Haus von Hermann Finsterlin Ein Hexenhaus auf dem Frauenkopf

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Das frühere Wohngebäude des visionären Architekten Hermann Finsterlin wird wohl abgerissen. Ein Immobilienunternehmen bietet das 1886 Quadratmeter große Gründstück in exklusiver Lage derzeit auf dem freien Markt an. Kostenpunkt: 2,25 Millionen Euro.

Das Wohnhaus des Architekten Hermann Finsterlin sieht nach vielen Jahren des Leerstands wie ein verwunschenes Hexenhäuschen aus. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Das Wohnhaus des Architekten Hermann Finsterlin sieht nach vielen Jahren des Leerstands wie ein verwunschenes Hexenhäuschen aus. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Das hätte ihm vermutlich gefallen: Der visionäre Architekt Hermann Finsterlin (1887 bis 1973) war ein Naturmensch und mochte die Großstadt nicht besonders – dass sein früheres Wohnhaus auf dem Frauenkopf jetzt nach vielen Jahren des Leerstands wie ein verwunschenes Hexenhäuschen aussieht und inmitten eines verwilderten Gartens steht, ist beinahe eine späte Verwirklichung von Finsterlins Architekturphilosophie. Die Kehrseite: das Haus scheint heruntergekommen zu sein und wird wohl abgerissen. Das Immobilienunternehmen W 2 Development bietet das 1886 Quadratmeter große Grundstück in exklusiver Lage derzeit an. Kostenpunkt: 2,25 Millionen Euro.

Der gebürtige Münchener Hermann Finsterlin hat von 1928 bis zu seinem Tod, also 45 Jahre, in Stuttgart in diesem Haus gelebt. Trotzdem kennen ihn selbst die Connaisseurs der lokalen Architekturgeschichte oft nicht. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg hat er mit utopischen Entwürfen von Gebäuden von sich reden gemacht, in Berlin war sein Name in aller Munde. Er hat nie gebaut, aber er wollte mit seinen aus der Fantasie geborenen Häusern, die spielerisch und ohne jede Beachtung physikalischer Gesetze daherkommen, die Szene befruchten. Weg von „Wohnkisten“ und „Sachsärgen“, hin zu einer organischen, aus der Natur entstandenen Architektur.

Später ist es still um ihn geworden – er war als Maler und Dichter weiter künstlerisch tätig, doch erst in den 1960er Jahren wurde sein Werk wiederentdeckt. In seinem Todesjahr 1973 gab es im Württembergischen Kunstverein eine große Ausstellung, die er noch erleben durfte. Ein abschließendes Urteil über sein Gesamtkunstwerk ist noch nicht gesprochen; manche sehen in ihm nur einen „Geheimtipp in den Fußnoten zur expressionistischen Architekturgeschichte der zwanziger Jahre“, andere halten ihn für einen Propheten in der Wüste, dessen Visionen „als Herausforderung an die Architekten von heute und morgen weiterleben“.

Das Haus auf dem Frauenkopf mit der markanten Holzfassade, in dem Hermann Finsterlin mehr als die Hälfte seines Lebens gewohnt hat, war kein herausragendes Bauwerk. Es ist von dem anthroposophischen Architekten Felix Kayser gebaut worden und gilt als eines der ersten Häuser nach der Lehre Rudolf Steiners – das war auch der Grund, weshalb der von Haus aus vermögende Finsterlin aus seinem geliebten Bayern nach Stuttgart gezogen war: die Kinder sollten nach dem Wunsch der Mutter die neu gegründete Waldorfschule in Stuttgart besuchen. Experten halten das Haus aus architektonischen Gründen nicht für erhaltenswert, auch wenn es Ausdruck einer frühen ökologischen Baugesinnung war. Unter Denkmalschutz stand es nicht. Nun sind seine Tage wohl gezählt. Die Stuttgarter Firma W 2 hat Haus und Grundstück von einer Nachfahrin Finsterlins erworben, die selbst nur noch sporadisch darin gewohnt hatte. Wie Geschäftsführer Frank Widmann sagt, könnte auf dem Grundstück eine Villa entstehen, aber auch ein Mehrfamilienhaus – das entscheide der Käufer. Eine genehmigte Bauvoranfrage für 760 Quadratmeter Wohnfläche liege vor. Das Haus selbst sei in einem schlechten Zustand und in energetischer Hinsicht veraltet, sodass Frank Widmann von einem Abriss ausgeht. Aber selbstverständlich könne ein Käufer das Haus auch erhalten, wenn er dies wünsche.

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