Hausbesuch beim ehemaligen Nachtcafé-Moderator Wen liebt Wieland Backes?
Bettina Backes ist Fachanwältin für IT-Recht. Inzwischen hält ihr Wieland Backes den Rücken frei und bekocht sie jeden Tag zur Mittagszeit. Besuch in einem Bücherhaushalt.
Bettina Backes ist Fachanwältin für IT-Recht. Inzwischen hält ihr Wieland Backes den Rücken frei und bekocht sie jeden Tag zur Mittagszeit. Besuch in einem Bücherhaushalt.
Wie sieht es wohl im Haus einer Frau aus, über die ihr Mann sagt, sie sei eine Buchfetischistin? Zur Beruhigung vorab: sehr aufgeräumt. Den weißen Lesesessel mit Hocker, den die Hausherrin ihrem Mann zum 60. Geburtstag geschenkt hat, muss der Gatte oft gegen die Schenkerin verteidigen. Aber das scheint er mit großer Gelassenheit hinzunehmen. Und dann ist da natürlich außer dem Sitzmöbel eine Bücherwand bis zur Decke, Regale unter den Fenstern. Und eine Bibliotheksleiter. Kein Bücherchaos also. Die Bibliothek ist nach Nationalität der Autorinnen und Autoren geordnet. Und natürlich nach Alphabet. Noch stehen die Ukrainer bei den Russen. Aber das wird sich vermutlich bald ändern. Einmal im Jahr wird der Zuwachs einsortiert. Gerade liest sie etwas über das Gute im Menschen. Will man über Bettina Backes erzählen, sind die Bücher nicht wegzudenken. Auf seinem Stapel liegt der Bestseller „Eine Frage der Chemie“. Willkommen im Hause Backes. Die 59-jährige Rechtsanwältin Bettina Backes und der 76-jährige Wieland Backes, ehemaliger SWR-Mann und langjähriger Gastgeber des Nachtcafés, wohnen seit 18 Jahren im Stuttgarter Westen.
Natürlich interessiert bei Paaren immer die Frage: Wie haben sie einander kennengelernt? 1998 sei das gewesen, sagt er – und wird von ihr sanft korrigiert: „Nein, das war schon 1997.“ In der Stuttgarter Rosenau. Dort traf sich die IG-Bosch-Areal, die den Abriss des Gebäudekomplexes bei der Liederhalle verhindern wollte. Bettina Backes, damals noch Kox, war deren Vorsitzende. Und Wieland Backes war eigentlich nur dort, weil er mit Helga Breuninger im Anschluss an die Veranstaltung noch etwas zu besprechen hatte. Die Frau auf dem Podium verzückte ihn sofort. Er wählt das Wort mit Bedacht: verzückt. Und wenn er das für ihn Herausragende seiner späteren Ehefrau in jenem Moment beschreiben soll? „Es waren ihre Anmut und ihre Intelligenz.“ Das sei noch immer so.
Sie sagt: „Er ist der Mann meines Lebens“. Nie wollte sie Kinder. Mit ihm änderte sich das. Bettina Backes ist 40 Jahre alt, als ihre Tochter zur Welt kommt. Bei der Heirat ein paar Jahre später ist für sie klar, dass sie seinen Namen annehmen wird. „Ich wollte, dass wir eine Familie sind und man merkt, dass wir drei zusammengehören.“ Drei Monate nach der Geburt fängt sie wieder an zu arbeiten, auch wenn sie in diesem Vierteljahr daran zweifelt, dass ihr Schlafmangel je wieder aufzuholen ist. Eine Kinderfrau wird zur wichtigen Stütze.
Bettina Backes ist nicht nur Familienfrau. Zu hart hat sie sich das Jurastudium erarbeitet. Das Germanistik- und Orientalistikstudium an der Uni Bochum beendet sie nach einem halben Jahr, weil sie daran zweifelt, dass sie wirklich den Mut hat, in einem arabischen Land zu leben. Ihrem Vater ist der Zweifel seiner Tochter recht. Der Fluglotse findet eh, sie studiere Orchideenfächer. Ein richtiges Studium, das ist für ihn Medizin oder Jura. Die Tochter entscheidet sich schließlich für die Rechtswissenschaft. Mit Jura, ist sie überzeugt, „erwirbt man die Fähigkeit, komplexe gesellschaftliche und politische Zusammenhänge zu durchschauen“. Sie studiert in Bonn, geht 1983 auf die große Hofgartendemo gegen die Aufrüstung und den Nato-Doppelbeschluss.In den Semesterferien jobbt sie als Servierkraft in ihrer Heimatstadt Essen, später in einer Werbeagentur. Nach Stuttgart kommt sie wegen ihres ersten Jobs im juristischen Lektorat eines Verlages. Außer Lothar Späth kennt sie nichts von der Stadt – und den nur aus dem Fernsehen. Aber sie erobert sich Stuttgart langsam zu Fuß. Ihr Referendariat macht sie in Heilbronn. 1992 wird sie Mitglied der Grünen – aus Protest gegen die Verschärfung des Asylparagrafen im Grundgesetz.
„Dann lass ich euch mal alleine, damit ich nicht immer von der Seite reinrede“, sagt Wieland Backes, der im vergangenen Jahr seine Parkinsondiagnose öffentlich gemacht hat, nach einer Weile. Verabschiedet sich, steht auf und geht durch den Garten ins Haus. Heute soll Bettina Backes, Fachanwältin für IT-Recht, im Vordergrund stehen. Ihre Privatheit und die ihrer Familie schützt sie seit Beginn des gemeinsamen Lebens sehr bewusst. In den sozialen Netzwerken ist sie nicht unterwegs: „Mir sagt die Art der Kommunikation nicht zu. Es gibt bessere Wege, die Informationen zu recherchieren, die ich suche.“ Bei dieser Zurückhaltung war es ein gut überlegter Schritt für alle in der Familie, mit der Erkrankung von Wieland Backes an die Öffentlichkeit zu gehen. „Es gab viele positive Reaktionen, Briefe und Ratschläge“, sagt sie. Gut sei das gewesen.
Bettina Backes ist neben ihrem Vorstandsjob bei der baden-württembergischen Heinrich-Böll-Stiftung, ihrer Rolle als Delegierte im Thinktank der Bundesstiftung und als Laienrichterin am Verfassungsgericht Baden-Württemberg inzwischen stellvertretende Vorsitzende im Trägerverein des Stuttgarter Literaturhauses. Und noch immer hat sie den nicht vergehenden Kindheitstraum, irgendwann eine Buchhandlung zu eröffnen. Warum sie es bis heute nicht getan hat, verrät vermutlich der Name, den sie dieser Buchhandlung geben würde: „Bücher, die niemand kaufen will“. Das klingt nach viel Leidenschaft und wenig Umsatz. Dass man sein Leben finanzieren können muss, hat sie frühzeitig gelernt. Und so ist sie immer noch Rechtsanwältin für IT-Recht in einer renommierten Stuttgarter Kanzlei. Ein Job, der ihr gefällt. Ein Job, der sie von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends in Beschlag nimmt. Und dann sind da ja auch noch die ehrenamtlichen Tätigkeiten.
Damals, im Kennenlernjahr 1997, geht es ihr vor allem darum, der bis dahin nur virtuellen Institution Literaturhaus im Bosch-Areal eine Heimat zu geben. Das ist fast so ähnlich, wie eine Buchhandlung aufzumachen. Zunächst einmal weiß Wieland Backes zu diesem Zeitpunkt nicht einmal ihren Namen. Und sie denkt beruhigt, als sie ihn im Nebenraum der Gaststätte wahrnimmt: „Presse ist auch da. Das ist ja prima“. Das Nachtcafé hat sie damals „höchstens einmal durch Zufall gesehen“. Der Mann in der Menge hat bei ihr keinen Promistatus oder Promibonus.
Aber ihm geht die Frau auf dem Podium nicht mehr aus dem Kopf. Als Helga Breuninger und er einen Salon zu Stuttgarter Themen gründen und er nach Gästen sucht, macht er sich an die Recherche, wer diese Frau ist. Er lädt sie ein. Aber sie ist nicht mehr Vorsitzende der IG-Bosch-Areal und beruflich gerade auf dem Absprung in eine Frankfurter Medienrechtskanzlei. Es geht am Main nicht um Bücher, sondern um Kräche zwischen Filmproduzenten und Regisseuren, um Markenrechtsfragen, nicht gezahlte Honorare und Urheberrechtsverletzungen. „Das war eine coole Kanzlei – originelle Mandanten, spannende Fälle, sympathische, unkonventionelle Kollegen“, sagt Bettina Backes.
Sie will die Einladung in den Stuttgart-Salon lieber an ihren Nachfolger im Verein weitergeben. Wieland Backes muss dann ein bisschen deutlicher werden: „Jetzt lassen Sie mal Ihre Vereinshygiene. Das ist eine persönliche Einladung.“ Sie sagt zu – und kommt am Ende nach ein paar Jahren in Frankfurt der Liebe wegen zurück nach Stuttgart. Dass Wieland Backes ein Promi ist, merkt sie so richtig erst im Lauf des Kennenlernens. Dass sie an seiner Seite auch irgendwie prominent wird, interessiert sie nicht. Sie nimmt es hin und sagt, die Menschen würden Privatheit erstaunlich oft akzeptieren. Ausnahme: ein romantisches Essen in Rom während ihrer Kennenlernphase. Aber darüber schweigt sie lieber höflich.
Heute hat das Ehepaar eine Tochter, die gerade Abitur gemacht hat und die es in die Welt zieht. In den Mittagspausen kommt Bettina Backes zum Essen aus der Kanzlei nach Hause und wird von ihrem Mann bekocht. „Ich esse gerne, und mein Mann ist ein sehr guter Koch“, sagt sie lachend. In der Kennenlernphase war das nicht unwichtig. „Damit hat er mich unter anderem erobert.“
Wie denkt sie über den großen Altersunterschied von 17 Jahren? „Ich lebe stark im Jetzt. Das Bewusstsein ist da, aber der Gedanke an die Beschwernisse des Alters oder die Endlichkeit konnte mich nicht zurückhalten. Ich habe ein tiefes Vertrauen, dass wir die Probleme schon meistern werden, wenn sie sich stellen. Als ich ihn kennengelernt habe, wusste ich: Das ist richtig.“
Wer weiß, vielleicht schlagen die beiden noch mal ein neues Kapitel in ihrer gemeinsamen Geschichte auf. Jenseits von Stuttgart. Momentan gilt: „Ich war nie glücklicher als in Stuttgart. Aber wir machen uns Gedanken über das Leben im Alter – das soll ja auch nicht langweilig werden. Ich hatte nie Angst davor, etwas Neues anzufangen und machte damit immer gute Erfahrungen.“ Sie hofft, beim Altwerden verhält es sich genauso.