Stuttgart - Die Affäre um einen verfrüht angekündigten Bluttest auf Brustkrebs trifft die Universitätsklinik Heidelberg in einer finanziell angespannten Phase. Für das Jahr 2018 erwartet das Klinikum ein Rekorddefizit von 9,4 Millionen Euro, zugleich sind die Verbindlichkeiten auf Rekordhöhe. Doch einen Zusammenhang zum fragwürdigen Gebaren bei der Vermarktung des Bluttests bestreiten sowohl die Klinik als auch das Wissenschaftsministerium. Beim Technologietransfer durch Ausgründungen stünden nicht finanzielle Interessen im Vordergrund, sondern das Wohl der Patienten.
Mitarbeiter des Klinikums hatten gegenüber Landtag und Medien die Frage aufgeworfen, ob man sich durch die Finanzlage veranlasst sehe, „unsaubere Geschäfte zu machen“. Sie verwiesen auf das für 2018 erwartete Defizit und auf die Verschuldung, die deutlich über jener der anderen Unikliniken im Land liege. Zudem monierten sie unterschiedliche Angaben zum Schuldenstand für das Jahr 2017 (neuere Zahlen liegen noch nicht vor): mal sei von 386, mal von 563 Millionen Euro die Rede.
Mehr Schulden als andere Unikliniken
Die Differenz erklärte eine Kliniksprecherin gegenüber unserer Zeitung so: Bei dem im Beteiligungsbericht des Landes genannten Wert von 386 Millionen Euro handele es sich alleine um die Verbindlichkeiten der Uniklinik, im Geschäftsbericht würden zudem die Verbindlichkeiten der Medizinischen Fakultät hinzu addiert – ergibt 563 Millionen. Heidelberg liegt damit klar vor den anderen Unikliniken in Freiburg (231 Millionen), Tübingen (160 Millionen) und Ulm (171 Millionen).
Als größtes Uniklinikum habe man „auch mehr Verbindlichkeiten aus dem laufenden Geschäftsbetrieb“, erläuterte die Sprecherin. Zudem seien langfristige Darlehen zur Finanzierung von Neubauvorhaben aufgenommen worden, die ohne einen solchen Eigenbeitrag nicht möglich gewesen wären. Diese sollten nach einem Tilgungsplan bis 2036 abgelöst werden.
Gleichwohl plant die Klinik ein neues Herzzentrum für 200 Millionen Euro, dessen Kosten zur Hälfte von der Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp übernommen werden. Die andere Hälfte will man laut der Sprecherin durch Einspareffekte finanzieren: Da mehrere Abteilungen zusammengeführt würden, könne man Abläufe und Prozesse verbessern und so Kosten senken. Diese „Effizienzrendite“ sei Basis der Finanzplanung.
Ärztlicher Direktor besorgt wegen „Schuldenberg“
Die Vorgänge um den Bluttest und dessen geplante Vermarktung haben aus Sicht der Klinik nichts mit der Kassenlage zu tun. Man stehe „finanziell auf soliden Füßen“, betonte die Sprecherin. „Kurzfristige monetäre Interessen“ stünden bei Ausgründungen „keinesfalls im Vordergrund“. Angesichts der erheblichen Investitionen, die notwendig seien, um Erfindungen als Produkt am Markt zu platzieren, seien „kurzfristige finanzielle Rückläufe“ nicht zu erwarten.
Andere Akteure beurteilen die Finanzlage offenbar kritischer als die Klinik-Offiziellen. So hatte sich ein ärztlicher Direktor unlängst besorgt über mögliche finanzielle Folgen der Bluttest-Affäre geäußert. In einer internen Mail beklagte er den Reputationsverlust der Klinik durch Fehlentscheidungen und ein „katastrophales Krisenmanagement“. Dies treffe Heidelberg „zu einem Zeitpunkt, zu dem wir zum ersten Mal negative Betriebsergebnisse aufweisen, auf einem gewaltigen Schuldenberg sitzen und noch weitere große und größte Vorhaben finanziell stemmen müssen...“. Die Folgen des Ansehensverlustes auch für die „Drittmittelkompetenz“ seien noch nicht absehbar. Laut der Kliniksprecherin ist das Betriebsergebnis vor Steuern und Zinsen für 2018 mit 11,8 Millionen Euro positiv, der Jahresfehlbetrag liege jedoch bei 9,4 Millionen Euro – weit mehr als in den Vorjahren. Der Jahresabschluss werde am 16. Juli vom Aufsichtsrat festgestellt.
Ministerium betonte „Größe der Herausforderung“
Für das Wissenschaftsministerium von Theresia Bauer (Grüne) hat sich die Heidelberger Uniklinik vor dem Hintergrund des „hohen Kostendrucks“ in der Hochschulmedizin insgesamt „über Jahre hinweg gut behauptet“. Neben den Anstrengungen des Landes habe es umfangreich in neue Klinikgebäude investiert und damit „den Grundstein für sehr gute Behandlungsqualität und wirtschaftliche Erfolge in der Zukunft“ gelegt, sagte eine Sprecherin. Die sich verschärfenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen machten es schwieriger, ein ausgeglichenes Ergebnis zu erreichen. Das für 2018 erwartete Defizit zeige „die Größe der Herausforderung, die nun mit ganzem Einsatz vom Vorstand angegangen werden muss“.