Heidelberger Klinik-Affäre Reporterin sieht sich bei Krebstest getäuscht

Brustkrebs im Blut zu erkennen – das verhieß die Heidelberger Uniklinik Foto: picture alliance/dpa/Labor

Mit einem „Bild“-Bericht über die „Weltsensation“ begann die Heidelberger Krebstest-Affäre. Die Autorin warnte einst vor „gefährlichen Fallstricken“ im Medizinjournalismus. Nun verhedderte sie sich selbst darin.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Stuttgart - Zu den vielen hehren Aufgaben, denen sich die Robert-Bosch-Stiftung verschrieben hat, gehört die Vermittlung von Wissenschaft. Man fördere dazu verschiedene Formate, unter anderem „die Stärkung von gutem Wissenschaftsjournalismus“, sagt eine Sprecherin. Dieser solle verlässlich Fakten referieren, ein „Verständnis für komplexe Zusammenhänge“ schaffen und „Transparenz in Bezug auf das Wissenschaftssystem“ herstellen.

 

Ausgerechnet eine Wissenschaftsjournalistin mit einem besonderen Bezug zu der Stuttgarter Stiftung spielt nun eine wichtige Rolle in einem Fall, der als Musterbeispiel einer missglückten Wissenschaftskommunikation gilt: der Heidelberger Krebstest-Affäre. Ein Bericht der „Bild“-Zeitung über einen angeblich revolutionären Bluttest auf Brustkrebs war im Februar der Auslöser schwerer Turbulenzen, die die Uniklinik bis heute erschüttern und inzwischen ihre Doppelspitze weggefegt haben. Die „Weltsensation“ – so die Schlagzeile – war nämlich verfrüht ausgerufen worden, das Verfahren erwies sich als noch lange nicht marktreif.

Experten sollte man „nicht blind vertrauen“

Die Autorin des Berichts auf der Titelseite und eines großen Interviews mit dem Frauenklinikchef im Innern war Sarah M., bei „Bild“ zuständig für Themen aus den Bereichen Medizin und Pflege. Der Bosch-Stiftung ist die etwa 30-Jährige nach eigenen Angaben gleich doppelt verbunden: Mit einem Stipendium aus Stuttgart habe sie sich einst weitergebildet, zudem sitze sie in einem Stiftungsbeirat, der „nachhaltigen Wissenschaftsjournalismus“ fördern solle.

Als eine Medienzeitschrift in einer Beilage Projekte der Bosch-Stiftung vorstellte, kam auch Sarah M. zu Wort. Als Beiratsmitglied beschrieb sie die besonderen Tücken im Wissenschaftsjournalismus. „Gefährliche Fallstricke“ drohten den Reportern, die in den komplexen Themen naturgemäß keine Experten sein könnten. Mit Vorsicht seien „Pressestatements vor allem im Medizinbereich“ zu genießen, besonders, wenn sie sich auf Studien und Statistiken stützten. Auch Experten „sollte man nicht einfach blind vertrauen“, und Ärzte verfolgten zuweilen „eigene Interessen“. Diese Fallstricke zu kennen sei wichtig, damit man „nicht darüber stolpert“.

Gesunde Grundskepsis weiter geboten

In der Theorie wusste Sarah M. also sehr genau, wie heikel Medizinberichterstattung sein kann. Warum tappte sie beim Thema „Bluttest auf Brustkrebs“ dann trotzdem in die Falle? Der Text habe auf einer „offiziellen Pressemitteilung“ der Heidelberger Uniklinik basiert, antwortet eine „Bild“-Sprecherin. Darin sei der Krebstest als „revolutionäre Möglichkeit“ zur Früherkennung bezeichnet worden. Zugleich sei die „Markteinführung noch in diesem Jahr“ angekündigt worden.

In dem Interview werde der Chef der Frauenklinik aber auch mit der Aussage zitiert, es müsse erst in größeren Studien untersucht werden, „wie sicher der Bluttest in der Praxis wirklich ist“. Das Fazit der Sprecherin: Der Bericht sei auf der Grundlage der damals vorliegenden Fakten entstanden, „die jetzt unter dem Verdacht stehen, manipuliert oder irreführend präsentiert worden zu sein“. An ihrer Aussage, dass im Wissenschaftsjournalismus eine „gesunde Grundskepsis“ geboten sei, halte die Autorin weiter fest.

Auch der Deutsche Rat für Public Relations hat die PR-Kampagne für den Bluttest inzwischen scharf verurteilt. Dem Vorstand der Uniklinik und der zuständigen Firma Heiscreen erteilte das Selbstkontrollorgan der Branche eine Rüge „wegen bewusster Falschbehauptung und Täuschung der Öffentlichkeit“. Beide hätten eine Präsentation des Verfahrens zugelassen, die in „Wortwahl, Zeitpunkt und Format“ unangemessen gewesen sei und in zentralen Punkten nicht der Wahrheit entsprochen habe. Welche Rolle der Ex-„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann bei all dem gespielt habe, so der PR-Rat, habe sich „nicht genauer klären“ lassen. Er sei auf Initiative von Heiscreen in die Kampagne eingebunden gewesen.

Erst nach Monaten kommt ein Nachtrag

Der „Bild“-Bericht vom Februar stand übrigens noch monatelang unverändert auf der Homepage des Blattes – gerade so, als gäbe es die Aufregung darum gar nicht. Erst im August erschien dann eine „Aktualisierung“, in der über das Zwischenergebnis einer Prüfkommission („Führungsversagen“, „Machtmissbrauch“) und über die personellen Konsequenzen informiert wurde. Die Angaben zur Marktreife habe die Uniklinik inzwischen korrigiert. Wie der „Bild“-Ombudsmann Ernst Elitz den Umgang mit dem Bluttest bewertet, war nicht zu erfahren; eine Anfrage unserer Zeitung an ihn blieb unbeantwortet.

Auch die Bosch-Stiftung will die Causa Bluttest nicht bewerten. Die Arbeit von Journalisten und die Qualität einzelner Artikel kommentiere man grundsätzlich nicht, sagt die Sprecherin. Der Beirat, dem die Autorin Sarah M. angehörte, sei inzwischen „nicht mehr aktiv“.

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