Ein Kulturloch, das es so nicht gibt
Dass der Heimat-Check als nicht repräsentative Umfrage kein akkurates Meinungsbild liefern kann, ist klar. Bemerkenswert sind die Ergebnisse dennoch, gerade mit Blick auf obige Kommentare, denn sie zeigen, dass die oft sehr harte Kritik zum Teil auf Unwissen beruht. Das bestätigt Johannes Storost, der im Herrenberger Mauerwerk seit zehn Jahren neben Gastronomie unter anderem auch Konzerte und Kabarett anbietet. „Die Leute meckern über ein Kulturloch, aber die Frage ist doch, ob sie die vorhandenen Angebote überhaupt nutzen.“
Nicht nur in Herrenberg gebe es jede Menge gute Ansätze und Menschen, die versuchen würden, Kultur zu etablieren und Akzente zu setzen. Allerdings werde die lokale Szene mit Scheuklappen wahrgenommen, stellt Storost fest. Vielleicht liege das an mangelnder Kommunikation – oder schlicht daran, dass speziell Herrenberg dank seiner Lage und S-Bahn-Anbindung beinahe schon zu gut an das extrem breite Angebot in Stuttgart oder Tübingen angeschlossen sei.
Frust über Auflagen
Ein blinder Fleck für lokale Kulturangebote ist aber nicht die einzige Erkenntnis, die sich aus der Umfrage ziehen lässt. Wie das Ergebnis zeigt, finden sich nämlich je nach Stadt oder Gemeinde Kommentare mit Lob oder Kritik für sehr ortsspezifische Punkte. In Böblingen gibt es zum Beispiel auch Lob – unter anderem für die Kunst- und Musikschule, zugleich äußern aber mehrere Teilnehmende den Wunsch, das Baumoval mit Festen zu beleben. In Ehningen wird die Arbeit des ehrenamtlichen Ekuthek-Teams im Theaterkeller durchaus wertgeschätzt, zugleich gibt es aber auch Frust, weil immer mehr Auflagen die Vereine ausbremsen würden – so wie zuletzt der Rückzug den Musikvereins als Mitausrichter des Pfingstfests.
Der Spitzenplatz bei der Umfrage für Holzgerlingen lässt sich vielleicht zu einem großen Teil mit der besonders umtriebigen Community erklären, das ansprechende Programm in der Burg Kalteneck spielt hier aber sicher auch mit hinein.
Die überdurchschnittlich guten Abstimmungswerte in Sindelfingen zeigen wiederum, dass die eingangs zitierte Kritik am Kulturangebot der Stadt eher nicht der allgemeinen Wahrnehmung entspricht. Tatsächlich lobt ein anderen Kommentar ausdrücklich die kulturelle Vielfalt in der Daimlerstadt. Mit Blick auf die erst Ende Juli zu Ende gegangene fünfte Biennale mit mehr als 100 Veranstaltungen – darunter die herausragende Rock-Oper „Die Schwarze Mühle“ der Jungen Bühne Sindelfingen – wäre alles andere auch eher verwunderlich gewesen.
Für junge Menschen ist zu wenig geboten
Neben dem Thema Kultur war beim Heimat-Check auch die Meinung der Menschen zum Freizeitangebot gefragt. Hier zieht sich ein Kritikpunkt überdeutlich durch praktisch alle Städte und Gemeinden von Böblingen bis Grafenau und von Herrenberg bis Steinenbronn durch: Für junge Menschen ist offenbar einfach zu wenig geboten. Überall fehlt es den Kommentaren nach zu schließen an Möglichkeiten, sich (insbesondere auch draußen) zu treffen, zu tanzen, zu skaten – oder zu baden.
Dieser letzte Punkt sticht übrigens in den Rückmeldungen der Teilnehmenden besonders heraus: Es mag daran liegen, dass die Umfrage im Sommer lief, jedenfalls scheint der Wunsch nach anderen oder besseren Bademöglichkeiten groß. „Badesee wäre toll“, lautet beispielsweise ein Kommentar aus Böblingen, ein anderer schlägt sogar den Langen See auf dem Flugfeld als Badeort vor.
Die Freibäder und das Personal
Vielfach ist eine gewisse Unzufriedenheit mit den ja durchaus über den ganzen Landkreis verteilten Freibädern herauszuhören: Hier schlägt offenbar der Personalmangel durch, wenn von verkürzten Öffnungszeiten oder geschlossenen Becken die Rede ist. Das immer wieder wegen Verunreinigung geschlossene Herrenberger Naturfreibad ist ebenfalls Thema: „Das muss doch zu Lösen sein“, meint ein frustrierter Badegast.
Worum es beim Heimat-Check geht
Stimmungsbild
Der Heimat-Check unserer Zeitung in Kooperation mit dem Unternehmen Umfrageheld hat ein Stimmungsbild in allen 140 Kommunen der Kreise Esslingen, Böblingen, Ludwigsburg und Rems-Murr erhoben. Vom 10. Juni bis zum 2. Juli konnte online das Votum abgegeben werden. Insgesamt 15 120 Menschen nahmen teil. Den Anspruch, repräsentativ zu sein, erhebt der Heimat-Check ausdrücklich nicht.
Systematik
In 14 Kategorien wurden je zwei Fragen gestellt, die auf einer Skala von eins (schlecht) bis zehn (sehr gut) beantwortet werden konnten. Dabei ging es um die Themen Lebensqualität, Gastronomie, Immobilienmarkt, Sport und Vereine, Familienfreundlichkeit, Gesundheitsversorgung, Sauberkeit, Sicherheit, Einzelhandel, Verkehr, Nahverkehr und Radwegenetz, Seniorenfreundlichkeit, Kultur und Freizeit sowie Digitalisierung, Energie und Klima.