Meistens nachts und gehäuft vor Shisha-Bars oder Barbershops: Seit fast einem Jahr fallen immer wieder Schüsse in der Region. Gerade der Landkreis Esslingen ist Schauplatz dieser Serie, die das Landeskriminalamt nach bisherigen Erkenntnissen rivalisierenden Gruppen zuschreibt. Die ersten Schüsse aus halbautomatischen Waffen fielen Anfang September 2022 in Mettingen. Mehrere Männer stehen deswegen vor dem Stuttgarter Landgericht. Es folgten weitere Vorfälle in Ostfildern, Plochingen und Reichenbach, aber auch in Eislingen (Kreis Göppingen), Stuttgart-Zuffenhausen und Asperg (Kreis Ludwigsburg). Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte die Gewaltserie wieder im Kreis Esslingen: Anfang Juni wurden zehn Menschen durch den Wurf einer Handgranate auf dem Altbacher Friedhof verletzt.
Haben diese Fälle das Sicherheitsempfinden der Menschen im Kreis Esslingen beeinflusst? Als wie bedrohlich nehmen sie ihren Wohnort oder bestimmte Gegenden in ihrem Umfeld wahr? Unser Heimat-Check wollte auch das herausfinden. „Jugendbanden schüchtern ein“, notiert eine Teilnehmerin aus Reichenbach. Vor allem bei Dunkelheit würde man größeren Gruppen mit Machogehabe und alkoholisierten Jugendlichen begegnen, schreibt eine andere Frau. Sie habe Konsequenzen gezogen: „Ich vermeide es, abends aus dem Haus zu gehen, die Lebensqualität leidet stark darunter.“
Von den größeren Kommunen fällt erneut Kirchheim positiv auf (Wert 7,21). In der oberen Hälfte in der Kategorie Sicherheit finden sich auch Leinfelden-Echterdingen (7,02) und Filderstadt (6,60). Weiter hinten stehen Ostfildern (6,14) und Nürtingen (6,07). Bewertet werden konnte in dieser Kategorie auf einer Skala von eins (schlecht) bis zehn (gut). Über alle 44 Städte und Gemeinden betrachtet, nehmen die Menschen den Kreis Esslingen als nicht allzu gefährlich wahr. Von allen 14 abgefragten Kategorien landet Sicherheit mit einem Wert von 6,53 auf einem passablen vierten Platz. Zu den Schlusslichtern gehört Plochingen (4,85), nur einen Platz davor landet Altbach (5,21).
Plochingens Bürgermeister Frank Buß ist überzeugt, dass die Attacken der vergangenen Monate Spuren hinterlassen haben. Im April wurde im Plochinger Bahnhofsbereich geschossen, der Wirt einer Shisha-Bar wurde von einem Projektil getroffen. Bereits im Februar war dort ein anderer Gastwirt angeschossen und schwer verletzt worden. „Wir nehmen die Ängste der Menschen ernst“, sagt Buß, eine vollständige Rückkehr zur Normalität werde noch einige Zeit brauchen.
Esslinger Bahnhof ist ein Aufreger-Thema
Interessant ist der Blick nach Esslingen. Die größte Kommune im Kreis landet beim Thema Sicherheit mit einem Wert von 5,83 im hinteren Drittel. Es überrascht nicht, dass die Esslingerinnen und Esslinger vor allem der Bahnhofsbereich beschäftigt, wie sich in den vielen Kommentaren zeigt. Seit Jahren hat er einen schlechten Ruf, er gilt als zwielichtiger Ort, der kaum Aufenthaltsqualität hat. „Das kriegen andere Städte besser hin – schade“, notiert ein Teilnehmer. „Es wäre schön, wenn endlich der Bahnhof sicherer gemacht würde. Als Frau ist das wirklich eine Zumutung und auch für ältere Personen“, schreibt eine andere Teilnehmerin.
Der Esslinger Klo-Container ist vielen ein Dorn im Auge
Vor allem den Toiletten-Container und den Info-Container finden viele hässlich und er mache den Platz unübersichtlich. Etliche Personen wünschen sich zudem mehr Präsenz der Polizei. Ein Esslinger hat sogar einen ganz konkreten Vorschlag. „Wie wäre es, das Häuschen der Verkehrsbetriebe am Bahnhof abends und am Wochenende als Polizeiposten zu nutzen? Das steigert das Sicherheitsgefühl und die Polizeibeamten müssten nicht irgendwo im Auto sitzen“, schreibt er.
„Keine No-Go-Areas in Esslingen“
Die Stadt möchte das Gebiet rund um den Bahnhof aufwerten und hat 2022 für das Quartier eine wissenschaftliche Sozialraumanalyse unter Berücksichtigung von Sicherheitsaspekten erstellen lassen. Zahlreiche Ideen werden seitdem auf ihre Machbarkeit abgeklopft, umgesetzt ist bislang wenig. Konkrete Planungen gibt es für einen Raum, in dem sich die Trinker- und Obdachlosenszene treffen kann. Er soll im Herbst entstehen. Die Stadt verspricht sich davon einen nachhaltigen Effekt auf die gefühlte Sicherheit. Gleichwohl hat der Ordnungsbürgermeister Yalcin Bayraktar, den das Thema seit seinem Amtsantritt 2020 beschäftigt, immer wieder betont, dass Esslingen nicht unsicherer sei als andere Städte mit vergleichbarer Größe. „Es gibt keine No-Go-Areas“, sagt er.