Hausfrauen und Feminismus Daheim ist’s doch am schönsten
Seit Beginn der Pandemie gehen immer mehr Menschen in ihrer neu entdeckten Häuslichkeit auf. Neigen Frauen, die gerne Apfelkuchen backen, zu einem autoritären Weltbild?
Seit Beginn der Pandemie gehen immer mehr Menschen in ihrer neu entdeckten Häuslichkeit auf. Neigen Frauen, die gerne Apfelkuchen backen, zu einem autoritären Weltbild?
Stuttgart - Ljiljana Zanger hat sich für ein Leben als Hausfrau und Mutter entschieden – ein Modell mit politischer Schlagkraft. Feministinnen kämpfen seit Jahrzehnten für Unabhängigkeit und weibliche Selbstbestimmung. Doch sind moderne Hausfrauen gleich schlechte Feministinnen?
Ljiljana Zanger backt gerne Apfelkuchen. Auf ihrem Instagram-Profil lilly_und_die_liebe teilt die 32-Jährige Sonntagskuchen und Familien-Kaffeerunden regelmäßig mit rund 5000 Followern. Dabei entstehen Bilder, in die man sich dank ihrer Puderzucker-und-Echtholz-Gemütlichkeit am liebsten fallen lassen würde.
In den sozialen Medien ist sie mit dieser Ästhetik – besonders seit Beginn der Pandemie – in guter Gesellschaft: Immer mehr Menschen gehen zwischen selbst gebackenem Bananenbrot und frisch gestrichenen Wohnzimmerwänden öffentlichkeitswirksam in ihrer neu entdeckten Häuslichkeit auf.
Doch für Ljiljana Zanger ist die Auseinandersetzung mit Haus, Garten und Familie kein Trend. Mit der Geburt ihres ersten Kindes hat die Wahltübingerin sich für ein Leben als Hausfrau entschieden. Damit wird ihr Apfelkuchen zum Politikum.
Emanzipation am Herd, geht das überhaupt? Auf dem Papier zumindest sieht es zunächst einmal schwierig aus. Der Grund: Ein Rückzug ins Private bringt zwangsläufig wirtschaftliche Nachteile mit sich. Wenn Mütter nach der Geburt ihres Kindes ins Berufsleben zurückkehren, tun es zwei Drittel von ihnen als Teilzeitkräfte (Stand 2019). Die Folge: niedrigere Renten und weniger berufliche Aufstiegschancen.
Zudem sind Frauen nach wie vor stärker von Altersarmut bedroht als Männer. Um diese Nachteile auszubügeln, setzt der Feminismus sich für weibliche Selbstbestimmung ein. Doch machen sich junge Frauen, die sich gegen Konferenzräume und für das Wohnzimmer entscheiden, automatisch zum Feindbild?
Ljiljana Zanger steht hinter der Entscheidung, mit ihren Kindern zu Hause zu bleiben. Für sie ist das alles andere als eine Absage an feministische Prinzipien. „Ich bin emanzipiert und unabhängig – auch wenn wir von einem Gehalt leben“, sagt die Vierfachmutter, die ihren Job als Prophylaxe-Assistentin vor acht Jahren an den Nagel gehängt hat. „Mein Mann und ich haben uns gemeinsam entschieden, dass wir eine große Familie wollen. Warum sollte sein Gehalt mehr wert sein als mein Beitrag?“
Auf dem Papier lebe sie zwar ein traditionelles Rollenbild, die Wirklichkeit sehe jedoch anders aus. Zentral für das Hausfrauen-Klischee der 1950er Jahre seien Unterordnung und Abhängigkeit. „Zum Klischeehaften gehört, dass mein Mann nach der Arbeit die Füße hochlegt und sich bedienen lässt. Oder dass ich ihn fragen muss, ob ich mir mal neue Klamotten kaufen darf“, so Zanger. Eine solche Hierarchie gebe es in ihrer Familie nicht. Für sie ist das Leben als Hausfrau ein Akt der Selbstbestimmung.
Radikaler lebt die Rückkehr an den Herd eine andere Gruppe junger Frauen aus. Die sogenannten Tradwives (= traditionelle Hausfrauen) inszenieren sich als hörige Hausfrauen in 1950er-Jahre-Gedächtnisoutfits.
Eine der bekanntesten Vertreterinnen dieser Bewegung ist die 34-jährige Britin Alena Kate Pettitt. Auf ihrem Instagram-Account „The Darling Academy“ gibt sie Benimmstunden für „elegante Hausfrauen“, im englischen Frühstücksfernsehen betonte sie vor Kurzem, ihren Mann gerne „wie in den 1950ern“ zu verwöhnen. Die Botschaften der Tradwives haben politische Schlagkraft: Die Familie existiert als traditionelles Machtgefüge. Selbstbestimmung? Fehlanzeige.
Politisch motiviert will Pettitt selbst nicht sein. Doch das Narrativ der Tradwives spiegelt sich nicht zuletzt im Leitbild rechtskonservativer Parteien wider. Das ist kein Zufall: Schon Jahre vor Alena Kate Pettitts Hausfrauenakademie traten Frauen unter diesem Hashtag in die Öffentlichkeit – in den USA.
Dort stellten sich die Tradwives in den Kontext der rechtskonservativen Alt-Right-Bewegung. „Neben Tipps, wie man seinen Ehemann richtig beglückt, findet man auf den Accounts zum Beispiel rassistische Äußerungen über schwarze ‚Ghettomusik‘ oder ganze Rassenideologien“, beschreibt die Journalistin Annie Kelly in der „New York Times“ die Bewegung. Der vermeintlich niedliche Plauderton der Vertreterinnen führe dabei bewusst in die Irre: „Das hyperfeminine Auftreten verschleiert, wie autoritär ihr Weltbild ist.“
Verallgemeinern lässt sich diese Haltung jedoch nicht. Die Bedeutung von Familie und Hausarbeit ist inzwischen ein zentraler Bestandteil feministischer Theoriebildung. Während die Frau im Geiste der 68er-Bewegung noch politisch engagiert und unabhängig, aber weitgehend kinderlos gedacht war, rückt eine Reihe weiblicher Stimmen heute auch die Rolle der Frau als Mutter und Hausfrau in den Fokus.
Eine von ihnen ist die in Frankfurt geborene Schriftstellerin Eva Corino. In ihrem Buch „Das Nacheinander-Prinzip“ prangert sie das Bild der Frau als dauerbelastbare Allrounderin an. Sie schreibt: „Ein Zuhause schaffen […]. Für das Alter vorsorgen. Alles im Beruf geben […]. Dabei gut aussehend und sportlich sein, kulturell und politisch auf dem Laufenden bleiben. Wie soll man das alles gleichzeitig schaffen?“
Ähnliche Erfahrungen hat auch Ljiljana Zanger gemacht: Viele ihrer Bekannten würden von der Doppelbelastung zerrissen. „Wir haben uns gemeinsam für das Modell entschieden und sind uns einig, dass mein Beitrag zu unserem Familienleben genauso viel Wert hat wie der meines Mannes“, sagt sie.
Den Vorwurf, antifeministisch zu sein, weist sie zurück: „Der Unterschied ist, dass ich eine Entscheidung treffen kann. Ich weiß, dass das ein Privileg ist, und bin sehr dankbar dafür. Früher wurden Frauen ausgelacht, wenn sie arbeiten wollten, ich könnte es jederzeit tun. Aber ich habe das Gefühl, dass ich meine Energie als Hausfrau und Mutter viel sinnvoller einbringen kann.“
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