Herr Henrich, nicht nur in der Region Stuttgart fehlen Hebammen. Warum wächst bei diesen die Unzufriedenheit?
Die meisten Hebammen, nach Angaben des Deutschen Hebammenverbands sind es bundesweit rund 23 000, arbeiten in Krankenhäusern. Und die arbeiten in der Regel im Schichtdienst, an Wochenenden, in der Nacht, das ist eine sehr harte Arbeit. In der Gesellschaft wird sie aber nicht genügend wertgeschätzt. Und gemessen an der Leistung ist die Bezahlung mäßig.
Erklärt das die Entwicklung?
Dazu kommt, dass die Furcht vor Klagen bei Schadensfällen zu einem sehr defensiven Verhalten in der Geburtshilfe führt. Dazu muss man wissen, dass eine wachsende Zahl von Klagen vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen eingereicht wird. Auch das ist ein Grund für die steigende Kaiserschnittrate. Für einen zu frühen Kaiserschnitt ist noch niemand verklagt worden, für den zu späten schon. Die Kaiserschnittrate liegt bundesweit bei 33 Prozent, in den Perinatalzentren bei 40 Prozent und mehr. Wenn man dazu die Saugglocken- und Zangengeburten nimmt, kommt man auf bald 50 Prozent von Geburten, bei denen die ärztliche Tätigkeit im Vordergrund steht. Das führt auch dazu, dass die Hebammen oft frustriert danebenstehen.
In den großen Perinatalzentren wie der städtischen Frauenklinik in Stuttgart ist diese Entwicklung noch ausgeprägter.
In den Perinatalzentren mit sehr vielen Risikoschwangerschaften hat sich das Arbeitsfeld der Hebamme besonders verändert. In Zentren, wo wir Kinder mit Fehlbildungen erwarten, wo wir Frauen haben mit Bluthochdruck, mit Diabetes, mit immunologischen Erkrankungen in der Schwangerschaft, ist die Arbeit rund um die Geburt heute sehr stark risikomedizinisch ausgerichtet. Da wird die Hebamme mehr zur Intensivschwester.