Immer mehr Jugendliche in Stuttgart brauchen Hilfe. Darum warnt Klaus Käpplinger, Sprecher der Liga, vor Kürzungen im sozialen Bereich. Foto: Lichtgut
Der Sparhaushalt der Stadt Stuttgart trifft auch Familien. Die Liga der Wohlfahrtspflege sieht die Chancengleichheit von jungen Menschen gefährdet und warnt vor hohen Folgekosten.
Es ist oft ein langer Leidensweg, bevor ein Mädchen oder ein Junge trotz ernsthafter physischer oder psychischer Schwierigkeiten Unterstützung bekommt. Dagmar Preiß, Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband und Geschäftsführerin des Gesundheitsladens, kennt diese Fälle. Regelmäßig bekommt der Verein Anrufe von Hilfesuchenden, die an depressiven Verstimmungen oder einer Essstörung leiden oder Gewalt erfahren haben. Doch weil die finanziellen Mittel knapp sind und Personal fehlt, ist der nächste freie Beratungstermin dann oft erst in sieben Wochen.
Natascha Zöller von der Caritas ist die Teamleiterin der Mobilen Jugendarbeit und der Schulsozialarbeit in Zuffenhausen. Auch in ihrem Bereich sei das Personal an der Belastungsgrenze. In der Regel sei ein Kollege mit einer 75 Prozent-Stelle für 700 Mädchen und Jungen zuständig. Dabei brauche es Zeit, um ein Kind genau anschauen zu können, um Vertrauen aufzubauen und unterstützen zu können, wenn jemand in Not sei. Es gebe so viele junge Menschen, die Hilfe brauchen.
Die Schilderungen machen deutlich, dass die Lage bei den freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe angespannt ist und dies massive Auswirkungen auf die Stadtgesellschaft hat. Viele Angebote können nur dank des besonderen Engagements der Mitarbeitenden aufrechterhalten werden. Wie lange noch, das ist angesichts der schlechten Haushaltslage in Stuttgart fraglich.
Stadt soll nach Alternativen suchen
Noch vor wenigen Tagen stand eine pauschale Kürzung der Zuschüsse für die freien Träger von 15 Prozent im Raum. Die Liga der Wohlfahrtspflege wendete sich in einem Brandbrief an den Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) und die Mitglieder des Gemeinderats. Zur Liga gehören unter anderem die evangelische und katholische Kirche, die Arbeiterwohlfahrt (Awo) und der Paritätische Wohlfahrtsverband.
Der Dachverband forderte in seinem Schreiben dazu auf, „die angekündigten pauschalen Kürzungen nicht zu beschließen und stattdessen nochmal intensiv nach Alternativen zu suchen“. Das tun die Fraktionen aktuell in den Haushaltsberatungen. In der zweiten Lesung haben CDU und Grüne beantragt, dass die Zuschüsse an die freien Träger der Jugendhilfe 2026 nur um fünf Prozent, und ab 2027 um weitere fünf Prozent reduziert werden. Für diesen Vorschlag zeichnet sich eine deutliche Mehrheit ab.
Kürzungen für viele Angebote existenzgefährdend
Für Klaus Käpplinger, dem Sprecher des Liga-Vorstands, sind das vergleichsweise gute Nachrichten. In einem Pressegespräch Ende vergangener Woche hatte er noch gewarnt, dass die angekündigten Kürzungen für viele Angebote existenzgefährdend seien. Vor allem aber dürften die Sparmaßnahmen nicht schon von 2026 an vollumfänglich greifen. Denn von der Verabschiedung des Haushalts am 19. Dezember bis zum Wirksamwerden der Maßnahmen am 1. Januar 2026 seien es nur wenige Tage. Die freien Träger seien in Miet- und Arbeitsvertägen gebunden. Diese ließen sich nicht binnen so kurzer Zeit umstrukturieren, um Kosten zu reduzieren.
„Die Politik hat die Nöte der freien Träger wahrgenommen. Wir freuen uns, wenn die Sparmaßnahmen nicht so schnell und nicht mit so einer Wucht kommen“, kommentiert Klaus Käpplinger die neuen Entwicklungen. Sicher sein könne man sich dessen aber erst nach der Verabschiedung des Haushalts.
Auch bei den Waldheimferien könnte es Einschnitte geben, warnt die Liga. Foto: Lichtgut/Piechowski
Ohnehin habe die in dem Brandbrief und bei dem Pressegespräch formulierte Kritik in vielen Punkten weiter Bestand. Die Einschnitte, die unweigerlich kommen werden und die in den nächsten Jahren wohl noch tiefer gehen, seien bitter. Die freien Träger seien seit Jahren unterfinanziert. „Ursprünglich hatten wir Anträge gestellt, um uns einer auskömmlichen Finanzierung anzunähern“, gibt Klaus Käpplinger zu bedenken.
Brandbrief macht Folgen von Sparmaßnahmen deutlich
In ihrem Brandbrief nennt die Liga der Wohlfahrtspflege Beispiele für Angebote, die bei weiteren Sparmaßnahmen eingeschränkt werden könnten. Dies sind:
Angebote der Mobilen Jugendarbeit und der Schulsozialarbeit
Angebote der Beratungsstellen mit der Folge, das Hilfesuchende noch länger auf Termine warten müssen
Waldheimferien und Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche
präventive Angebote, zum Beispiel zur Gewaltprävention
Klaus Käpplinger verweist darauf, dass Kürzungen im sozialen Bereich die Chancen und Chancengleichheit von Kindern und Jugendlichen gefährden. Zudem würden präventive Angebote nachweislich oft hohe Folgekosten vermeiden. Drastischer formuliert: „Solche Sparmaßnahmen gleichen einem Kahlschlag und gefährden den Zusammenhalt und den sozialen Frieden in unserer Stadt.“
Die Liga übt deutliche Kritik an der Stadt. Zum einen habe die Verwaltung noch nicht ausreichend dargelegt, wo und wie die Stadt bei ihren eigenen freiwilligen Angeboten spart. Ausgenommen sind davon Pflichtaufgaben wie zum Beispiel die Kita-Betreuung. Zum anderen komme der von der Verwaltung angekündigte Transformationsprozess zur Anpassung der Angebote in der Kinder- und Jugendhilfe an die knapper werdenden finanziellen Mittel zu spät. Dabei soll es unter anderem um den Abbau von Bürokratie und Doppelstrukturen gehen. Klaus Käpplinger fordert, dass dieser Prozess nun umgehend gestartet wird. Die Liga sei zur aktiven Mitarbeit bereit.
Farm muss Tierbestand reduzieren
Hilferuf Die Kürzungen bei den freien Trägern würden auch die Jugendfarmen massiv treffen. Die Jugendfarmvereine in Riedenberg und Möhringen-Vaihingen warnen vor dem Wegfall von Stellen, dauerhaften Einschränkungen bei den Öffnungszeiten und einer deutlichen Reduzierung der pädagogischen Angebote. Die Farm in Möhringen kündigt zudem eine Reduzierung des Tierbestands an.