Heimat-Check im Rems-Murr-Kreis Schlechte Noten für Kinderbetreuung

In den für teures Geld aus dem Boden gestampften Tagesstätten fehlt es vielerorts am Personal. Foto: dpa /Uwe Anspach

Bei der Frage nach der Familienfreundlichkeit erhalten die Kommunen im Rems-Murr-Kreis beim Heimat-Check fast durchweg schlechte Noten. Bemängelt wird, dass Personalprobleme auf dem Rücken der Eltern ausgetragen werden – und die Betreuungszeiten immer weiter zurückgehen.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Das Dilemma bei der Kinderbetreuung ist für viele Eltern mit Händen zu greifen: Da geben die Städte und Gemeinden unglaubliche Summen aus, um den gesetzlich geforderten Rechtsanspruch auf einen Platz im Hort auch umsetzen zu können. Landauf, landab werden Millionenbeträge in die Kinderbetreuung investiert. Und dann scheitert die schöne neue Welt der staatlich verordneten Familienfreundlichkeit am schlichten Makel, dass es in den für teures Geld aus dem Boden gestampften Einrichtungen am nötigen Personal für halbwegs vernünftige Öffnungszeiten fehlt.

 

Die Architektur stimmt bei kommunalen Kindertagesstätten, die pädagogischen Konzepte sind in aller Regel vorzüglich. Doch von Verlässlichkeit kann für die Eltern von kleinen Kindern oftmals keine Rede sein, für die meist mehr als zwei Dutzend Schließtage geht fast der gesamte Jahresurlaub drauf. Und: Weil die Türen der Einrichtungen auch wegen überraschenden Krankheitswellen, unverhofften Schwangerschaften und dem obligatorischen Betriebsausflug mitunter sehr kurzfristig geschlossen sind, ist die vielfach bereits als Auslaufmodell bezeichnete Oma als Notnagel fürs Kinderhüten für viele Familien wichtiger denn je – dumm nur, wenn die Großeltern statt im Remstal im Ruhrgebiet leben oder die Bespaßung naseweiser Enkelkinder in der persönlichen Lebensplanung nicht mehr vorgesehen ist.

Studie beklagt massive Folgen fürs Familienleben

In einer jüngst veröffentlichten Studie der Hans-Böckler-Stiftung gaben die befragten Eltern jedenfalls an, dass der Personalmangel in den Kindertagesstätten massive Folgen fürs Familienleben hat. Ein Drittel der Mütter und Väter musste sogar die Arbeitszeit reduzieren, weil Einrichtungen mit zum Berufsalltag passenden Öffnungszeiten meist nur auf dem Papier existieren.

Laut der Studie gleichen viele Eltern die fehlende Betreuungszeit selbst aus oder werden von Freunden und Familie unterstützt. Vor allem die Belastung der Mütter durch den Abholstress habe seit der Coronakrise enorm zugenommen. Dass die Situation von den Eltern zunehmend als untragbar empfunden wird, spiegelt sich auch im großen Heimat-Check unserer Zeitung wider. Das Wort „Katastrophe“ taucht in keiner der 14 abgefragten Kategorien annähernd so häufig auf wie beim Thema Familienfreundlichkeit.

Entsprechend bescheiden fallen die Bewertungen der Teilnehmer aus: Bei zehn möglichen Punkten vergeben die Menschen für das Angebot in der Kinderbetreuung, aber auch die Möglichkeiten für Jugendliche im Durchschnitt gerade mal die Note 5,88. Noch am besten kommen Winterbach und Leutenbach weg, als einzige Kommunen im Kreis haben es die Orte über die Sieben-Punkte-Marke geschafft. Auch in Kernen, Weissach, Allmersbach, Urbach und Rudersberg werden noch gute Platzierungen erreicht, allerdings nur noch mit einer sechs vor dem Komma. Weiter geht der Sinkflug mit Fellbach, Weinstadt, Waiblingen und Schwaikheim, ab Berglen vergeben die Teilnehmer des Heimat-Checks nur noch Noten unter dem (schlechten) Durchschnitt. Schlusslichter der Zufriedenheits-Rangliste sind Murrhardt, Auenwald, Plüderhausen und Großerlach, bei denen allesamt nur noch die Note vier vor dem Komma steht.

Erschreckend ist an den Werten nicht nur, dass es in vielen Kreiskommunen offenbar an der passenden Infrastruktur für ganze Bevölkerungsschichten zu hapern scheint. Auf der Hand liegt auch, dass die Durchschnittsnoten noch vergleichsweise schmeichelhaft ausfallen. Beteiligt an der dreiwöchigen Umfrage zum Heimat-Check haben sich schließlich nicht nur die Familien. Mit in die Gesamtnote ein fließt naturgemäß auch die Meinung von Menschen, bei denen die Frage nach Bildung und Betreuung keine entscheidende Rolle mehr spielt. Anders ausgedrückt: Wer bei der Kindererziehung aus dem Gröbsten raus ist und keine Teenager mehr auf dem Sofa sitzen hat, dürfte auch bei der Bewertung der aktuellen Lage nachsichtiger gestimmt sein.

Bissige Kommentare: Eltern fühlen sich oft im Stich gelassen

Zur harschen Kritik in den schriftlichen Kommentaren der Umfrage jedenfalls passt die noch halbwegs passable Durchschnittsnote nur bedingt. In teilweise bissigen, teilweise wütenden, teilweise aber auch schlicht verzweifelten Bemerkungen machen viele Eltern mehr als deutlich, dass sie die Malaise aus Personalmangel und trotz der steigenden Tarife stetig reduzierten Öffnungszeiten ausbaden müssen – und sich von ihrer Kommune im Stich gelassen fühlen. „Arbeiten gehen kann man so nicht mehr“, heißt es.

Worum es beim Heimat-Check geht

Stimmungsbild
 Der Heimat-Check unserer Zeitung in Kooperation mit dem Unternehmen Umfrageheld hat ein Stimmungsbild in allen 140 Kommunen der Kreise Esslingen, Böblingen, Ludwigsburg und Rems-Murr erhoben. Vom 10. Juni bis zum 2. Juli konnte online das Votum abgegeben werden. Insgesamt 15 120 Menschen nahmen teil. Den Anspruch, repräsentativ zu sein, erhebt der Heimat-Check ausdrücklich nicht.

Systematik
 In 14 Kategorien wurden je zwei Fragen gestellt, die auf einer Skala von 1 (schlecht) bis 10 (sehr gut) beantwortet werden konnten. Dabei ging es um die Themen Lebensqualität, Gastronomie, Immobilienmarkt, Sport und Vereine, Familienfreundlichkeit, Gesundheitsversorgung, Sauberkeit, Sicherheit, Einzelhandel, Verkehr, Nahverkehr und Radwegenetz, Seniorenfreundlichkeit, Kultur und Freizeit sowie Digitalisierung, Energie und Klima.

Weitere Themen