Heimat-Check im Kreis Böblingen Eltern sind frustriert und unzufrieden

Viele Menschen im Kreis Böblingen bemängeln die Situation in den Kitas. Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Im Bereich Familienfreundlichkeit gibt es im Heimat-Check unserer Zeitung viele Klagen: Vor allem mit der Kinderbetreuung sind die Menschen im Kreis Böblingen nicht zufrieden.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Zu wenig Plätze, zu wenig Personal, zu kurze Öffnungszeiten: Beim Thema Familienfreundlichkeit und speziell bei der Kinderbetreuung spiegelt sich der Frust der Menschen in den Kommentaren des Heimat-Checks unserer Zeitung wider: In keinem anderen Bereich kommt das Wort „Katastrophe“ so oft vor wie hier.

 

Bei der nicht repräsentativen Umfrage ist die Familienfreundlichkeit im Kreis Böblingen auf Platz acht von 14 gelandet. 6,14 Punkte von zehn möglichen Punkten vergaben die Teilnehmenden. Ein Wert, der sich im Mittelfeld befindet und nur bedingt zu der harschen Kritik in den schriftlichen Kommentaren der Umfrage passt. Dort lässt sich nämlich nur ein Tenor finden: Die Situation ist unterirdisch.

3854 Menschen im Kreis haben am Heimat-Check teilgenommen

An der Umfrage teilgenommen haben im Kreis Böblingen 3854 Leserinnen und Leser, die insgesamt 28 Fragen beantwortet und 1645 Meinungen und Kommentare zu den verschiedensten Themen hinterlassen haben. In der Kategorie Familienfreundlichkeit ging es darum, die Angebote an Kinderbetreuung und die Beschäftigungsmöglichkeiten für Jugendliche zu bewerten. Jettingen landete mit 7,89 Punkten auf Platz eins, gefolgt von Rutesheim (7,53 Punkte) und Holzgerlingen auf dem dritten Platz (7,47 Punkte). Auf den letzten zwei Plätzen landeten Böblingen (4,82 Punkte) und Gäufelden (4,71 Punkte).

In einer vor kurzem veröffentlichten Befragung durch das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung gaben Eltern an, dass der Personalmangel in den Kitas massive Folgen für das Familienleben hat. Ein Drittel der befragten Eltern mussten sogar die Arbeitszeit reduzieren. Laut der Studie gleichen viele Eltern die fehlende Betreuungszeit selbst aus oder werden von Freunden und Familie unterstützt. Vor allem die Belastung der Mütter habe seit Corona enorm zugenommen.

Eltern sind mit den Nerven am Ende, Erziehende sind überlastet

Auch im Kreis Böblingen sind diese Entwicklungen längst spürbar. In zahlreichen Einrichtungen sind die Öffnungszeiten bereits reduziert. Die Betreuung hängt jeden Tag an einem seidenen Faden: Wenn Personal krank wird oder aus sonstigen Gründen ausfällt, müssen Betreuungszeiten kurzfristig angepasst werden – manchmal noch am selben Tag. Das System scheint für niemanden zu funktionieren: Eltern sind mit den Nerven am Ende, Erziehende sind überlastet, die kommunalen Verwaltungen müssen mit dem Frust und den Beschwerden der Eltern zurechtkommen, der Kreis ist mit Klagen konfrontiert und die Kinder haben keinen geregelten Alltag.

An vielen Stellen regt sich Widerstand: In Gärtringen haben Eltern eine Initiative gegründet und eine Online-Petition gestartet, mit der sie die geplanten neuen Öffnungszeiten der Kitas stoppen wollen. Zahlreiche Eltern haben sich bei dieser Zeitung gemeldet, deren Kinder bereits vier Jahre oder älter sind, allerdings noch nie in der Kita waren – sie haben trotz regelmäßiger Bewerbungen keinen Platz in einer kommunalen Einrichtung bekommen. Die Sorge der Eltern ist groß: Hat mein Kind genügend soziale Kontakte? Auch unter Gleichaltrigen? Wird mein Kind in der Grundschule Defizite haben? Die Stadt Böblingen will auf die prekäre Lage reagieren und fortan ihre Aufnahmekriterien anpassen. Neben der Berufstätigkeit der Eltern soll auch das Alter der Kinder berücksichtig werden. Doch das Grundproblem bleibt: Es gibt zu wenig Fachpersonal und zu wenig Betreuungsplätze.

In den Kommentaren des Heimat-Checks berichten Eltern, dass sie mittlerweile Arbeitszeiten reduzieren mussten, weil die Kitas früher schließen. „Die Betreuungssituation in Kitas ist leider katastrophal geworden. So kann man bald nicht mehr arbeiten gehen als Eltern“, schreibt eine Person zur Situation in Böblingen. Viele berichten über die enorme mentale und finanzielle Belastung, die Familien auszuhalten haben. „Die Kitaplatzsituation in Böblingen und der Umgang der Stadt damit macht mich wütend und verzweifelt. Ich mache mir Sorgen, um die soziale Entwicklung meiner Tochter, um unsere finanzielle Situation und die Belastung meiner Beziehung“, schreibt eine Person. Viele Eltern machen in den Kommentaren auch deutlich, dass sie sich von den Kommunen im Stich gelassen fühlen. Eine Person aus Böblingen schreibt: „Ich fühle mich hier von der Stadt völlig alleingelassen. Ein Kitaplatz darf kein Privileg der Familien sein, die über die nötigen finanziellen und intellektuellen Möglichkeiten verfügen, diesen einzuklagen.“

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