Heidengraben bei Erkenbrechtsweiler Die Welt der Kelten zum Leben erweckt
Wie die Keltensiedlung Heidengraben und das berühmte Zangentor G ausgesehen haben könnten, lässt sich bei Erkenbrechtsweiler nun über Handy-Videos erkunden.
Wie die Keltensiedlung Heidengraben und das berühmte Zangentor G ausgesehen haben könnten, lässt sich bei Erkenbrechtsweiler nun über Handy-Videos erkunden.
Erkenbrechtsweiler - Wer schon durch archäologische Ausgrabungen spaziert ist, kennt das Problem: Steinreste, vielleicht ein paar Mauern, reichen nicht aus, um sich vorstellen zu können, wie die Anlage früher einmal ausgesehen hat und wie die Menschen damals lebten. Moderne Medien schaffen Abhilfe, jetzt auch beim Heidengraben auf der Albfläche, einem Kulturgut von europäischem Rang. Wer dort am Ortsrand von Erkenbrechtsweiler vorbei kommt, kann sich auf seinem Handy per QR-Code zwei Videos herunterladen. Eines zeigt mit beeindruckenden Rundumblicken die Dimension der größten spätkeltischen Stadtanlage, die je auf dem europäischen Festland entdeckt wurde. Das andere Kurzvideo ist dem in den 1980er-Jahren teilweise rekonstruierten sogenannten Zangentor G gewidmet.
Es sei eines der Aushängeschilder des Heidengrabens, sagt Jörg Bofinger vom Landesamt für Denkmalschutz. Dank des Engagements des Fördervereins für Archäologie, Kultur und Tourismus (Fakt) und der Hilfe von Sponsoren konnte des Zangentor nach 15 Jahren wieder restauriert werden. „Behutsam und professionell“, wie Bofinger am Freitag bei der Vorstellung des Projekts betonte. Er sei glücklich mit dem Ergebnis, sagte der Wissenschaftler, der im Landesdenkmalamt das Referat für operative Archäologie leitet. Wind und Wetter hatten der Anlage in den vergangenen Jahren arg zugesetzt. Steine waren aus den Mauern herausgebrochen und einige Holzpfähle bereits morsch.
Weil sie mindestens 50 Jahre haltbar seien, habe man sich diesmal für Pfosten aus Robinien entschieden, erklärte Fakt-Vorsitzender Peter Heiden. Damit das Holz länger haltbar bleibe, haben man die Pfosten über Metallstangen im Mauerwerk verankert und nicht im Erdreich. Archäologe Bofinger ist auch deshalb froh über diese Lösung, weil damit die alten Kerbespuren im Boden erhalten blieben. Für den Torbereich wurde Eichenholz verwendet. Die Pfosten-Schlitz-Mauern, wie Wissenschaftler sie nennen, seien charakteristisch für spätkeltische Befestigungsanlagen, sagte Bofinger. Die Bezeichnung Zangentor komme daher, dass mit diesem Teil der Anlage Feinde regelrecht in die Zange genommen wurden.
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Peter Heiden ist zufrieden, dass sich nicht nur Firmen als Sponsoren finden ließen, sondern auch der Deutsche Verband für Archäologie Fördermittel bewilligt hat. Für die Restaurierung gab er 14 000 Euro, für das digitale Vermittlungskonzept nochmals 9000 Euro. Verein und Sponsoren brachten weitere 13 000 Euro für beide Projekte auf. Auch die Gemeinde Erkenbrechtsweiler wirkte tatkräftig mit. Der Heidengraben ist schließlich das touristische Aushängeschild der Kommune.
Über dem Eingangstor befand sich nach Überzeugung der Wissenschaftler ein repräsentatives Torgebäude. „Von anderen Anlagen wissen wir, dass die bis zu zwölf Meter hoch waren“, erklärte Bofinger. Was natürlich Ausdruck von Macht gewesen sei. Insgesamt gehe man von sieben Toren aus, die einen Zugang zu der knapp 18 Quadratkilometer großen Fläche des Heidengrabens verschafften. Primärschriften über das Leben in den keltischen Siedlungen gibt es nach Aussagen des Archäologen nicht. Sämtliche wissenschaftliche Erkenntnisse über die Kelten habe man aus Schriften der Römer und der Griechen, die sich da und dort über ihre Handelspartner ausließen. Doch seien diese mit Vorsicht zu genießen, „weil sie oft einen propagandistischen Charakter haben“.
Wie der Heidengraben und im Speziellen das Zangentor G ausgesehen haben könnte, erfahren Besucher in animierten Videos, die sich über einen QR-Code abrufen lassen. Zu finden ist dieser nicht nur an der Erklärtafel direkt vor dem Zangentor, sondern an zwei Info-Pfosten, die der Verein Fakt ganz in der Nähe eingeschlagen hat. Entwickler des digitalen Führers ist Dieter Hagmann, Inhaber der Firma 3 D-Museum. Die Kelten sind sein Spezialthema. Auch an anderen Stellen hat Hagmann digitale Rekonstruktionen entwickelt. Seine Videos zeigen, wie die Toranlage, der Vorplatz und die Umgebung vor mehr als 2000 Jahren ausgesehen haben könnten. Große Wälder habe es damals vermutlich nicht gegeben, erklärte Hagmann. Denn das Holz habe man für viele Zwecke gebraucht. Deswegen sei von einer freien Sicht auf die Umgebung auszugehen. Gestartet werden die Videos mit dem QR-Code. Eine eigenständige App sei das nicht, sondern eine Webpräsentation, die sich jeder leicht auf seinem Smartphone anschauen könne.
Die Forschung über die Kelten geht weiter. Wenn es neue Erkenntnisse gebe, lasse sich die Präsentation schnell aktualisieren, sagte Hagmann. Archäologe Jörg Bofinger ist zufrieden. Eine 1:1-Rekonstruktion des Torgebäudes auf dem Originalbefund sei aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich. Die digitale Technik helfe, einen Gesamteindruck zu vermitteln, ohne dass in den Befund weiter eingegriffen werde.
Kulturdenkmal von europäischem Rang
Bedeutung
Das spätkeltische Oppidum Heidengraben liegt rund 30 Kilometer süd-östlich von Stuttgart auf einer der Schwäbischen Alb vorgelagerten Berghalbinsel. Mit einer Gesamtfläche von 1800 Hektar war der Heidengraben während seiner Blütezeit um 100 vor Christus die bisher größte bekannte befestigte Siedlung der prähistorischen Zeit in Europa. Archäologen gehen davon aus, dass bis zu 10 000 Menschen im Heidengraben gelebt haben. Seine Wurzeln als Bestattungsplatz reichen bis in die späte Bronzezeit zurück.
Hohe Ziele
Weil er als Kulturgut von europäischem Rang gilt, soll das Oppidum Heidengraben, das sich im Dreieck zwischen den Kommunen Erkenbrechtsweiler, Grabenstetten und Hülben befand, Teil des Unesco-Biosphärengebiets Schwäbische Alb und des Unesco-Geoparks werden.
Kelten-App
Im Sommer wurde ein sechs Kilometer langer Kelten-Erlebnis-Pfad eröffnet, der mit einer Kelten-App Einblick in die Epoche gibt.