Heftiger Streit um Stuttgarter Nacktkalender Die Meinungen über Kunst und Ästhetik gehen weit auseinander

Von Uwe Bogen 

Für heftige Debatten sorgt der Stuttgarter Nacktkalender 2019 zum Thema Autos. Auf die Vorwürfe, die Fotos seien „banal“, „unästhetisch“ und „ekelerregend“ erklärt Künstlerin Justyna Koeke: „Kunst ist nicht zum Gefallen da!“

Kalenderblatt vom Schwabtunnel. Foto: Daniela  Wolf 11 Bilder
Kalenderblatt vom Schwabtunnel. Foto: Daniela Wolf

Stuttgart - Zu denen, die sich wundern über die Nacktaufnahmen in dem neuen Kalender „Autos statt Stuttgart“ eines Künstlertrios, gehört Frl. Wommy Wonder. Der Travestiestar glaubt, dass die Motive „keineswegs diskussionsanregend“ sind, sondern eher abstoßend. „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, schreibt das Fräulein alias Michael Panzer, „aber meine Auffassung von Kunst und Ästhetik folgt anderen Kritierien.“ Etwas Positives erkennt Wommy doch: „Gut ist die Erkenntnis, dass der eigene Körper vielleicht nicht ganz so schrecklich ist, wie man es vor dem Kalender dachte.“

„Sehr künstlerisch ist das nicht“

Deutliche Kritik kommt auch von Heiko Volz, bekannt als Stimme vom Äffle: „Der Kalender provoziert, aber sehr dekorativ und künstlerisch ist er nicht. Werden sich deswegen auch nicht so viele aufhängen. Mir gefiel der von 2018 besser als die Nackten in Tierrollen schlüpften. Die Idee fand ich stärker.“ Ein anderer Kritiker schreibt, vor allem das Foto vom Schwabtunnel, auf dem nackte Menschen die Kacheln abschlecken, sei „ekelerregend“. Die Fotos seien nicht „gerade äthetisch inszeniert“ und technisch nicht besonders gut.

Dem halten Fans des Kalenders entgegen, dass das Foto vom Schwabtunnel aufrütteln solle, um gegen Schadstoffe der Autos und die Feinstaub-Belastung in der Stadt zu protestieren. „Der Dreck ist auch nicht schön“, schreibt er, „da darf es ein Foto dazu auch nicht sein.“

Justyna Koeke, eine der drei Kalendermacher, ist der Auffassung, dass „jeder Körper schön“ sei. Wer so mutig sei, sich auszuziehen, sei schön. „Uns geht es um die Komik der Situation“, sagt sie, „es geht darum, Grenzen zu überschreiten.“ Kunst sei nicht zum Gefallen da. „Wenn wir ältere Männer nackt mit Autos zeigen, dann ist das ein Statement“, findet die Dozentin der Kunstakademie, „weil man üblicherweise eben mit Autos nackte junge Frauen fotografiert.“

Michael Panzer alias Frl. Wommy Wonder lässt sich davon nicht überzeugen. „Kostenlosen Nahverkehr hätte man auch mit verstopften Straßen und genervten Leuten, im Kontrast zu luxuriösen Bahnen und entspannten Leuten, darstellen können“, argumentiert die Travestielady. Warum dies nackt geschehen müsse, versteht Wommy nicht: „Ich sehe da den Zusammenhang zu den postulierten Themen wirklich überhaupt nicht.“ Wenn über Kunst heftig gestritten wird, hat sie ein wichtiges Ziel erreicht.

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