München - Millionen Menschen leiden hierzulande unter Schuppenflechte – im medizinischen Fachjargon Psoriasis genannt. Die Haut ist rot, spannt, juckt und schmerzt, und an manchen Stellen bilden sich silbrig-weiße Schuppen, sogenannte Plaques. Meist äußert sich die Krankheit als entzündliche Hautkrankheit – je nach Schwere der Psoriasis kann die Entzündung aber den ganzen Körper erfassen – mit schweren Folgen. Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.
„Diese Krankheit ist ein Fluch“, sagte einmal der selbst an Schuppenflechte erkrankte US-Schriftsteller John Updike. Warum ist das Leben mit Schuppenflechte so schwer?
Viele Betroffene fühlen sich in ihrer Haut sehr unwohl. Die Schuppen, die von ihrer Haut abfallen und im Bett, auf dem Sofa oder der Kleidung zurückbleiben, sind ihnen peinlich. Dazu kommen medikamentöse Nebenwirkungen und mitunter auch berufliche oder private Einschränkungen durch die Erkrankung, vielleicht sogar geplatzte Träume. „Obwohl diese Hauterkrankung nicht ansteckend ist und keinerlei Gefahr für Mitmenschen darstellt, reagiert die Umwelt oft sehr irrational“, sagt Jörg Prinz, stellvertretender Klinikdirektor der Klinik für Dermatologie und Allergologie am Klinikum der Universität München. „Ihre neugierigen oder angeekelten Blicke sind wie Nadelstiche und führen dazu, dass sich die Betroffenen stigmatisiert und ausgegrenzt fühlen und sich zurückziehen.“
Wie können Betroffene damit umgehen?
„Es ist auf jeden Fall sinnvoll, sich psychologische Hilfe zu suchen“, sagt der Münchener Psoriasis-Experte Prinz. Durch Autogenes Training etwa sei es möglich, sich selbst zu konditionieren – beispielsweise mithilfe von Sätzen wie: „Ich bin trotz meiner Psoriasis ein großartiger Mensch.“ So etwas könne gut funktionieren, sagt Prinz. „Man sollte versuchen, trotz allem ein möglichst aktives Leben zu führen.“
Was ist zu den Ursachen bekannt?
Psoriasis ist eine Autoimmunerkrankung, für die eine genetische Veranlagung besteht. Wenn noch bestimmte Auslöser hinzukommen, führt diese Veranlagung dazu, dass das körpereigene Immunsystem der Haut einen bösen Streich spielt. Hierbei macht eine bestimmte Genvariante die T-Zellen – also Abwehrzellen – scharf auf angeblich „fremde“ Eiweißbausteine. Allerdings sind das Eiweißbausteine, die von den pigmentbildenden Zellen der Haut gebildet werden. Die T-Zellen halten also diese pigmentbildenden Zellen für zu bekämpfende Fremde und greifen an.
Wie kommt es zur Schuppenbildung?
Bei der Autoimmunreaktion spiele ein Botenstoff eine Rolle, der auch bei der Koordination der Abwehr von Bakterien wichtig ist, sagt Grundlagenforscher Jörg Prinz. An bestimmten Körperstellen sammeln sich dann gegen Bakterien gerichtete Fresszellen an, außerdem werden antibakterielle Abwehrstoffe der Haut in größeren Mengen gebildet, und die Wachstumsrate der Zellen der Oberhaut wird stark gesteigert: Es kommt zur gefürchteten Schuppung. Weil aber die vermeintlich Fremden – also die pigmentbildenden Hautzellen – bei der Abwehrreaktion nicht beschädigt werden, dauert die Bekämpfung an, und die Entzündung wird chronisch.
Gibt es Auslöser?
Als Auslöser kommen Infektionen wie zum Beispiel eine Mandelentzündung durch Streptokokken infrage. Im Einzelfall können alkoholische Getränke die krank machenden T-Zellen stimulieren. Auch Tätowierungen, seelischer Stress, Übergewicht, Stoffwechselstörungen sowie bestimmte Medikamente wie beispielsweise Betablocker und bestimmte Nichtsteroidale Antirheumatika können den Ausbruch der Hauterkrankung triggern. „Auch die Bakteriengemeinschaft im Darm spielt bei der Auslösung und Aufrechterhaltung möglicherweise eine wichtige Rolle. Das untersuchen wir derzeit genauer“, sagt Jörg Prinz.
Schuppenflechte ist nicht nur eine Erkrankung der Haut. Wo wütet sie noch?
Bei etwa 30 Prozent der Patienten können auch Entzündungen an den Gelenken sowie der Wirbelsäule auftreten. Mitunter werden die kleinen Fingergelenke sogar zerstört. Aber nicht nur die Gelenke sind dann entzündet, sondern auch der Bindegewebs- und Stützapparat und die Sehnenansätze am Knochen. Abhängig von der Dauer und Schwere der Schuppenflechte steigt auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lebererkrankungen und Typ-2-Diabetes.
Wie sieht die moderne Therapie der Schuppenflechte aus?
Welche Therapie verwendet wird, richtet sich nach der Schwere der Schuppenflechte. Bei einzelnen Psoriasisherden der Haut sollten Cremes und Salben mit Vitamin-D-Abkömmlingen und Kortison eingesetzt werden. Reicht dies nicht aus, besteht die Möglichkeit, äußerlich mit UV-Licht und innerlich mit konventionellen Medikamenten wie etwa Fumarsäureestern, Methotrexat oder Ciclosporin zu behandeln. „Sind diese herkömmlichen Medikamente nicht wirksam oder wegen etwaiger Gegenanzeigen oder Nebenwirkungen nicht länger einsetzbar, dann dürfen wir die teureren, modernen Biologics verschreiben“, sagt Prinz. „Diese Antikörper schalten ganz gezielt Botenstoffe aus, die die Entzündung aufrechterhalten.“ Dazu gehört beispielsweise der Wirkstoff Guselkumab – einer der größten Fortschritte der Psoriasistherapie der letzten Jahre.
Wie früh muss die Therapie einsetzen?
„Eine wirkungsvolle Therapie ist wegen der dadurch verbesserten Lebensqualität bereits in einem frühen Erkrankungsstadium sinnvoll und vermindert das Risiko für die Entstehung von Begleiterkrankungen“, sagt Prinz. Übergewicht erhöht dieses Risiko und verschlechtert den Therapieerfolg.