Gutes Mittelmaß – das kann sich der Landkreis an die Fahnen heften, wenn es um den ÖPNV und den Radverkehr geht. „Wie gut ist Ihre Gemeinde an den Öffentlichen Nahverkehr angebunden?“ wollten wir von den Heimat-Check-Teilnehmenden wissen, und: „Wie zufrieden sind Sie mit dem Radwegnetz Ihrer Gemeinde?“ Heraus kam ein Wert von 6,3. Das kommt der Note Befriedigend plus gleich und zeigt, dass die Kreis-Bewohner in diesem Punkt etwas zufriedener sind als ihre Kollegen in der Umgebung. In der gesamten Region Stuttgart wurde für diesen Lebensbereich ein Durchschnittswert von 6,03 Punkten ermittelt. Kein repräsentatives Umfrage-Ergebnis, aber ein Stimmungsbarometer allemal.
Die Siegerkommune schafft über acht Punkte
Klarer Sieger im Kreiswettbewerb ist Nufringen. In dem Ort zwischen Gärtringen und Herrenberg ist die ÖPNV-Zufriedenheit mit 8,43 außergewöhnlich hoch. Auf Platz zwei folgt Ehningen mit 8,07. Die Schlusslichter markieren die beiden Orte, die nahezu am weitesten voneinander entfernt sind. Ganz hinten rangiert Mötzingen im äußersten Südwesten des Kreises mit 3,88 Punkten vor Weissach, ganz im Norden des Landkreises gelegen, mit 4,54 Punkten.
Ob die Meinung zum Radverkehr oder die Einstellung zum ÖPNV letztendlich mehr zum Umfrageergebnis beigetragen hat, geht aus den Zahlen nicht hervor. Dennoch lassen sich für beide Bereiche Rückschlüsse aus den Ergebnissen ziehen.
Die ersten Plätze gehen an die S-Bahn-Kommunen
Rückt man den ÖPNV in den Mittelpunkt, dann fällt auf, dass die ersten elf Kommunen im Ranking allesamt einen S-Bahnanschluss besitzen. Diese Schienenanbindung scheinen die Menschen, obwohl sie mit der Pünktlichkeit der Bahn hadern, äußerst positiv zu bewerten. Fakt ist aber auch, dass sich in diesem Spitzenfeld mit Böblingen (Rang 9) und Herrenberg (11) nur zwei der vier großen Städte im Landkreis befinden. Leonberg hat es nur auf den 20. Rang von 26 Kommunen geschafft, Sindelfingen musste sich gar mit dem 22. Rang zufrieden geben.
Beide Städte liegen im Gegensatz zu den anderen beiden Großen Kreisstädten ausschließlich an der S 60, einer S-Bahntrasse, die nur im 30-Minuten-Takt verkehrt. Eine Erklärung für das bescheidene Abschneiden? Niklas Hetfleisch, Sprecher des Verkehrsverbundes Stuttgart (VVS), sieht da durchaus einen Zusammenhang: „Halbstundentakte“, sagt er, sind für Reiseweiten von zwei bis drei Kilometern im Vergleich zu Fuß- , Rad- oder Motorverkehr wenig attraktiv“. Im Falle von Leonberg und Sindelfingen käme hinzu, dass die Fahrt nach Stuttgart mit der S 60 über Umwege erfolge oder ein Umsteigen notwendig mache.
Beim Takt gibt es noch Luft nach oben
Eine Einschätzung, die die Umfrageteilnehmer teilen. Mehrfach gab es Kritik an der S-Bahn-Anbindung. „Verkehrstechnisch sollte die S 60 endlich zumindest zu den Hauptverkehrszeiten im 15-Minuten-Takt fahren“, fordert ein Umfrageteilnehmer aus Sindelfingen. Nicht der einzige Kritikpunkt: Immer wieder ist die Unpünktlichkeit des Busverkehrs Thema in den Kommentaren – und die teuren ÖPNV-Tickets.
Das relative gute Gesamtergebnis ist für VVS-Mann Hetfleisch indes keine Überraschung. Der Landkreis verfüge über eine sehr gute ÖPNV-Netzstruktur, sagt er. „Die klassische Landgemeinde, die höchstens alle zwei Stunden vom Bus bedient wird, gibt es im Landkreis Böblingen nicht“, stellt er fest.
Beim Radverkehr scheiden sich die Geister
Der Blick auf den Radverkehr zeigt zunächst einmal, dass dieses Thema höchst umstritten ist und bisweilen eher Bestandteil eines Kulturkampfes zu sein scheint, als Inhalt einer Diskussion um die Mobilität der Zukunft.
Eine Mehrheit der Umfrageteilnehmer fordert zwar, mehr für den Radverkehr zu tun. Die ablehnenden Kommentare sind aber ebenfalls unüberhörbar. „Es wird mehr Wert auf die Radfahrer gelegt wie zum Beispiel auf Kinder“, meldet sich eine Stimme aus Sindelfingen. Aus derselben Stadt kommt aber auch der Vorwurf, dass dort lediglich „Pseudoaktivitäten für Radfahrer“ stattfänden.
Das uneinheitliche Bild setzt sich auch in anderen Kommunen fort. Während in Ehningen die „Mehr-Rad-Fraktion“ die Nase vorne hat, sind die Radwege-Kritiker in Böblingen ein wenig lauter: „Zu viel Invest in Radwege“ formuliert eine Rüge, eine andere ortet „Fahrradwahn“ in der Stadt. Dennoch wähnen sich viele, die in Böblingen wohnen, auch in einer fahrradfeindlichen „Autostadt“. „Für Radler muss mehr getan werden“, appelliert ein Kommentator, „weiter so mit den Radwegen“ fordert ein anderer.
Worum es beim Heimat-Check geht
Stimmungsbild
Der Heimat-Check unserer Zeitung in Kooperation mit dem Unternehmen Umfrageheld hat ein Stimmungsbild in allen 140 Kommunen der Kreise Esslingen, Böblingen, Ludwigsburg und Rems-Murr erhoben. Vom 10. Juni bis zum 2. Juli konnte online das Votum abgegeben werden. Insgesamt 15 120 Menschen nahmen teil. Den Anspruch, repräsentativ zu sein, erhebt der Heimat-Check ausdrücklich nicht.
Systematik
In 14 Kategorien wurden je zwei Fragen gestellt, die auf einer Skala von eins (schlecht) bis zehn (sehr gut) beantwortet werden konnten. Dabei ging es um die Themen Lebensqualität, Gastronomie, Immobilienmarkt, Sport und Vereine, Familienfreundlichkeit, Gesundheitsversorgung, Sauberkeit, Sicherheit, Einzelhandel, Verkehr, Nahverkehr und Radwegenetz, Seniorenfreundlichkeit, Kultur und Freizeit sowie Digitalisierung, Energie und Klima.