Nachfrage erhalten zu können, müssen wir viel ändern. Und das fängt bei uns selbst an, nicht bei den anderen. Deshalb wird der solidarische Gedanke auch weiterhin ein leitender sein.
Und zuletzt – viel diskutiert wurde über die Abhängigkeit zahlreicher Kultureinrichtungen von Drittmitteln und damit jeweils von der Möglichkeit, überhaupt die notwendigen Eigenbeiträge stemmen zu können. Die Vielzahl der Gelder kommt über die Bundeskulturstiftung in Halle. Wie ist der Stand der Gespräche über etwaig niedrigere Eigenbeiträge? Nach dem Land war hier ja auch die Stadt aktiv geworden.
Gespräche mit der Kulturstiftung des Bundes führe ich ohnehin kontinuierlich. Ich habe aus aktuellem Anlass die Kulturstiftung sehr zeitnah auf die Notwendigkeit eines flexiblen Umgangs hingewiesen und bin damit sicherlich nicht der Erste aus kommunalen Zusammenhängen gewesen. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass die Kulturstiftung des Bundes an der Realisierung von Projekten ebenso interessiert ist wie die Institution und auch wir selbst. Aber letztlich entscheiden das die Kulturstiftung und ihre Gremien selbst. Die Förderung mit Bundesmitteln betrifft tatsächlich einige programmatisch wichtige Institutionen Stuttgarts, aber bei weitem nicht den Großteil der städtisch geförderten Einrichtungen. Wir werden das in Zukunft stärker in den Blick zu nehmen haben.