Birgit und Manuel Bauer sind glücklich, dass ihre beiden Jungs jetzt richtig große Kinderzimmer haben. Foto: Werner Kuhnle
In Marbach-Hörnle (Kreis Ludwigsburg) dürfen Häuser seit einiger Zeit aufgestockt werden. Die Familie Bauer hat die Chance genutzt – und lebt in einem Haus wie aus dem Designkatalog.
Christian Kempf
06.06.2025 - 06:00 Uhr
Es stand auf Messers Schneide. Kritiker wollten sich nicht damit abfinden, dass in der eng bebauten Marbacher Siedlung Hörnle ein Höhenversatz zwischen einzelnen Reihenhäusern entsteht. Mit hauchdünner Mehrheit rang sich der Gemeinderat aber am Ende doch zu einer Satzungsänderung des Bebauungsplans durch.
Seit dem Jahr 2005 ist damit der Weg frei, auf die schmalen Gebäude ein Stockwerk draufzusatteln. „Aus meiner Sicht war es seinerzeit eine kluge Entscheidung des Gemeinderats, durch die Aufstockung im Hörnle mehr beziehungsweise modernen Wohnraum ohne Versiegelung von Flächen zu ermöglichen“, resümiert der Marbacher Bürgermeister Jan Trost.
Diese Einschätzung dürften Birgit und Manuel Bauer wahrscheinlich unterschreiben. 2021 war das Ehepaar in die Planung für die Aufstockung eingestiegen. „2022 ging es los“, sagt Manuel Bauer. Jetzt, etwa drei Jahre später, kann man festhalten: Die Familie lag goldrichtig mit ihrem Entschluss, ihr Häuschen nach oben wachsen zu lassen.
Fotos der neu gestalteten Räume könnten locker in einem Katalog für zeitgemäßes Wohnen abgedruckt werden. Viel Holz, eine Menge Licht, raffinierte architektonische Lösungen und vor allem mehr Platz: all das haben die Bauers durch den Umbau mit einem simplen Mittel gewonnen.
Das Haus der Bauers ragt nun ein wenig zwischen den Nachbargebäuden hervor. Foto: Werner Kuhnle/
Ins Rollen brachte das Ganze die kleinen Kinderzimmer ihrer beiden Jungs. Die Buben mussten sich mit weniger als zehn Quadratmeter großen Räumen arrangieren. „Das Problem von so kleinen Zimmern ist, dass sich das Spielzeug dann immer im ganzen Haus verteilt“, sagt Birgit Bauer. Weil die Familie ohnehin beabsichtigte, eine PV-Anlage aufs Haus schrauben zu lassen, entstand die Idee, bei der Gelegenheit zugleich den Kniestock etwas anzuheben, den Dachboden auszubauen und die Kinderzimmer dorthin zu verlagern. „Das hätte uns theoretisch gereicht, aber ein höherer Kniestock ist nicht erlaubt“, erklärt Birgit Bauer. Also schwenkte man gedanklich auf eine Gaube um. Aber eine solche Konstruktion am Dach sei ebenfalls tabu.
Schließlich erfuhren die Bauers, dass sie ihr Haus aufstocken dürfen. Wie viele andere aus dem Viertel konsultierte die Familie eine Holzbaufirma aus Pleidelsheim. Eine Zimmerei, die offenbar ein feines Näschen für diesen Markt hat. Birgit Bauer schätzt, dass das Unternehmen bei 70 Prozent der Aufstockungen im Hörnle den Hut aufhatte.
„In einer Woche ist da der Rohbau gemacht“, ergänzt ihr Mann Manuel. „Der Vorteil ist, dass es nur zwei Varianten von Häusern im Hörnle gibt, und die Firma weiß, wie die aufgebaut sind“, sagt der 45-Jährige. Die Arbeiten am Außenbereich seien alles in allem und je nach Wetter in rund einem Monat erledigt.
Dafür müsse man inklusive der Einteilung der Räume rund 120 000 Euro einkalkulieren, sagt Birgit Bauer. Mit Solaranlage, Elektrik, Fußboden und weiterem habe man rund 200 000 Euro in die Hand nehmen müssen. Dafür hat die Familie aber auch ein runderneuertes, deutlich größeres Bad bekommen.
Wanne, WC und Co. mussten bei den Bauers im ersten Obergeschoss allerdings ohnehin verschoben werden, weil der Durchstoß für die Treppe weiter nach oben just im Bereich des bisherigen Bads erfolgte. Es gebe aber auch Haustypen im Viertel, bei denen mittig vom Flur aus Treppenhaus an Treppenhaus anschließe und die Stufen schon direkt bis zum Dachboden führten, man also am Zuschnitt der Räume nicht rütteln müsse, sagt Birgit Bauer.
Von den Kinderzimmern unterm Dach führt noch eine Treppe nach oben, wo zusätzlich eine halbe Etage als Spielfläche bereitsteht. Foto: Werner Kuhnle/
Die wunderschönen Kinderzimmer der Jungs sind nach ganz oben gewandert, messen nun 20 und 24 Quadratmeter. Der Clou ist, dass die Bauers dort noch jeweils eine halbe Extra-Etage haben einziehen lassen, auf der Erwachsene zwar nicht stehen, Kinder aber spielen können. In einer schräg nach oben verlaufenden Nische bei der Treppe hat Birgit Bauer sogar eigenhändig einen Schrank eingebaut, der zusätzlichen Stauraum bietet.
Kein Wunder also, dass die Familie sich pudelwohl in ihrem geräumigeren Zuhause fühlt – und anderen die Aufstockung wärmstens ans Herz legt. „Wenn man das Geld hat, das Haus günstig gekauft hat und sowieso umbaut, sollte man es auf jeden Fall machen“, sagt Birgit Bauer.
Vorschlag: Gauben unterm Dach zulassen
Sie macht aber auch keinen Hehl daraus, dass die Erhöhungen in manchen Fällen zu bösem Blut geführt haben, weil Anrainer zum Beispiel einen Schattenwurf gefürchtet hätten – und empfiehlt, frühzeitig mit den Nachbarn ins Gespräch zu gehen, alle Fragen zu klären, um etwaige Ängste zu nehmen. Verhindern lasse sich die Aufstockung zwar nicht, die Angrenzer könnten aber wegen der geteilten Wände gegen die überstehende Dämmung ein Veto einlegen, erläutert Manuel Bauer. Der Aufbau müsse dann entsprechend nach innen gezogen werden und schmäler ausfallen.
Bei den Bauers hatten die Nachbarn aber keine Einwände. Finanziell war das Ganze jedoch auch für die Eheleute ein Kraftakt. Und ihnen ist klar, dass das nicht jeder schultern kann. Deshalb würden sie sich wünschen, dass perspektivisch auch Gauben unterm Dach zugelassen werden – um günstiger gut nutzbaren Wohnraum im Hörnle zu schaffen.
Viele Anträge Mit der vierten Bebauungsplanänderung wurden die Aufstockungen im Hörnle im Jahr 2005 ermöglicht. Damit scheint die Stadt einen Nerv getroffen zu haben. Alleine in den vergangenen viereinhalb Jahren seien neun Aufstockungsanträge bewilligt worden, erklärt Bauamtsleiter Dieter Wanner.
Übertragbarkeit Wanner macht aber auch klar, dass sich das Konzept nicht ohne Weiteres auf andere Quartiere übertragen lässt. Es gebe in Marbach kein zweites solches Baugebiet mit einem so einheitlichem Erscheinungsbild – und mit so geringen Grundstücksflächen, auf denen die Erweiterung in die Fläche schwer möglich ist.