Schwäbisches Dorf im Heiligen Land Rexingen liegt in Israel

Von Christa Roth 

Ein schwäbisches Dorf im Heiligen Land? Selbst Einheimische wissen oft nicht, welche Geschichte sich hinter dem Ort Shavei Zion verbirgt. Heute, mehr als 75 Jahre nach der Entstehung, leben nur noch wenige aus der Gründergeneration.

Seit mehr als 50 Jahren ein Paar: Amos Fröhlich mit seiner Frau Gila vor ihrem Haus in Shavei Zion Foto: Christa Roth
Seit mehr als 50 Jahren ein Paar: Amos Fröhlich mit seiner Frau Gila vor ihrem Haus in Shavei Zion Foto: Christa Roth

Shavei Zion/Horb - An die Abreise aus Tuttlingen erinnert sich Amos Fröhlich gut. „Am Abend kam ein Onkel aus der Schweiz, um mich und meinen Bruder zu holen. Meine Eltern sind mit meinen Schwestern am Tag drauf weggefahren. Man wollte keinen großen Abschied“ – und kein großes Aufsehen. Zwei Monate vor den Novemberpogromen 1938 war die Stimmung bereits aufgeheizt. Jeden Tag gab es neue Auflagen. „Zum Glück konnten wir unser Haus rechtzeitig verkaufen und die Ausreise bezahlen. Unsere Hausangestellten haben unsere Sachen nachgeschickt“, sagt der 84-Jährige. Über Zürich reisten die Fröhlichs nach Triest, um an Bord der Galiläa zu gehen, die nach einer Woche in den Hafen von Haifa einlief. Dort blieben die Kinder in einem Heim, während die Eltern in den Norden fuhren, um ein neues Dorf aufzubauen.

Ein halbes Jahr zuvor, am 13. April 1938, waren in den frühen Morgenstunden mehrere Lastwagen aus Haifa mit Baumaterial 35 Kilometer in Richtung Naharija gefahren. In zwölf Stunden stellte damit die erste Siedlergruppe an der Mittelmeerküste einen Wachturm, eine Handvoll Baracken und einen Palisadenzaun auf. „Mauer und Turm“-Methode nannte sich das ungewöhnlich zügige Aufbauverfahren, das die Neuankömmlinge vor Angriffen ansässiger Araber schützen sollte.

An jenem Tag gelang es, mit Shavei Zion, der Heimkehr ins Gelobte Land, einen Zufluchtsort für deutsche Juden zu schaffen. Mehr als 100 Männer, Frauen und Kinder zählte die Gemeinde nach der Ankunft der letzten Gründungsfamilien. Da die Mehrheit aus Rexingen, einem Ortsteil von Horb am Neckar, stammte, war die Rede von „Rexinger Juden“. Tatsächlich kamen, wie die Fröhlichs, viele aus anderen süddeutschen Städten – etwa Bad Mergentheim, Ludwigsburg oder auch München. Ein Großteil der jüdischen Bewohner in Rexingen hatte sich gegen einen Neuanfang im unruhigen Palästina entschieden. Stattdessen flohen viele in die USA, wo sie auf Hilfe von Verwandten hoffen konnten. Ältere wollten ihre Heimat nicht für eine ungewisse Zukunft verlassen. Bei anderen misslang die Ausreise aus Geldmangel oder aufgrund des Widerstands der Behörden. Das Projekt drohte zu scheitern. Am Ende mussten finanzstarke Mitaussiedler von außerhalb angeworben werden, um die strengen Einreisebestimmungen der britischen Mandatsmacht zu erfüllen. Das „Schwarzwälder Volksblatt“ kommentierte den fluchtartigen Weggang süffisant: „Wir trauern ihnen nicht nach, sondern fühlen uns beträchtlich erleichtert.“

Zum jüdischen Neujahrfest durften die Fröhlich-Geschwister Sonja, Helmut, Walter und Eleonore endlich das neue Zuhause sehen. Und ihre deutschen gegen hebräische Namen tauschen. Aus dem achtjährigen Walter wurde über Nacht ein stolzer Namensvetter des Propheten Amos. „Ich habe das Leben hier immer geliebt, aber für meine Eltern war jeder Tag eine Strafe.“ Die Hitze, die schwere körperliche Arbeit, die fremde Sprache, all das war die wohlsituierte Viehhändlerfamilie nicht gewöhnt. Doch die Devise lautete: Wir gehen ins Land der Väter und gründen ein sozialistisches Dorf. Gib, was du kannst, und du bekommst, was du brauchst – man lebte nach dem Prinzip der ersten Kibbuzim. Über alle Anschaffungen und Ausgaben wurde gemeinschaftlich entschieden. Doch jede Familie blieb letztlich für sich. „Die Rexinger waren keine Zionisten und auch keine Sozialisten“, sagt Amos Fröhlich, „sie waren Selbstständige, die sich schwertaten, ihre unternehmerischen Freiheiten aufzugeben.“

Der Tod in Treblinka

So schwer sich das karge Leben auch gestaltete – kaum zu ertragen war die Sorge um zurückgebliebene Verwandte. „Von dem, was in Deutschland passierte“, sagt Amos Fröhlich, „haben wir lange nichts erfahren.“ Erst nach dem Krieg wird offenbar, dass seine Großmutter Auguste in Treblinka ermordet worden war und sich die Spur seines Onkels Simon und dessen Frau Martha im Konzentrationslager in Riga verloren hatte. Heute erinnern nur noch die Namen im sogenannten Rexinger Zimmer am Dorfeingang an die mehr als 70 deportierten Familienmitglieder.

Trotz allem blieb die Bindung an die alte Heimat bestehen. Noch 1955 galt Deutsch in Shavei Zion als offizielle Dorfsprache, wurden Spätzle mit Kutteln gegessen, wurde Kehrwoche gehalten. Amos’ Vater, Julius Fröhlich, verbrachte als gebürtiger Rexinger seine letzten Sommer in Süddeutschland. „Aber nie hat man von den Rexingern ein Wort des Bedauerns gehört“, sagt Amos Fröhlich. „Von nichts wollten sie gewusst haben, obwohl zwischen 1933 und 1942 fast ein Drittel des Dorfes verschwunden war.“ Nur drei Überlebende kamen nach dem Krieg aus den Konzentrationslagern zurück, sie wurden aber in Rexingen nicht mehr heimisch.

Auch Amos Fröhlichs Nachbarin Miriam Weiss, die als neunjährige Inge 1938 nach Shavei Zion kam, hat ihre Geburtsstadt Ludwigsburg trotz anfänglichen Unbehagens immer wieder besucht. „Wir wollten unseren Kindern unsere Wurzeln zeigen. Und deutlich machen, dass es dort nicht nur Nazis gibt“, sagt sie. Ganz zurückzugehen, das kam für sie nicht infrage. „Ich glaube, für uns Juden gibt es nur einen Platz auf der Welt: Israel.“

Ausgedehnte Avocado- und Orangenplantagen sowie die Hühner- und die Schafzucht waren zunächst die wirtschaftlichen Standbeine der genossenschaftlich organisierten Siedlung. Die Aushängeschilder waren jedoch der Kuhstall und die beiden Strandhotels. Aus dem schwäbischen Musterdorf war bereits nach ein paar Jahren ein beliebter Kurort geworden. „Wir fahren nach Shavei Zion“, hieß es bald in ganz Israel.