HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann „Warum nicht Vereine mit Geld belohnen, die junge Spieler einsetzen“

Frank Bohmann, 57, ist seit 2003 Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL). Foto: imago//Sportfoto Zink

Frank Bohmann, der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL), spricht über die Lehren der EM, das Kernproblem Anschlussförderung, verschiedene Corona-Szenarien für die Rückrunde und den Europameister Schweden.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Stuttgart - Frank Bohmann war früher Studenten-Europameister im Hockey und ist bekannt dafür, über den Tellerrand hinauszublicken. Der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL) spricht im Interview über...

 

den Europameister „Die Schweden waren die Crunchtime-Könige dieser EM. In der Vorrunde gegen Tschechien, gegen Norwegen, gegen Frankreich und auch gegen Deutschland haben sie die Spiele in den letzten Minuten für sich entschieden. Bestimmt war ein bisschen Glück dabei, aber vor allem ist das eine Sache der Mentalität. Schweden hatte zudem den besten Spieler dieses Turniers. Jim Gottfridsson hat nicht nur in Abwehr und Angriff überragend gespielt, sondern er ist auch genau der Anführer, den ein Champion braucht. Eine ähnliche Qualität hatte aus meiner Sicht nur noch der Isländer Omar Ingi Magnusson vom SC Magdeburg.“

den Vize-Europameister“ Die spanische Mannschaft ist abgezockt und unglaublich routiniert. Wenn es auch im Finale nicht gereicht hat, so entscheiden die Spieler weit jenseits der 30 Jahre meistens die Spiele. Das ist ein Alter, bei dem deutsche Spieler derzeit ihre Nationalmannschaftskarriere vorzeitig beenden. Auch da geht uns viel Qualität verloren. Außerdem ist Spanien taktisch seit Jahren eine Klasse für sich. Das Trainerteam findet meistens die richtige Antwort auf Umstellungen beim Gegner. Es ist kein Zufall, dass viele internationale Spitzenclubs von Spaniern trainiert werden. Auf die Trainerausbildung in Spanien sollten wir in Deutschland einen sehr genauen Blick werfen.“

die EM als Corona-Superspreader „Wir haben unsere erste Zielsetzung, dass alle Spieler gesund zurückkommen, nicht erreicht. Das hat nicht funktioniert. Ich mache da aber keinem einen Vorwurf. Sicherlich haben restlos ausverkaufte Hallen und Zuschauer und Hotelgäste ohne Maske für Verunsicherung gesorgt und vielleicht auch zu Ansteckungen geführt und die EHF würde im nachhinein an einigen Stellen schärfer vorgehen. Aber zu Ausbrüchen kam es eben auch an anderen Standorten, das DHB-Team ist das beste Beispiel.“

einen Rückzug des DHB-Teams „Wir haben uns sehr ausgiebig damit beschäftigt und unseren Ratschlag gegeben. Bei allen angedrohten finanziellen Konsequenzen, die auch erst einmal hätten durchgesetzt werden müssen, war für mich viel entscheidender, dass die Mannschaft sich für einen Verbleib im Turnier ausgesprochen hat und alle Infektionen im Turnier meines Wissens symptomlos oder sehr mild verlaufen sind.“

das deutsche Abschneiden „Der siebte Platz spiegelt die Realität ganz gut wider. Den Top Vier hinken wir seit einigen Jahren hinterher. Die Lücke gilt es in den kommenden beiden Jahren zu schließen.“

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die Zukunft der DHB-Auswahl „Die Breite passt, die absolute Spitze bleibt das Problem. Erst vor kurzem haben wir mit den DHB-Jugendtrainern, Nachwuchskoordinatoren und Bundesligatrainern ausgiebig diskutiert, wie wir strukturelle Defizite beheben können. Knackpunkt bleibt die Anschlussförderung. Wie bekommen wir die 18- bis 21-Jährigen, die Julian Kösters dieser Welt, in den Wettbewerb hinein? Da sind uns andere Nationen offenbar überlegen, da gehen uns viele Talente verloren oder sie werden zumindest nicht ausreichend weiterentwickelt. Wir dürfen bei diesem Thema nicht eitel sein, sondern müssen links und rechts schauen, auch bei anderen Sportarten.“

Ideen, Toptalente zu fördern „Warum nicht Vereine mit Geld belohnen, die junge Spieler einsetzen. Man kann über Bonifizierungen, zum Beispiel aus dem Fernsehvertrag, nachdenken für die Clubs, die verstärkt U-23-Spieler einsetzen. Da inzwischen alle Bundesligaspieler mit einem Sensor ausgestattet sind, der jegliche Positions- und Leistungsdaten via Geodatentracking in Echtzeit erfasst, lässt sich das sekundengenau belegen. Es bringt ja nichts, wenn die Talente als Nummer 15 auf der Bank versauern. Das kann allerdings nur ein Teil der Lösung sein, um verstärkt auf talentierte deutsche Spieler zu setzen.“

Corona-Auswirkungen für die Bundesligisten „Grundsätzlich müssen wir damit leben, dass wir zum Neustart auch infizierte Spieler haben werden. Das wird der neue Normalzustand sein. Wir müssen uns mit dem Virus arrangieren. Um die Clubs nicht zu benachteiligen, die überdurchschnittlich viele Spieler bei der EM hatten, hat die HBL eine Sonderregelung geschaffen: Im Pokal-Viertelfinale am 5./6. Februar und am ersten Bundesliga-Spieltag am 9./10. Februar dürfen Spiele schon dann abgesagt werden, wenn sechs Feldspieler oder zwei Torhüter einer Mannschaft mit dem Coronavirus infiziert sind. Danach soll wieder die bisherige Regel gelten, wonach eine Spielabsage erst erfolgen kann, wenn mehr als 50 Prozent der gemeldeten Vertragsspieler coronabedingt nicht zur Verfügung stehen, Sportverletzungen oder Sperren zählen dabei nicht mit.“

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Szenarien bei Spielausfällen „An Wochenenden, an denen die Final-Four-Turniere in der Champions League, European League oder im DHB-Pokal stattfinden, gibt es noch Spielraum, weil da die meisten unserer Vereine nicht dabei sind. Wenn es ganz dick kommt, müssen Vereine auch mal jeden zweiten Tag spielen. Dass es da auch zu Ungerechtigkeiten kommen würde, ist allen klar. Die eiserne Reserve wäre, die Saison um zwei Wochen zu verlängern. Doch den Urlaub erneut zu verkürzen – das wäre eine Zumutung für die Spieler.“

Sorgen, dass Clubs Pleite gehen „Die Sorge ist nicht von der Hand zu weisen. Werden die Zuschauerkapazitäten zu sehr eingeschränkt, wird den Clubs die Geschäftsgrundlage entzogen, die nun mal aus Zuschauer- und Sponsoreneinnahmen besteht. Ein Sponsor kauft immer eine Werbefläche, um Kontakte zu erzielen, aber er kauft auch Emotionen. Von daher ist das ein Doppeleffekt, der uns wehtut.“

Video-Beweis und Auszeit-Buzzer „Wir bereiten uns darauf vor, dass wir dies zur kommenden Bundesligasaison einführen können. Beschlossen werden kann dies dann bei unserer nächsten Gesellschafterversammlung am 7./8. Juli. Der Video-Beweis kann von den Schiedsrichtern genommen werden, um beispielsweise über eine Rote Karte zu entscheiden. Mit dem Buzzer können die Trainer direkt eine Auszeit nehmen, ohne zuvor das Kampfgericht informieren zu müssen. Da die Rahmenbedingungen in allen Arenen geschaffen werden müssen – kostet das Geld. Der Video-Beweis würde auch das Format der TV-Übertragungen verändern. Das ist aber kein Hexenwerk.“

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