Haus des Waldes feiert Geburtstag Von Stuttgarts Wäldern bis nach China

Von Cornelius Oettle 

Seit 30 Jahren vereint das Haus des Waldes in Degerloch Pädagogik und Forstarbeit. Das Konzept stößt mittlerweile weltweit auf Interesse.

Nicht nur beim Fest zum 30. Geburtstag der Einrichtung  erfreut sich das Haus des Waldes großer Beliebtheit. Rund 40 000 Besucher zählt es jährlich Foto: Veranstalter
Nicht nur beim Fest zum 30. Geburtstag der Einrichtung erfreut sich das Haus des Waldes großer Beliebtheit. Rund 40 000 Besucher zählt es jährlich Foto: Veranstalter

Stuttgart - Der Wald hat Stress. Trockenstress, um genau zu sein. Der Klimawandel macht ihm zu schaffen. Doch der Wald hat ein weiteres Problem. Wenn er Stress hat, kann er zur Entspannung nicht in den Wald gehen. Dahin, wo mit jedem Schritt der Balken auf dem Handydisplay kleiner und der Empfang geringer wird. Das bleibt uns Menschen vergönnt.

Waldbaden nennt man dieses In-den-Wald-Gehen heute, das laut verschiedener Studien dem Immunsystem und der Psyche besonders zuträglich sein soll. Die Besucher und Mitarbeiter des Haus des Waldes wissen das schon lange. Mindestens seit 30 Jahren. So lange gibt es die Einrichtung in Degerloch auf der Waldau schon. Hier begegnet der Mensch dem Lebensraum Wald, soll sich informieren und Erfahrungen sammeln, mit allen Sinnen. Über den Ausdruck Waldbaden schmunzelt man hier etwas: „Wir denken: gut, so können wir es auch nennen (und mal sehen, wie es morgen heißt . . .)“, steht im Buch „Gutes aus dem Wald“, das anlässlich des 30. Geburtstags veröffentlicht wurde.

Keine Waldbademeister

Doch als Waldbademeister sehen sich Berthold Reichle, der Leiter der Einrichtung, und seine Mitarbeiter noch nicht. „Von einem lokalen Waldklassenzimmer haben wir uns aber zu einem Kompetenzzentrum der Waldpädagogik entwickelt“, sagt Reichle. Seit 2001 arbeitet der Förster in der Einrichtung. Damals hatte er fünf Mitarbeiter, heute sind es 22.

Als 1989 die zuvor von der Hochschule für Technik genutzten Gebäude frei wurden, beschloss das Land Baden-Württemberg, den Wald als Bildungsraum zu etablieren und ihn den Menschen näherzubringen. Mit Erfolg: „Anfang der 90er waren es zwischen zwei- und dreitausend Besucher im Jahr“, erzählt Reichle. Heute sind es um die 40 000 jährlich, die an den Veranstaltungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene teilnehmen oder einfach so vorbeischauen.

Das Haus des Waldes inspiriert die Welt

Die Zusammenarbeit von Förstern und Pädagogen war „absolut fortschrittlich für die Zeit damals“, sagt Reichle. „So etwas gab es in ganz Deutschland nicht.“ Heute ist das Haus des Waldes Vorbild für viele Einrichtungen in Baden-Württemberg, aber auch bundesweit. Reichle flog jüngst sogar nach China. Dort wurde 2013 das erste waldpädagogische Zentrum eingerichtet. „Das ist natürlich dreimal so groß wie unseres“, sagt er und lacht. Manchmal frage er sich schon: Bringt’s das wirklich? Schnell mal rüber nach China? „Aber die Alternative wäre, die Waldpädagogik dort dann eben nicht auszubauen. Noch braucht man uns als Anstoß.“ Weitere internationale Kooperationen in Japan und Indonesien kommen hinzu. Was vor 30 Jahren in Degerloch begann, spinnt sich weltweit fort.

Damit das so bleibt, hat die Einrichtung 2003 das Zertifikat Waldpädagogik eingeführt. Ein Qualifizierungslehrgang, der beispielhaft für andere Bundesländer wurde: Interessierte besuchen 15 Seminare und absolvieren ein Praktikum samt Prüfung. Teilnehmen kann jeder, der eine anerkannte abgeschlossene Berufsausbildung hat. Rund 350 zertifizierte Waldpädagogen wurden bereits ausgebildet.

Vor allem für Schüler scheint das Haus des Waldes ein großer Gewinn zu sein. Deutlich wird das, wenn man eine Klasse bei ihrer Tour durch den „Sinneswandel“, einen barrierefreien, 1,3 Kilometer langen Rundweg, beobachtet. An fünf Stationen gibt es Infos rund um den Wald – zum Tasten und Fühlen, Zuhören und Lesen. Besonders beeindruckend: Der vollständig in der Horizontalen ruhende Baum, dessen Wurzelgeflecht einige Meter hoch ist und genau studiert werden kann.

Im Rahmen eines Projektes können Schulklassen die Verantwortung für einen Hektar Wald übernehmen. „Sie merken dann: Wenn man einen Baum fällen muss, um einen anderen zu fördern, berührt einen das auch emotional“, erklärt Reichle. Die Kinder lernten so, was Nachhaltigkeit bedeutet: Man kann eben nur so viel Holz verbrauchen, wie wieder nachwächst. Zudem spürten sie, dass man ihnen vertraut, ihnen wirklich was zutraut. Im Gegensatz zum Rechenfehler an der Schultafel könne man das Absägen eines Baumes nicht mit dem Schwamm rückgängig machen.

Arbeiten, wo andere sich erholen

Das Haus des Waldes hat aber auch Glück. Das Konzept kennt keine Gegner. Niemand hat etwas gegen den Wald. Also, zumindest solange keine Braunkohle drunterliegt. Reichle: „Ich glaube, es gibt wenige Themen, bei denen man sich so sicher sein kann, dass sie an Bedeutung gewinnen. Ein Industrieunternehmen würde juchzen, wenn es eine solche Sicherheit hätte wie wir.“ Doch nicht nur deshalb beneidet man Reichle um seinen Arbeitsplatz: „Wir arbeiten, wo andere sich erholen. Das heißt aber nicht, dass wir immer erholt sind. Wir sind durchaus auch mal unter Druck und im Stress.“

Steigende Besucherzahlen sind Reichle und seinen Kollegen nicht allzu wichtig. Wichtiger sei es künftig, dass die, die ­kommen, mehr Erlebnisse und Erkenntnisse haben, die wiederum zum Überdenken des eigenen Handelns führen: „Wir wollen Utopien präsentieren und Jugendlichen Mut machen, Visionen zu haben, querzudenken, auch mal zu spinnen“, so Reichle. Wer weiß: Womöglich war mancher Fridays-for-Future-Teilnehmer zuvor im Haus des Waldes zu Gast.

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