Haupt- und Landgestüt Marbach „Abends echt platt“ – junge Stuttgarterin macht Ausbildung zur Pferdewirtin

Priska Flad mit ihren Jungs – die 18-jährige Stuttgarterin macht eine Ausbildung zur Pferdewirtin im Haupt- und Landgestüt Marbach. Foto: Andy Reiner/Sichtlich Mensch

Mit sechs wollte Priska Flad reiten lernen. Heute macht sie im Haupt- und Landgestüt Marbach ihre Ausbildung zur Pferdewirtin. Wie kommt man an so eine prestigeträchtige Lehrstelle?

Freizeit und Unterhaltung: Theresa Schäfer (the)

Da kommen sie angestakst auf ihren langen Beinen. Sie sind braun, schwarz, grau, haben weiche Nüstern, große Ohren und sind sehr interessiert an der Reporterin. Der Stift, der Block, alles muss beschnuppert werden. Die Hengstfohlen, sagt Priska Flad, sind wie kleine Kinder: „Alles Neue ist wahnsinnig interessant.“

 

Die 18-Jährige ist eine von derzeit 45 Auszubildenden im Haupt- und Landgestüt Marbach. Im Herbst hat sie angefangen, ihre Zeit auf dem Vorwerk Hau, wo die Warmblut-Hengstfohlen stehen, geht bald zu Ende. Dann heißt es für sie Abschied nehmen von ihren Jungs. Nächste Station für die junge Stuttgarterin: Der Fohlenhof. Hier stehen die weiblichen Fohlen und der Nachwuchs der anderen Rassen – Araber oder Schwarzwälder Kaltblüter zum Beispiel.

Drei Jahre dauert Priska Flads Ausbildung zur Pferdewirtin. Die 18-Jährige hat die Fachrichtung „Pferdehaltung und Service“ gewählt. Pferde spielten im Leben der jungen Frau schon immer eine wichtige Rolle. Sie ist sechs, als sie auf der Animal Farm im Feuerbacher Tal das Reiten lernt. Ihre erste Pferdeliebe: Ygglir, ein Isländer-Wallach. Fast jeden Nachmittag radelt sie von Botnang nach Feuerbach, übernimmt Stalldienste, begleitet jüngere Kinder beim Ausreiten. „Von Ygglir“, sagt Priska Flad, „habe ich viel gelernt.“

Marbach ist das älteste Staatsgestüt Deutschlands

Irgendwann nimmt der Gedanke Gestalt an: Das könnte doch auch ein Beruf sein. Nach der elften Klasse macht die Stuttgarterin einen Bundesfreiwilligendienst beim Reit- und Fahrverein in Fellbach. Und bewirbt sich anschließend bei zwei Isländerhöfen – und in Marbach. Als sie zum Gespräch eingeladen wird, ist Priska Flad ordentlich aufgeregt. Marbach. Das älteste Staatsgestüt in Deutschland. Seit über 500 Jahren werden hier Pferde gezüchtet. Das Haupt- und Landgestüt auf der Schwäbischen Alb ist der größte Ausbilder für den Beruf Pferdewirt in der ganzen Republik. Mehr Renommee geht kaum. Von der dänischen Grenze, aus Potsdam und sogar aus Kalifornien kommen Menschen, um hier eine Ausbildung zu machen.

Es gibt nicht nur ein Vorstellungsgespräch, Priska Flad muss auch vorreiten. Auf den Großpferden von Marbach ist das eine andere Nummer als auf Ygglir, dem Isländer. Aber es klappt. Im September 2025 fängt die 18-Jährige ihre Ausbildung im Haupt- und Landgestüt an.

Erste Station bei den Hengstfohlen

Ihre erste Station: Das Vorwerk auf dem Hau. Hier bringen ihre Ausbilderin Katrin Lindenberger und ihr Team den Hengstfohlen bei, was sie lernen müssen. Vor allem: Vertrauen – Menschen sind etwas Gutes, sie bedeuten Futter, Ansprache, Streicheleinheiten. „Unser wichtigstes Ziel ist es, eine Beziehung zu den Pferden aufzubauen“, erklärt Lindenberger.

Die Junghengste auf dem Weg in den Laufzirkel. Foto: Andy Reiner/Sichtlich Mensch

Mit sechs Monaten verlassen die Hengstfohlen ihre Mütter und kommen auf den Hau. Der ist „wie ein Kindergarten für Pferde“, sagt Priska Flad. Gerade sind die rund 100 Junghengste noch in zwei großen Laufställen, sobald es wärmer wird und die Weiden abgetrocknet sind, so dass sie unter den Hufen nicht kaputt gehen, kommen sie nach draußen.

Damit sie auch im Winter die nötige Bewegung bekommen, dürfen die Fohlen für mehrere Stunden in Gruppen zum Spielen und Toben in den Laufzirkel. Nicht nur die eigenen Fohlen betreuen die Marbacher hier, sondern auch Jungpferde, die von Privatpersonen aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland beim Haupt- und Landgestüt in Pension gegeben werden.

Aufgaben haben die Hengstfohlen noch keine – außer: „Kind sein“, sagen die Mitarbeiterinnen. Aber zu lernen gibt es für die Jungpferde doch eine Menge. Lindenberger und ihr Team üben mit ihren Schützlingen jeden Tag: Am Halfter gehen, Hufe geben, sich putzen und bürsten lassen. Auch mit dem Hufschmied und dem Tierarzt machen die Fohlen erste Bekanntschaft. Ansonsten „dürfen sie einfach klein sein“, sagt Priska Flad, die man sich mit ihrer sanften, ruhigen Art auch in einem echten Kindergarten gut vorstellen könnte. Jedes Fohlen, erzählt sie, habe seinen eigenen Charakter: „Es gibt die ganz Vorwitzigen und die eher Schüchternen.“ Klar, dass man irgendwann alle beim Namen kennt.

Marbach bekommt vor allem Bewerbungen von Frauen

Auf dem Hau sieht man an diesem Vormittag fast nur Frauen. 90 Prozent der Bewerbungen für einen der Ausbildungsplätze, sagt Landoberstallmeisterin Astrid von Velsen-Zerweck, kommen von Frauen. So ändern sich die Zeiten: „Als ich hier angefangen habe, war das der reine Männerladen“, erzählt die 58-Jährige.

Seit 2007 leitet sie das älteste staatliche Gestüt Deutschlands – als erste Frau in der über 500-jährigen Geschichte Marbachs. Erst in den 1970er Jahren wurde der Gestütsbetrieb überhaupt für Frauen geöffnet. Jahrhundertelang waren Berufe rund ums Pferd und Reiten eine Männerdomäne, heute ist es genau umgekehrt: Besonders Mädchen suchen ihr Glück auf dem Rücken der Pferde. Velsen-Zerweck bedauert die weibliche Übermacht: „Eine gute Mischung wäre schön.“

Jeweils sechs Monate lang bleiben die Azubis auf den Stationen auf den drei Gestütshöfen und vier Vorwerken. So bekommen sie einen Einblick in alle Bereiche des Haupt- und Landgestüts: Sie erleben Fohlengeburten, Leistungsprüfungen, arbeiten in der Landesreit- und Landesfahrschule oder auf der Besamungsstation mit. „Das ist der Vorteil eines so großen Gestüts“, sagt Katrin Lindenberger, die selbst ihre Ausbildung in Marbach gemacht hat, „dass man diese Vielfalt hat.“

Noch ein Vorteil: Bei einem Haupt- und Landgestüt gibt es Tarifverträge, geregelte Arbeitszeiten werden eingehalten. Das ist längst nicht bei allen Betrieben so. Und wenn man irgendwo seinen ultimativen Traumberuf ergattert hat, traut man sich womöglich nicht, auf Acht-Stunden-Arbeitstage zu pochen.

Sechs Monate hat Priska Flad auf dem Hau mitgearbeitet. Foto: Sichtlich Mensch/Andy Reiner

Alle drei bis sechs Wochen haben Priska Flad und die anderen Auszubildenden Berufsschule in Münsingen. Hier lernen sie neben Deutsch, Englisch oder Wirtschaft auch alles, was man als Pferdewirt oder Pferdewirtin wissen muss: Die Anatomie der Vierbeiner steht genauso auf dem Lehrplan wie die Berechnung von Futtermengen.

Die Azubis wohnen in WGs zusammen

Die meisten Azubis leben in Wohngemeinschaften zusammen. Priska Flad wohnt in einer Sechser-WG in Sankt Johann. Manchmal kochen sie zusammen, sie waren auch schon mal gemeinsam in einem Club, aber hoch oben auf der Schwäbischen Alb ist natürlich ausgehtechnisch weniger geboten als in Stuttgart. „Meistens bin ich abends aber auch echt platt“, sagt die 18-Jährige. So ein Tag mit energiegeladenen Jungpferden ist auch körperlich anstrengend.

Laufstall und Laufzirkel auf dem Hau aus der Vogelperspektive. Foto: Sichtlich Mensch/Andy Reiner

Ohne Führerschein würde sie sich in der ländlichen Idylle zwischen Münsingen und Bad Urach schwer tun. Und Priska Flad fährt an den Wochenenden mit dem Auto auch die gute Stunde nach Stuttgart, weil sie dort inzwischen ihr eigenes Pferd hat: Brynja, eine zehn Jahre alte Isländerstute. „Ich wollte kein Pferd kaufen“, sagt die junge Frau, „aber mit Brynja hat es sich einfach so ergeben.“

An diesem Vormittag auf dem Vorwerk Hau sind alle Junghengste erst einmal versorgt. In Gruppen dürfen sie jetzt in den Laufzirkel, spielen und sich auslaufen. Was jetzt noch ansteht? „Wir werden die Zäune kontrollieren und reparieren“, sagt Katrin Lindenberger. Schließlich sollen die Jungpferde bald auf die Weide, jetzt wo es auch auf der Alb endlich wärmer wird. Und später kriegen die Fohlen dann schon wieder Futter. In so einem Pferdekindergarten gibt es immer was zu tun.

Arbeitsplatz Marbach

Haupt- und Landgestüt Marbach
Das größte und älteste staatliche Gestüt Deutschlands hat nicht nur eine große Pferdezucht. Die Jungpferde werden in Marbach angeritten, verkauft oder zur weiteren Zucht eingesetzt. In Marbach befindet sich die baden-württembergische Landesreit- und Landesfahrschule und das Kompetenzzentrum Pferd Baden-Württemberg. Auf über 960 Hektar und drei Gestütshöfen mit vier Vorwerken wird ökologischer Landbau betrieben. Weit bekannt sind die traditionellen Hengstparaden im Herbst. Das Gestüt lockt jährlich über eine halbe Million Besucher ins Unesco-Biosphärengebiet Schwäbische Alb.

Ausbildung
Mit 45 Auszubildenden ist Marbach der größte Ausbilder für Pferdewirte in Deutschland. In der Pferdewirt-Ausbildung kann man sich hier in drei Fachrichtungen spezialisieren: „Pferdehaltung und Service“, „Pferdezucht“ und „Klassische Reitausbildung“. Auf dem Gestüt werden außerdem Landwirte und Hufbeschlagschmiedepraktikanten ausgebildet.

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