Hebammenkreißsaal Bietigheim-Bissingen Die Hebamme ist die Chefin im Kreißsaal

Im Hebammenkreißsaal sollen die Babys auf natürliche Weise und möglichst ohne Foto: dpa
Im Hebammenkreißsaal sollen die Babys auf natürliche Weise und möglichst ohne Foto: dpa

Das Bietigheimer Krankenhaus rüstet sich für den Wettbewerb um die immer weniger werdenden Geburten. Mit einer besseren Betreuung und weniger medizinischen Hilfsmitteln will man bei den Frauen punkten – wie in Stuttgart und Herrenberg.

Ludwigsburg: Melanie Braun (meb)
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Bietigheim-Bissingen - Die Geburtserfahrung ist sicher nichts, um das die Männer die Frauen beneiden. Aber auch viele Frauen sind inzwischen nicht mehr bereit, die Schmerzen und die Anstrengung beim Gebären ihres Kindes bewusst auf sich zu nehmen – und entscheiden sich immer öfter für einen Kaiserschnitt. Das zumindest hat Carola Lienig beobachtet. Die leitende Hebamme des Bietigheimer Krankenhauses hält diese Entwicklung für bedenklich. Mit einem neuen Konzept, dem Hebammenkreißsaal, sollen deshalb in Bietigheim mehr Frauen animiert werden, ihre Kinder auf natürlichem Wege zu bekommen. Gleichzeitig will man sich auf dem durch die rückläufige Geburtenrate immer enger werdenden Markt positionieren – in Stuttgart und Herrenberg ist das bereits erfolgreich gelungen.

Das Klinikum in Stuttgart war Vorreiter im Süden

Das Stuttgarter Klinikum hat bereits im Jahr 2007 einen Hebammenkreißsaal eingerichtet. „Wir waren die ersten in Süddeutschland“, sagt die leitende Hebamme Andrea Bosch. Hauptmerkmal des Konzeptes ist, dass die Geburten ausschließlich und intensiv von Hebammen betreut werden. Dementsprechend werden nur natürliche Mittel wie Massagen oder homöopathische Produkte zur Geburtshilfe eingesetzt. Nur bei Komplikationen oder wenn eine Frau dringend ein Schmerzmittel benötigt, wird ein Arzt hinzugezogen. Inzwischen würden rund 100 der 2600 Geburten im Jahr am Stuttgarter Klinikum im Hebammenkreißsaal stattfinden, so Bosch.

In Herrenberg verzeichnet man seit der Einrichtung des Hebammenkreißsaals im Jahr 2009 sogar eine enorme Steigerung der Geburtenzahl: 2012 wurden hier 897 Kinder geboren, 2009 waren es nur 650 gewesen. Laut der leitenden Hebamme Gudrun Zecha kommen inzwischen rund zehn Prozent der Babys im Hebammenkreißsaal zur Welt. Im vergangenen Jahr waren es 98 – das sei bundesweit die Höchstzahl gewesen. Für Zecha sind diese Zahlen ein Beleg dafür, dass den Frauen vor allem eine gute Betreuung bei der Geburt wichtig ist. „Es gibt einige Studien, die belegen, dass Frauen sehr viel weniger Schmerzmittel brauchen, wenn sie gut betreut sind“, sagt sie.

Ohnehin sei eine normale Geburt bei gesunden Frauen viel ungefährlicher als ein Kaiserschnitt, sagt Carola Lienig. Wenn es medizinisch nicht notwendig sei, halte sie den operativen Eingriff für ein unnötiges Risiko. Aber Lienig glaubt: „Viele sehen die Geburt nicht mehr als ihre Aufgabe an.“ Das ist aus Sicht der Hebamme ein gesellschaftliches Phänomen.

Personalmangel führt zu Betreuungsengpässen

Aber auch die Strukturen in den Kliniken, insbesondere der Personalmangel, trügen dazu bei, dass immer weniger Frauen eine normale Geburt anstrebten. Oftmals müsse eine Hebamme im normalen Klinikalltag vier Hochschwangere gleichzeitig betreuen, so Lienig. Dabei fühlten sich viele Frauen allein gelassen und bevorzugten deshalb den ihrer Meinung nach schnelleren und sichereren operativen Eingriff. Das führe im Gegenzug dazu, dass die Hebammen immer weniger ihre eigentliche Aufgabe erfüllen könnten. Dadurch gehe nach und nach auch das Wissen um die Geburtshilfe verloren.

Mit dem Hebammenkreißsaal, der im September 2011 im Bietigheimer Krankenhaus eingerichtet wurde, soll dieser Kreislauf durchbrochen werden. Der Hebammenkreißsaal ist laut Lienig quasi eine Win-win-Einrichtung. Nicht nur die Frauen fühlten sich wohler, auch die Hebammen seien zufriedener: „Hier können wir uns auf unsere originäre Arbeit konzentrieren.“ Zudem habe das Klinikum mit dieser Einrichtung ein Alleinstellungsmerkmal: „Es gibt immer weniger Geburten, da muss man schauen, wie man attraktiv bleibt“, sagt die Hebamme. Und das Angebot komme gut an: 2012 gab es 88 Geburten im Hebammenkreißsaal – von insgesamt 1148.




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