Hebammen-Mangel in Stuttgart In kaum einem Kreißsaal sind alle Stellen besetzt

Von Lisa Welzhofer 

„Der hohe Arbeitsdruck ist ein Hauptgrund, dass Hebammen nur durchschnittlich vier Jahre in ihrem Beruf arbeiten“, sagt Jutta Eichenauer. Oft müssten ihre Kolleginnen drei bis fünf Frauen gleichzeitig während der Geburt betreuen und immer mehr administrative Aufgaben erledigen. Das hat Folgen für die Gebärenden: Beim Hebammenverband weiß man von einer zunehmenden Anzahl an Fällen, in denen Frauen die Geburt als „traumatisch“ empfinden, weil sie nicht ideal betreut würden. „Der Gesprächsbedarf frischgebackener Mütter ist enorm“, sagt Eichenauer.

Die Verbandsvorsitzende kennt kaum einen Kreißsaal, in dem derzeit alle Stellen besetzt sind. Dabei nimmt die Zahl der Fachabteilungen Frauenheilkunde und Geburtshilfe im Land ohnehin ab, wie Daten des Statistischen Bundesamts zeigen: Gab es 1991 noch 160 solcher Stationen in baden-württembergischen Krankenhäusern, sank diese Zahl bis 2015 auf 91 – und damit um 43 Prozent. Auch die Anzahl der Betten halbierte sich nahezu von 7330 auf 3759. Damit liegt das Land über dem Bundesdurchschnitt: Deutschlandweit ging die Zahl der Fachabteilungen um 35 Prozent zurück von knapp 1275 auf 834. Ähnliche Werte weisen große Bundesländer wie Bayern oder Niedersachsen aus.

Vor allem sind Schwangere auf dem Land betroffen

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKGEV) erklärt die Entwicklung mit einer zunehmenden Zentralisierung der Gesundheitsversorgung. Aber auch damit, dass viele Krankenhäuser Verluste machten und sich deshalb aus der personalintensiven und teuren Geburtshilfe verabschiedeten. In Baden-Württemberg weiß die DKGEV von mindestens elf Geburtshilfestationen, die in den vergangenen fünf Jahren geschlossen oder an größere Standorte verlagert wurden.

Das trifft vor allem Schwangere in ländlichen Gegenden: 13,39 Minuten beträgt laut DKGEV die durchschnittliche Fahrzeit im Land zur nächsten Geburtshilfestation, in manchen Gegenden, etwa im Rems-Murr-Kreis oder im Schwarzwald, liegt sie allerdings bei mehr als 20 oder 30 Minuten.

Hebammenmangel, Kreißsaalschließungen, steigende Geburtenzahlen – das ist die Gemengelage, die die Freiheit der Frauen, Ort und Art der Entbindung selbstbestimmt wählen zu können, zunehmend einschränkt. Denn immer mehr Hebammen verabschieden sich auch aus der freiberuflichen Tätigkeit, was Entbindungen zu Hause oder in einem Geburtshaus immer schwieriger macht.

Das baden-württembergische Sozialministerium hat nun einen Runden Tisch Geburtshilfe ins Leben gerufen. Bei der Auftaktveranstaltung kamen unter anderem Vertreter von Krankenkassen und -häusern, Ärzte und Hebammen zusammen. Im Mittelpunkt soll unter anderem die Frage stehen, wie die Arbeitsbedingungen der Hebammen verbessert werden können, und damit die Frage, wie viel Wahlfreiheit und gute Versorgung der Frauen der Politik und den Verbänden wert sind.

Linda Illner und ihr Mann jedenfalls mussten dafür bezahlen, dass in ihren Wunschkliniken kein Platz frei war. Auf der eiligen Fahrt nach Esslingen wurden sie auch noch geblitzt.