InterviewHauptdarsteller Dimitrij Schaad über die „Känguru-Chroniken“ „Ich bin auf einen Shitstorm vorbereitet“

Von André Wesche 

„Die „Känguru“-Chroniken des Kabarettisten Marc-Uwe Kling haben am Buchmarkt schon große Sprünge gemacht. Nun ist ihre Verfilmung im Kino. Die Überraschung: Der Theaterjungstar Dimitrij Schaad hat die menschliche Hauptrolle übernommen.

Marc-Uwe (Dimitrij Schaad, re.) muss dem schmarotzerischen Känguru mal wieder Pfannkuchen backen. Foto: X-Verleih
Marc-Uwe (Dimitrij Schaad, re.) muss dem schmarotzerischen Känguru mal wieder Pfannkuchen backen. Foto: X-Verleih

Stuttgart - Es ist so eine Sache mit sehr beliebten Büchern: In jedem Leserkopf lassen sie andere Bilder entstehen. Die Gefahr der massenhaften Enttäuschung ist auch bei den „Känguru-Chroniken“ nicht wegzureden. Der gebürtige Kasache Dimitrij Schaad, der den Chaoten Marc-Uwe spielt, ist sich des Risikos bewusst und trotzdem guten Mutes.

Herr Schaad, war Ihnen von Anfang an bewusst, an was Sie sich da herantrauen?

(lacht) Nein. Mein Freundeskreis und meine damalige Partnerin hatten davon erzählt. Aber die schiere Größe dieses Kultbuches, das einen Leserkreis von 8 – 88 hat, hatte ich gar nicht auf dem Schirm.

Mussten Sie sich gegen altgediente Filmhelden durchsetzen?

Ich glaube, man hat nach unverbrauchten Gesichtern Ausschau gehalten. Den Mut, bei einem potenziellen Millionenhit auf einen Darsteller zu setzen, den noch kein Schwein kennt, beweist man in Deutschland nicht allzu oft.

Inwiefern haben Sie mit Marc-Uwe Kling zusammengearbeitet?

Wir haben uns ein paar Mal getroffen. Marc-Uwe hat diesen sehr speziellen, trockenen Humor, der eine Herausforderung für mich war. Da hat es mir schon sehr geholfen, ihn privat kennenzulernen und sprechen zu hören.

Was ist er für ein Mensch?

Marc-Uwe ist ein gewitzter, kluger Mensch, der sehr bei sich ist. Er weiß sehr genau, was er will, aber er ist auch wahnsinnig unaufdringlich. Ich rechne es ihm sehr hoch an, dass er sich in diesem hart umkämpften Markt entschlossen hat, keine direkten Interviews mehr zu geben. Damit schützt er sich, um sich auf seine Arbeit konzentrieren zu können. Das finde ich sehr bewundernswert.

Hat es lange gedauert, sich an den imaginären Schauspielpartner zu gewöhnen?

Das ging erstaunlich schnell. Es gab immer wieder Ausflüge, bei denen ich gedacht habe: „Wow, das ist gerade wahnsinnig merkwürdig, was wir hier machen.“. Aber vielleicht kommt mir dabei mein Theaterkosmos entgegen, in dem man in Shakespeare-Manier auf die Bühne kommt und sagt: „Ach, das ist ein schöner Wald!“. Und man akzeptiert das einfach.

Das Känguru boxt gegen rechts, gegen Gentrifizierung und sonstige kapitalistische Auswüchse. Haben Sie einen Reim darauf, warum dieses Tier so gut als Botschafter solcher Themen funktioniert?

Diese Frage habe ich mir natürlich selbst schon öfter gestellt und ich konnte mir nie eine vernünftige Antwort darauf geben. Ich habe mich bisher auch noch nicht getraut, Marc-Uwe danach zu fragen. Aber vielleicht ist es an der Zeit, dass er mir mal eine griffige Antwort auf dieses Frage aufschreibt. Das Faszinierende ist doch, dass das Känguru irgendwie weit weg und sehr exotisch ist und trotzdem ganz da ist und gut funktioniert. Aus irgendeinem magischen Grund ist das lustig und treffend. Und ich habe keine Ahnung, warum.

Steht Ihnen das Känguru ideologisch nahe?

Ich glaube, dem gemäßigten Anarchisten Marc-Uwe stehe ich persönlich näher als dem Vollblutkommunisten Känguru. Aber ich kann seine Bedürfnisse und Wünsche durchaus nachvollziehen.

Wie wohl fühlen Sie sich im Deutschland von 2020?

Das ist eine sehr schwierige, politische Frage. Ich muss schon sagen, dass mich die Ereignisse in Thüringen sehr mitgenommen und nachdenklich gemacht haben. Eine Stadt wie Berlin ist ein Biotop, in dem man sich sehr wohlfühlen kann. Es ist eine sehr diverse Stadt, in der ich mich geborgen und zuhause fühle. Ich weiß aber auch, dass es Ecken in Deutschland gibt, in denen ich und meine Eltern mit unserer Herkunft wohl nicht so frei und glücklich leben könnten. Das ist etwas sehr Bitteres. Das Problem des Rechtsextremismus in Deutschland hat lange geschwelt und ich weiß gar nicht, ob es vielleicht ganz gut ist, wenn es jetzt mal an die Oberfläche gelangt und in der Mitte der Gesellschaft endlich ankommt, dass es ein riesiges Problem gibt.

Zu einem ganz anderen Thema. Haben Sie selbst WG-Erfahrung?

Ich habe während des Studiums einmal einen Monat bei einem Studienfreund verbracht. Und einmal habe ich zwei Monate in einer WG mit einer Cellistin gelebt. Beziehungsweise habe ich mich in känguruartiger Schmarotzerhaftigkeit bei ihr eingenistet, bis ich meine erste eigene Wohnung in Berlin gefunden habe. Ich genieße doch sehr die Ruhe einer eigenen Wohnung.

Man kann es nie jedem recht machen. Sind Sie auf den einen oder anderen Shitstorm vorbereitet?

Hui! Eine gute Frage, die ich mir selbst oft stelle. Ich habe mich darauf vorbereitet. Ob ich wirklich gut vorbereitet bin, weiß ich nicht. Ich bin sehr froh, in einem Alter zu sein, im dem ich mit mir im Reinen und persönlich gefestigt bin. Ich glaube, so etwas ganz gut abfangen zu können. Wobei ich mir natürlich die Dimensionen, wie es sein wird, nicht ansatzweise ausmalen kann.




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