Weiße Tischdecken auf einer langen Tafel, die mit cremefarbenen Blüten und Rosmarinzweigen verziert ist. Klaviermusik begleitet die 23 Gäste, als sie Platz nehmen an diesem Abend, der für alle ein besonderer werden soll. „Wunderschön, ich liebe diese Deko“, entfährt es einer Frau, die mit drei Freundinnen aus der Frauenpension der Caritas in Bad Cannstatt gekommen ist. Andere Gäste sind bedürftige Senioren, weitere leben im Carlo-Steeb-Haus, einer Unterkunft für Wohnungslose, oder sind über eine Tagesstätte gekommen. An diesem Abend sollen sie sich wie Ehrengäste fühlen. Sie werden am Platz bedient, wie es in den Gourmetrestaurants üblich ist, in denen die sechs jungen Köche des Abends normalerweise Dienst tun.
„Darf ich Ihnen einschenken“, fragt eine junge Frau, die von Platz zu Platz geht – zuerst mit Mineralwasser, dann mit dem Aperitif. Während sie ihre Runde macht, herrscht in der benachbarten Küche betriebsame Hektik. Die sechs Auszubildenden, die hier wirbeln, sind befreundet und kennen sich aus der Berufsschule. Morgens um 9.30 Uhr haben sie im Le Méridien, wo zwei von ihnen Dienst tun, angefangen mit der Vorbereitung für das Drei-Gänge-Menü. Entworfen hat es einer von ihnen: Karl Acker, der auch die Idee zu der Aktion hatte. Bevor der heute 21-Jährige seine Ausbildung im Gourmetrestaurant Ritzi startete, war er FSJ-Kraft in der Tagesstätte Olga 46 für Wohnungslose und Obdachlose der Caritas – eine „prägende Zeit“ für ihn. Sie hat ihn letztlich auf seinen Berufswunsch gebracht: Denn als er in der Tagesstätte das Mittagessen bereitet hat, bekam er die Rückmeldung: „Karl, Du musst Koch werden!“
Ein Gast ist 1932 geboren und im Anzug gekommen
Vor jedem Gang erzählt er, was die Gäste erwartet – und nimmt mit seiner lockeren Art gleichzeitig Anspannung raus. Viele der Besucherinnen und Besucher seien vorab aufgeregt gewesen, berichtet Heidi Retter aus dem Bischof-Moser-Haus, die den Abend gemeinsam mit Karl Acker organisiert hat. „Was soll ich bloß anziehen?“, hätten einige schon vor Wochen gefragt. „Sie glauben nicht, was ich in meinem Kleiderschrank noch hab’“, hatte der älteste Gast der Sozialpädagogin gesagt. 1932 ist er geboren – und im Anzug gekommen.
Bei Michael, der ein paar Plätze weiter sitzt, könnte man auch annehmen, dass er sein bestes Tuch trägt – saubere Jeans und einen grauen Pullover. „Ich sehe immer so aus“, sagt der 38-Jährige. Hygiene sei ihm wichtig. Dabei lebt er seit einem Jahr auf der Straße. Für ihn sei das hier ein „Kontrast“ zu seinem Alltag. Der „Gruß aus der Küche“ mit asiatisch angemachtem Lachs und der erste Gang (feiner Spargelsalat mit Erdbeeren) liegen hinter ihm, nun fährt er mit dem Messer in das zarte Roastbeef des Hauptgangs auf seinem Teller, tunkt es in die Kräuterbutter und die Sauce, probiert die Brokkoliröschen und den buttrigen Kartoffelbrei. „Grandios“, meint Michael. So etwas Feines habe er noch nie gegessen.„Dafür muss man erst obdachlos werden“, sagt er.
Der Kreis schließt sich
Wie er auf der Straße gelandet ist? Er habe nach einem Burnout seine Wohnung verloren. 20 Jahre habe sein Leben aus Arbeit und Schlafen bestanden. Jetzt gehe es ihm besser. „Ich bin ein Mensch, der gerne für sich ist.“ Er kennt alle guten Schlafplätze in Stuttgart (überdacht und windgeschützt, abseits von Wohngebieten). Lautstärke schreckt ihn nicht, er schlafe mit Kopfhörern. Das Schlimmste, was ihm bisher passiert ist: Bei seinem Lieblingsschlafplatz sei er einmal von Jugendlichen mit Steinen beworfen worden. Es sei aber glimpflich ausgegangen.
Über die Tagesstätte Olga 46 hat er von dem Abend erfahren. Dort geht er duschen und wäscht Wäsche. Es ist die gleiche Einrichtung, in der auch Karl Acker war. So schließt sich der Kreis. Für den Auszubildenden dürften die vergangenen Wochen nicht einfach gewesen sein. Das Ritzi ist seit Anfang Mai geschlossen wegen Insolvenz – nach dem Ende der Ausbildung in wenigen Wochen kann es dort nicht für ihn weitergehen. Aber das ist in diesem Moment offensichtlich ganz weit weg.
Essen als „Form der Teilhabe“
In der Küche zeigt Karl Acker seinen Freunden, wie das Dessert angerichtet werden soll: ein dekonstruierter Käsekuchen, verziert mit frischen Beeren und Holunderblüten. Letztere hat er am Vortag noch gepflückt. Dann geht es wieder Hand in Hand. Als er das Dessert vorstellt und einen „guten Appetit zum Abschluss“ wünscht, brandet Applaus auf, dazu wird gejohlt. Solche Reaktionen kennen die Auszubildenden sonst eher nicht. „Es war ein Erfolg“, freut sich Karl Acker. Auch der bei der Caritas für das Bischof-Moser-Haus zuständige Fachdienstleiter, Joachim Treiber, ist begeistert: Die Aktion sei „ eine Form von Teilhabe“ – Essen als Kultur. Die Ingrid-Mayer-Stiftung habe den Abend mitermöglicht und die Kosten für die Lebensmittel getragen. Die Idee sei, so Treiber, solche Abende zwei bis drei Mal im Jahr zu veranstalten – mit verschiedenen Auszubildenden von „tollen Restaurants“ in Stuttgart.