Hausbrauerei in der Motorworld Böblingen Wichtel blickt auf 15 bewegte Jahre zurück

Betriebsleiter Daniel Bucovarov (r.) mit Braumeister Markus Stankowitz am Kessel Foto: /Stefanie Schlecht

Die Hausbrauerei Wichtel in der Motorworld feiert in diesem Jahr ihren 15. Geburtstag. Zeit für einen gastronomischen Rückblick auf viele Höhen – und ein paar Tiefen.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Das Aroma im Wichtel ist an diesem Vormittag im September unverkennbar bierig. Der Dampf aus dem Braukessel hängt unter der Decke und der ganze Gastraum riecht süffig nach Hopfen und Malz. Braumeister Markus Stankowitz hebt den Deckel des kupferfarbenen Sudkessels an und nimmt eine Nase: Alles, wie es sein soll. Er maischt gerade eine Charge Helles ein. Nach ein paar Wochen im Gärkeller nebenan werden die 1000 Liter reif sein, rund 4000 Liter braut Stankowitz in der Woche. „Das allermeiste davon schenken wir direkt hier im Lokal aus“, sagt Wichtel-Betriebsleiter Daniel Bucovarov. In diesem Jahr besteht die wohl kleinste Brauerei weit und breit seit 15 Jahren.

 

Seit elf Jahren leitet der 40-Jährige die Hausbrauerei. „Als wir hier 2009 angefangen haben, sind wir praktisch in die Wüste gekommen“, sagt er. Drum herum sei das noch junge Flugfeld als eigener Stadtteil erst noch aus dem Boden gewachsen. „Außer der Motorworld und dem Sensapolis gab es fast nichts.“ Doch die Zahl der Bewohner wuchs und wuchs – und damit auch seine Gästeschar. Wenngleich er das Gefühl hat, viele in der Umgebung hätten zwar schon mal vom „Wichtel“ gehört. „Aber ich treffe immer wieder Leute, die nicht mal wissen, wo wir sind“, sagt der Sindelfinger.

Die Wurzeln der kleinen Brauerei liegen in Ditzingen. Dort gründete Jens Täuber anno 1989 das Stammhaus in einem ehemaligen Kino. 2002 kam das Feuerbacher Wichtel hinzu, 2009 Böblingen und 2022 der vierte Standort im Cannstatter Bahnhof. Doch bei aller Expansion gingen die vergangenen Jahre nicht spurlos an der kleinen Kette vorbei. „Erst kam Corona, dann die Ukraine-Krise und Inflation. Davon waren wir wie die gesamte Gastrobranche natürlich betroffen“, sagt Bucovarov.

Kurzarbeit während Corona

Während Corona musste das Unternehmen in Kurzarbeit gehen, konnte sein Personalstamm aber weitgehend halten. „Unser Küchenchef und die halbe Belegschaft sind vom ersten Tag an dabei“, sagt er, der selbst 2011 als Minijobber anfing und den Betrieb seit 2013 leitet. Seit diesem Jahr ist er Prokurist und damit die rechte Hand des Gründers Jens Täuber. In Böblingen seien derzeit insgesamt 32 Mitarbeiter beschäftigt, die meisten davon schon jahrelang. Dennoch spüre er die wirtschaftliche Entwicklung durchaus.

Flaschenbier mache nur einen geringen Bruchteil des Wichtel-Absatzes aus, sagt der Betriebsleiter /Stefanie Schlecht

Aus der Motorworld sei zu hören, der Oldtimermarkt sei analog zur stotternden Konjunktur derzeit deutlich eingetrübt. Andererseits spüre er es am Verhalten der Gäste, die deutlich preisbewusster seien als in früheren Jahren. Bucovarov: „Viele lassen es sich nicht mehr so oft einfach mal gut gehen.“ Deshalb halte er die Gerichte auf der Speisekarte möglichst deutlich unter 20 Euro, sieht man mal vom Rumpsteak oder Zwiebelrostbraten ab.

Braumeister Stankowitz ist seit zehn Jahren an Bord und zeigt stolz den Gärkeller nebenan. Rund 16 000 Liter Wichtel-Bier reiften hier immer gleichzeitig heran. Ein Prozess, den die beiden bei kleinen Brauerei-Führungen zeigen. Überhaupt sei ihnen die familiäre Atmosphäre wichtig, in der man direkt unter den Braukesseln sitze und das Bier quasi von der Quelle in die Kehle rinne. Mittlerweile bietet das Wichtel sogar Brauseminare an – ein Tag Crash-Kurs im Bierbrauen inklusive Verpflegung.

Aus den Gärbottichen fließt das fertige Bier zurück in die Schankkessel /Stefanie Schlecht

Nur eine Szene ist Bucovarov in wirklich unschöner Erinnerung: die aus dem Ruder gelaufene Mallorca-Total-Party auf dem Festplatz im August 2023. Damals musste die Ballermann-Sause wegen eines Unwetters mehrmals unterbrochen und der Festplatz geräumt werden. Mit der Folge, dass an die 500 alkoholisierte und aufgebrachte Fans das Wichtel stürmten und randalierten. Mehrere Streifenwagenbesatzungen waren nötig, die wilde Meute in Zaum zu halten. Die Szene hatte ein Nachspiel, hat dem Ruf der kleinen Brauerei aber nicht geschadet.

Weihnachtsfeiern mit bis zu 100 Gästen

„Wir bereiten uns jetzt aufs Weihnachtsgeschäft vor“, sagt Bucovarov, der bei Weihnachtsfeiern durchaus mal bis zu 100 Gäste nur von einer Firma zählt. Das sei außer bei ihm bei nicht vielen Lokalen so einfach möglich. Freilich noch beim Brauhaus der Schönbuch Braumanufaktur, das sich mit dem Wichtel auch das Ambiente teilt. Mit der viel größeren Brauerei pflege er indes eine freundschaftliche Verbindung, sagt Bucovarov, von einem erbitterten Konkurrenzkampf sei man weit entfernt.

Das Wichtel in Zahlen

Bier
Die zwei Haussorten Helles und Pils werden direkt im Gastraum gebraut und nebenan gelagert zur Gärung: 4000 Liter jede Woche.

Plätze
Innen und außen zählt die Gaststätte jeweils 280 Plätze.

Seminare
Alle 14 Tage finden derzeit wieder eintägige Brauseminare statt mit Biersommelier Steven Wolff.

Öffnungszeiten
Das Wichtel hat in Böblingen täglich von 11 Uhr an durchgehend geöffnet ohne einen Ruhetag. jps

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