Ärztin Yael Adler „Haut vergisst nie“ – der richtige UV-Index ab März
Bestsellerautorin und Ärztin Yael Adler klärt auf, welche Sonnencreme für welchen Hauttyp geeignet ist und welche Rolle die Ernährung beim Schutz vor UV-Strahlung spielt.
Bestsellerautorin und Ärztin Yael Adler klärt auf, welche Sonnencreme für welchen Hauttyp geeignet ist und welche Rolle die Ernährung beim Schutz vor UV-Strahlung spielt.
Nun sind sie da, die warmen Frühlingstage. Und die wollen ausgekostet werden. Doch wie schädlich ist die UV-Strahlung schon jetzt im März? Die Bestsellerautorin und Hautärztin Yael Adler sagt klar im Gespräch mit unserer Zeitung: „Am besten auf den UV-Index in der Region achten.“ Sie erklärt auch, warum nicht alle offenen Tuben aus dem Vorjahr zu gebrauchen sind und bei welchen Anzeichen man zum Arzt gehen sollte.
Frau Adler, die Haut vergisst nie, heißt es. Wie viel Wahrheit steckt darin?
Unsere Haut merkt sich tatsächlich jede Art der UV-Belastung. Sonnenstrahlen verursachen Schäden in der DNA, also im Erbgut der Hautzellen. Diese werden zum Teil repariert, aber ein Teil der Schäden summiert sich über das ganze Leben. Das bedeutet: Auch wenn die Haut nach einem Sonnenbrand oder einer Bräunung äußerlich wieder normal aussieht, bleiben doch einige Veränderungen bestehen. Und diese können dann Jahrzehnte später zu vorzeitiger Hautalterung oder auch zu Hautkrebs führen.
Sonnenschutz ist wichtig, gleichzeitig braucht es die Sonnenstrahlung zur Deckung des eigenen Vitamin-D-Bedarfs. Wie gelingt die Balance?
Wenn man sich im Freien bei genügend starker UVB-Strahlung aufhält, wird in der Haut Vitamin D gebildet. Man hat es also in der Hand, seinen Vitamin-D-Spiegel zu tunen – sofern man die Eigenschutzzeit seiner Haut kennt. Für Hellhäutige würde das bedeuten, ihren Bauch oder den Po für zehn bis maximal fünfzehn Minuten in die Sonne zu halten und dann wieder zu bedecken. Die hautärztlich bevorzugte Methode ist dies aber nicht: Sicherer ist es, den Vitamin-D-Spiegel im Blut bestimmen zu lassen und mögliche Defizite mit Nahrungsergänzungsmitteln auszugleichen. Für Kinder wären das je nach Größe und Alter um die 500 bis 1000 Einheiten am Tag; bei Erwachsenen wären 1000 bis 4000 Einheiten im Schnitt nötig, um einen guten Vitamin-D-Spiegel zu erreichen – gern in Kombination mit dem Vitamin K2.
In welcher Jahreszeit sollte man verstärkt auf den Sonnenschutz achten?
Es gibt ja einige, die sagen, man solle sich das ganze Jahr über mit einem Sonnenschutz eincremen. Ich dagegen rate, differenzierter vorzugehen und ab März auf den UV-Index zu achten. Ab einem UV-Index von 3 wird empfohlen, gerade die lichtexponierten Areale des Körpers wie Gesicht, Ohren, Nacken und Hände vor der Sonne zu schützen. Man kann dafür neben einer Sonnencreme auch textilen Lichtschutz nutzen – also dicht gewebte, lockere Kleidung , dazu Hut und Sonnenbrille. Ab Mitte Oktober geht der UV-Index eher selten über die Stufe 3 hinaus und man kann mit dem Sonnenschutz pausieren – außer man befindet sich im Gebirge oder es geht in sonnige Urlaubsregionen.
Wie oft sollte man sich eincremen?
Viele Produkte ziehen sehr schnell ein und sind mittlerweile fettfrei. Mit denen kann man sich schnell einschmieren, kurz bevor man das Haus verlässt. Nachcremen ist dann wichtig, wenn man im Wasser gewesen ist oder stark geschwitzt hat. Auch nach dem Abtrocknen sollte man sich wieder eincremen. Wer morgens das Haus verlässt, um zur Arbeit zufahren, in der Mittagspause draußen sitzt und am späten Nachmittag heimfährt, für den reicht ein einmaliges Eincremen mit einem Produkt mit hohem Lichtschutzfaktor 50 plus. Eine solche Creme verlängert die Eigenschutzzeit der Haut um das 50-fache, was bei hellhäutigen Personen einen Zeitrahmen von mehr als acht Stunden bedeuten würde. Also ist mittags noch ausreichend Schutz vorhanden.
Und wie viel Creme muss auf der Haut verteilt werden?
Wer am Strand oder im Freibad ist, braucht für den ganzen Körper um die eineinhalb bis zwei Schnapsgläser.
Es gibt es ein sehr großes Angebot an Sonnencremes: Worauf sollte man beim Kauf achten?
Beim Kauf in der Drogerie sollte man auf einen ausreichend hohen Lichtschutzfaktor achten. Ich bin ein Fan von 50 plus. Die Creme sollte neben der UVB- auch vor UVA-Strahlung schützen, die zu vorzeitiger Hautalterung führt. Letzteres erkennt man daran, dass die Buchstabenkombination UVA in einem Kreis abgebildet ist. Das ist in den EU-Produkten meist gegeben. Wichtig ist auch, dass das Produkt zum Hauttyp passt.
Was empfehlen Sie?
Wer eine trockene Haut hat, nutzt eher eine Sonnencreme. Menschen mit fettigerer Haut, die viel Sport treiben oder die stark schwitzen, rate ich eher zu einem Fluid oder einem Gel. Als Hautärztin finde ich es toll, wenn in dem Produkt keine Duftstoffe enthalten sind. Gerade bei empfindlicher und Problemhaut und auch im Gesicht würde ich auf jeden Fall ein Apothekenprodukt kaufen oder ein sehr gutes Drogerieprodukt, was man schon getestet hat, was nicht klebt, keine Pickel macht und nicht weißelt. Das finden viele unattraktiv.
Welche Produkte eignen sich für Menschen mit Hautproblemen?
Auch da gibt es eine Auswahl: So gibt es Sonnenschutzcremes mit etwas Aufheller, um mögliche Pigmentflecken zu bleichen. Menschen mit Rosazea greifen zu Produkten, die Rötungen und Entzündungen unterdrücken. Wer eine Sonnenallergie hat, sollte besser zu fettfreien Produkten greifen, denn die Fette könnten durch die Sonne zersetzt werden und dadurch die Allergie begünstigen. Menschen mit Hautkrebsvorstufen erhalten besonders starke Produkte, die oft einen Mix aus chemischen und physikalischen Filtern nutzen. Wer auf Sonnenschutz und „Anti-Age“-Pflege in einem setzen will, für den gibt es ebenfalls Spezial-Produkte. In diesen sind zum Teil Antioxidanzien und auch DNA-Reparatur-Enzyme wie Photolyase enthalten, aber nicht alle Anti-Aging-Versprechen sind gleich gut belegt. Besonders interessant sind auch All-in-one-Produkte, die Sonnenschutz, Make-up und Pflege in einem bieten.
Kann man die Sonnencreme vom Vorjahr noch verwenden?
Das kommt darauf an: Sieht die Creme noch gut aus? Riecht sie noch gut und haben sich die Bestandteile nicht entmischt? Dann kann sie wiederverwendet werden. Ist das nicht der Fall – lieber wegschmeißen. Das gilt auch für Produkte, die im vergangenen Sommer oft im heißen Auto oder in der Sonne gelegen haben. Vorsicht auch bei Produkten mit Octocrylen. Das ist eigentlich ein wirksamer Filter. Doch Octocrylen kann nach längerer Lagerung zu Benzophenon abgebaut werden, was Allergien und Hormonstörungen auslösen kann und womöglich krebserregend ist. Zudem steht es im Verdacht, Korallen zu schädigen. Viele Hersteller arbeiten daher nicht mehr mit Octocrylen.
Lieber auftragen oder einsprühen?
Ich würde von Sprühsprays abraten, weil die Substanz eingeatmet und auch geschluckt werden kann – und in unserem Körper haben Sonnencremes nichts zu suchen.
Kann auch die Ernährung zum Sonnenschutz beitragen?
Als Ergänzung zu Sonnencreme und textilem Sonnenschutz darf die richtige Ernährung nicht fehlen: Also jeden Tag ein Glas Möhrensaft mit einem Tröpfchen Öl oder auch etwas Astaxanthin – ein hochwirksames, natürliches Carotinoid-Antioxidans. Es gibt auch Pflanzenfarbstoffe wie Chlorophyll aus grünem Blattgemüse, Betanin aus der Roten Bete, sowie Anthocyane aus den blauen Beeren oder Lycopin aus dem Tomatenmark, die den natürlichen Schutz der Haut verstärken können. Dazu gehört auch der Grüntee-Pflanzenstoff Epigallocatechingallat, der in Matcha-Pulvertees enthalten ist.
Was ist zu tun, wenn es trotz aller Vorsicht zu einem Sonnenbrand gekommen ist?
Zunächst natürlich aus der Sonne gehen und sich auch nicht in den nächsten Tagen der Sonne aussetzen. Die Haut kann man kühlen – etwa mit feuchten Umschlägen. Dazu kann Wasser oder Schwarztee verwendet werden, der auf Raumtemperatur heruntergekühlt worden ist. Denn dieser wirkt antientzündlich. Manche verwenden auch Joghurt, der kühlt und Feuchtigkeit spendet, andere frische Aloe vera. Beides ist geeignet. Empfehlenswert sind beruhigende Pflegeprodukte etwa mit Panthenol. Da die Hautbarriere aufgrund des Sonnenbrands ramponiert und empfindlich ist, würde ich eher sehr minimalistische Produkte aus der Apotheke verwenden, die nicht überfrachtet sind mit zu viel zusätzlichen und unnötigen Inhaltsstoffen. Bei starken Schmerzen, Blasenbildung, starkem Krankheitsgefühl oder Fieber sollte man einen Arzt aufsuchen.
Zwar steigen die Fälle von Hautkrebs an. Gleichzeitig wird die Gesellschaft aufmerksamer gegenüber ihrer Haut. Bei welchen Auffälligkeiten bei der Selbstkontrolle raten Sie zu einem Arztbesuch?
Dann, wenn ein Muttermal neu entsteht oder wenn es sich verändert. Es gibt da die sogenannte A-B-C-D-E-Regel, nach der ein Arztbesuch notwendig ist: A steht für Asymmetrie, also wenn die Form des Hautmals nicht symmetrisch ist. B steht für Begrenzungen: Sie dürfen nicht unregelmäßig und unscharf sein. Der Buchstabe C steht für die Coloration, also wenn die Färbung des Hautmals ein Mix aus dunkel- und hellbraunen, roten, grauen, lilafarbenen, schwarzen oder roten sowie farblosen Arealen ist. D bedeutet, dass man auf den Durchmesser achten sollte. Der sollte sich nicht verändert haben und über einen halben Zentimeter anwachsen. Allerdings gibt es auch kleinere Melanome als einen halben Zentimeter. Der Buchstabe E steht für die Entwicklung oder die Erhabenheit des Hautmals: Juckt oder blutet es, ist es verkrustet? Hat es sich schnell verändert?
Welche Hinweisen deuten auf einen weißen Hautkrebs hin?
Dieser kann wie ein Ekzem aussehen, beispielsweise wie eine kleine rote, schuppige Stelle oder eine nicht heilende Wunde. Manchmal kann es auch ein glasiger Knubbel mit Äderchen sein, oder er hat einen perlschnurartigen Randwall und das Zentrum ist eingesunken. Die kritischen Hautmale sind sehr vielgestaltig. Daher ist es wichtig, regelmäßig zur Vorsorge zu gehen.
Hautarzttermine sind schwer zu bekommen – selbst für die normale kassenfinanzierte Vorsorge. Wie kommt man zu einem Termin?
Wer hinter einem auffälligen Hautmal einen Hautkrebs vermutet, sollte rasch dermatologisch abgeklärt werden. Für gesetzlich Versicherte kann der Terminservice unter 116117 helfen; Auch die Krankenkassen können weiterhelfen oder der Hausarzt. Es gibt mittlerweile auch zunehmend digitale Angebote fürs Smartphone oder Online-Service-Angebote, die man für einen ersten Eindruck nutzen kann – sie ersetzen die dermatologische Untersuchung aber nicht.
Praxis
Dr. Yael Adler ist Dermatologin in einer privaten Praxis in Berlin. Als Expertin für die Haut, aber auch als Ernährungswissenschaftlerin klärt sie häufig Interessierte im Fernsehen auf. Über Podcasts und Instagram (docyaeladler) erreicht sie ebenfalls viele Menschen.
Autorin
Yael Adler hat bereits fünf Sachbücher veröffentlicht, darunter das Buch „Hautnah“ im Droemer-Verlag. Darin erklärt Adler anschaulich alles, was man über die Haut wissen will – von der Pflege bis zu Allergien und Anti-Aging.