Hauptstadt-Airport BER-Start mit zehn Jahren Verspätung

Seit FBB-Chef Engelbert Lütke Daldrup amtiert, sind viele der zahlreichen Baumängel beseitigt worden. Foto: dpa

Der neue Hauptstadt-Flughafen Berlin-Brandenburg soll im Oktober 2020 endlich an den Start gehen. Ob das tatsächlich klappt? Probleme gibt es noch bei den Kabelarbeiten.

Korrespondenten: Thomas Wüpper (wüp)

Berlin - Der Countdown läuft – wieder einmal: Am kommenden Freitag soll der genaue Starttermin für Berlins künftigen Hauptstadt-Airport Berlin-Brandenburg (BER) in Schönefeld bekannt gegeben werden. Zuvor will der Aufsichtsrat der staatlichen Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB) die Lage beim Problem- und Skandalprojekt nochmals ausführlich beraten. Fest steht: Dieses Mal soll es endlich klappen und der BER voraussichtlich Ende Oktober 2020 eröffnen – mit dann zehn Jahren Verspätung.

 

Nach so viel Hohn und Spott über Deutschlands peinlichste Großbaustelle wollen die Flughafenstrategen an der Spree nun liefern. Seit FBB-Chef Engelbert Lütke Daldrup amtiert, ist die Beseitigung der zahlreichen Baumängel weit vorangekommen. Dafür wird es aber auch höchste Zeit. Ursprünglich sollte der BER 2010 in Betrieb gehen, dann im Juni 2012. Doch die Eröffnung musste wenige Wochen zuvor wegen Brandschutz- und Sicherheitsmängeln abgesagt werden – eine beispiellose Blamage für ganz Deutschland.

Den Brandschutz hat man in den Griff bekommen

Seither verging kaum ein Monat ohne neue Hiobsbotschaften. Seit mehr als 2700 Tagen muss die Hauptstadt mit den überlasteten Flughäfen Tegel und Schönefeld-Alt auskommen. Diesmal soll der Zeitplan aufgehen. „Bis Frühjahr 2020 wird der BER keine Baustelle mehr sein“, versichert der FBB-Sprecher Hannes Stefan Hönemann. Dann sollen alle Aus- und Umbauten erledigt sein und von den Behörden abgenommen sein.

Das größte Problem, den Brandschutz, hat man offenbar inzwischen im Griff, die Tüv-Prüfungen sind bestanden. „Ein Meilenstein“, betont Hönemann. Nun gilt es noch, Schwierigkeiten mit Verkabelungen zu lösen: „Das ist der letzte kritische Punkt, es gilt noch einiges abzuarbeiten, aber das ist zu schaffen.“

Nach der Bauabnahme im Frühjahr sollen zwei Monate Schulungen und Probebetrieb folgen. Mitarbeiter, Airlines, Bodenverkehrsdienstleister und die Polizei werden mit den neuen Wegen und Anlagen vertraut gemacht. Richtig spannend wird es von Ende Juni 2020 an: Mit 20 000 Komparsen gibt es Praxistests, alle Abläufe wie der Check-in werden simuliert. Insgesamt sind dafür rund 30 Tage in einem Zeitraum von dreieinhalb Monaten vorgesehen. Die größte Herausforderung wird im Herbst der Umzug vom Flughafen Tegel (TXL) im laufenden Betrieb und quer durch die Großstadt, der in zwei bis drei Schritten geplant ist – ein Projekt, wie es zuletzt in München 1992 umgesetzt wurde, als der Airport Riem durch den Neubau im Erdinger Moos ersetzt wurde. „Das gibt eine Riesenaktion, denn der Flugplan wird nicht unterbrochen“, so Hönemann. 60 Airlines und mehr als 10 000 Mitarbeiter werden vom TXL nach Schönefeld verlagert. Auch alle Maschinen und Anlagen der Dienstleister müssen umziehen. „Das darf nicht länger als 14 Tage dauern, da es extrem aufwendig ist, mehrere Airports parallel zu betreiben“, so der Sprecher. Weniger als zwei Wochen sollen also zwischen dem ersten Flugzeugstart am BER und dem letzten in Tegel liegen.

In Tegel soll eine High-Tech-Stadt entstehen

Mit der lange umstrittenen Schließung des TXL werden riesige innerstädtische Flächen frei. Anders als beim früheren dritten Flughafen Tempelhof, gegen dessen Bebauung die Mehrheit bei einer Volksabstimmung stimmte, soll in Tegel eine Hightech-Wissenschaftsstadt entstehen. Plakate werben für die künftige „Urban Tech Republic“, das Land Berlin hat eine Projektgesellschaft gegründet, es gibt viele Interessenten. Ins sechseckige TXL-Terminal soll eine Hochschule ziehen.

Mit dem BER sind milliardenschwere Immobilienprojekte verbunden. Allein die FBB will mehr als 300 000 Quadratmeter Büro-, Kongress-, Hotel- und Gastronomieflächen vermarkten. „Es gibt großes Interesse von Investoren“, sagt Hönemann. Auf der Expo Real in München wurden die ersten Projekte vorgestellt, die zwischen den Landebahnen entstehen. Auch im Umfeld des Airports will die FBB mit Immobilien Geld verdienen.

Im nahen Schönefeld brummt das Bau- und Grundstücksgeschäft bereits seit Jahren, bis 2030 könnte sich die Einwohnerzahl des früheren Dorfes auf 30 000 fast verdoppeln. Flughäfen sind Wachstumsmotoren, zahlreiche Logistikfirmen wie die Deutsche Post haben sich ihre Standorte an der künftigen Verkehrsdrehscheibe schon gesichert. Projekte wie die geplante Airport City werden einen weiteren Schub bringen.

Anbieter hoffen auf lukrative Geschäfte

Schon jetzt gehört der Landkreis Dahme-Spree zu den deutschen Spitzenreitern bei Wachstum und Steuereinnahmen. Mehr als 2000 Firmen haben sich in Schönefeld bereits angesiedelt. Kein Wunder: Anders als Tegel wird der BER große Shopping-Zonen haben. Auf mehr als 20 000 Quadratmetern sind über 150 Geschäfte geplant. Herzstück ist ein 9000 Quadratmeter großer Marktplatz im Hauptterminal in der Sicherheitszone, den alle abfliegenden Passagiere durchlaufen werden.

Die Anbieter dürfen auf lukrative Geschäfte hoffen. Denn der Flugverkehr an der Spree wächst stark und beständig, vor allem wegen der Billigflieger und günstiger Start- und Landegebühren. In diesem Jahr werden in Tegel rund 22 Millionen und in Schönefeld-Alt (SFX) bis zu 13 Millionen Passagiere erwartet. Der BER wurde einst viel zu klein geplant, das Terminal 1 schafft rund 25 Millionen Gäste. Deshalb bleibt SFX vorerst offen. Weitere drei Terminals sollen die Kapazität bis 2040 auf bis zu 55 Millionen Passagiere erhöhen. T2 (6 Millionen) soll bis nächsten Herbst, T3 (15 Millionen) bis 2029 fertig sein, T4 nach 2030 gebaut werden, falls die Passagierzahlen weiter wachsen. Sicher ist das nicht, denn das klimaschädliche Fliegen soll deutlich teurer werden. Zudem ist der einstige Platzhirsch Air Berlin untergegangen.

Der BER soll der Hauptstadt mehr Direktverbindungen in alle Welt bringen. Bisher müssen drei Viertel der Langstreckenkunden meist in Frankfurt und München umsteigen. Für den Riesenjet A 380 wurde der neue Airport sogar extra aufwendig umgeplant. Nun hofft man, dass sich das auszahlt – und das BER-Drama letztlich ein gutes Ende findet.

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