Wie interessiert man junge Menschen für die Demokratie und gewinnt sie für einen Besuch im Museum? Das Stuttgarter Haus der Geschichte macht ein neues spielerisches Angebot.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Vincent und Carl bauen ihre ideale Stadt. Sie hat viele grüne Flächen, auf denen sich Menschen begegnen können. Die beiden 17 und 18 Jahre alten Schüler des Königin-Katharina-Stifts sitzen im Haus der Geschichte und schieben kleine Holzhäuser hin und her, bis die Anordnung ihren Vorstellungen einer modernen Stadt entspricht. Ergänzend platzieren sie Fähnchen mit Aufschriften wie „Bezahlbarer Wohnraum“ oder auch „Globale Solidarität mit Demokratien“.

 

Die Station „Stadt der Solidarität“ ist eine von mehreren interaktiven Angeboten in einem neugestalteten Museumsbereich des Hauses der Geschichte. Daneben steht eine Art Webstuhl, in den Besucher Botschaften einflechten können. Die Bänder in verschiedenen Farben stehen für die verschiedene „Zutaten“ von Demokratie – etwa „Wählen können“, „Gehört werden“ oder „Lieben dürfen“.

Diese Station hat es der 18-jährigen Elisa besonders angetan: „Man kann damit seine Meinung ausdrücken“, sagt sie: „Das finde ich gut.“ Ein paar Schritte weiter lehnen Demo-Schilder an der Wand, die beschriftet werden können – ein Symbol dafür, dass Demokratie auch darin besteht, Widerspruch zu äußern und das Recht auf freie Meinungsäußerung bei dieser Regierungsform hochgehalten wird. Außerdem kann man Buttons gestalten. Die Aufschrift lautet: „Haltung zeigen.“

Die Meinung der Schüler ist gefragt

Vincent, Carl, Elisa und einige andere Schüler aus der Klasse elf des Königin-Katharina-Stift sind als Testpersonen gekommen. Auf Einladung des Hauses der Geschichte begutachten sie gemeinsam mit ihrem Geschichtslehrer Sebastian Hees die neue, helle „Demokratie“-Ecke im ersten Stock. Ihr Eindruck ist positiv: „Für junge Menschen ist es wichtig, an etwas teilnehmen zu können“, sagt Elisa. Auch ganz praktisch und haptisch. „Das fühlt sich gut an“, sagt die Schülern. Es gibt auch ein digitales Angebot: Auf Tablets können in einer Sitzecke Fragen zur Demokratie beantwortet werden. Es geht um Menschenrechte, Freiheit und Sicherheit, auch Datensicherheit.

Die Meinung der Schüler ist ausdrücklich gefragt. „Welche Themen und Geschichten zu Demokratie und Teilhabe nach 1945 sind dir wichtig?“, heißt es auf einer Tafel. Man kann hier auch persönliche Vorbilder nennen, Menschen die sich in besonderer Weise „für eine solidarische Gesellschaft einsetzen“. Carl hat schon einen Vorschlag gemacht: Verein Tomorrow, ein gemeinnütziger Verein aus Stuttgart, der es sich zum Ziel gesetzt hat, „möglichst viele junge Menschen zu befähigen, sich für die Demokratie einzusetzen“. Passt wunderbar.

Ein kreativer Umgang mit dem Thema Demokratie

Mit etwas Glück wird der Verein demnächst auch ins Schaufenster gestellt und zwar in Form einer Stele im angrenzenden Raum der 18 Persönlichkeiten, die in Baden-Württemberg seit 1945 Wegweisendes für die Demokratie und Teilhabe erreicht haben – von der einzigen weiblichen Landtagsabgeordneten 1968, Hanne Landgraf, bis zu dem Shoah-Überlebenden Harry Kahn, der nach dem Krieg zurückkehrte und für die Rückgabe seines geraubten Familienbesitzes kämpfte.

Jeder dieser Persönlichkeiten ist eine Stele gewidmet. Eine davon wird im Sechs-Monat-Abstand ausgetauscht. „Wessen Geschichte dann zu sehen und wessen Stimme zu hören ist, wird immer wieder neu durch eine Jury entschieden“, erklärt die Historikerin und Geschichtsvermittlerin Carolin Gritschke. Aktuell ist diese Stele dem Stuttgarter Verein Schalom und Salam Kubus aus Stuttgart gewidmet, der sich gleichermaßen gegen Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus wendet.

Den Schülern gefällt dieser kreative und zeitgemäße Umgang mit der Demokratie. Die jungen Tester sind sich bei ihrem Besuch einig: „Das Thema wird immer wichtiger.“