Heimat Stuttgart Wenn nur der doofe Nachbar nicht wäre

Fußball, Fernsehturm, Viertele – so lässt sich’s leben in Stuttgart. Foto: Friederike Groß 24 Bilder
Fußball, Fernsehturm, Viertele – so lässt sich’s leben in Stuttgart. Foto: Friederike Groß

Stuttgart - Auf dem Weg nach oben rast die Zeit. Fünf Meter in der Sekunde schafft der Aufzug des Fernsehturms, ehe er sein Körbchen in 150 Meter Höhe einparkt. Dann steht die Welt still. Der Fahrstuhl entlässt den Mensch in eine Freiheit, die – Reinhard Mey lässt grüßen – schier grenzenlos erscheint. Der Blick auf die Hügel, die Wälder, die Reben öffnet nicht nur den optischen Horizont. Unten liegen Siedlungsinseln wie Kleckse, die mal durch feine, mal durch fette Linien miteinander verbunden sind. Häuser, Straßen, Menschenwerk in drangvoller Enge. Aber von hier oben: keinerlei Ärger, kein Stau, kein Streit, alles gut. In der Höhe wird das Gemüt gelassen. Vielleicht sollte der Gemeinderat eine neue Verordnung beschließen: Jeder Stuttgarter möge sich, bei freiem Eintritt natürlich, mindestens einmal im Jahr auf dem Fernsehturm einfinden, um von der Beletage der Stadt aus eine halbe Stunde lang das Auge und die Gedanken schweifen zu lassen. Viele Streitereien würden sich in Luft auflösen.

Doch auf dem Boden der Tatsachen ist Stuttgart keine harmonische Einheit, wird auch nie eine werden. Die Stadt, das sind 23 Bezirke, zigmal mehr Stadtteile, Quartiere, Straßen, die zentral-rasanten im Kessel, die provinziell-schönen im Gürtel, der den Bauch zusammenhält. Jeder Flecken hat seine Tradition, seine Geschichte, seine Farbe. Gemeinsam ergeben sie ein Bild, das nichts Monochromes an sich hat, sondern bunt ist und manchmal gar nicht zusammenpassen will. Aber wie sollte es anders sein, wenn überall in der Stadt Bauern auf Sportler treffen, Industriekapitäne auf Pietisten, Facharbeiter auf Arbeitslose, Schwaben auf Fremde?

Jeder nach seiner Façon

Letzteres kann sogar gutgehen, denn in der Regel ist der Fremde dem Schwaben recht – solange er ihn in Frieden lässt. Die Hiesigen bezeichnen diese Form des Nebeneinanderherlebens gerne als schwäbischen Liberalismus, benennen Theodor Heuss und Manfred Rommel als Urväter ihres Denkens und unterfüttern das Ganze mit einem Zitat, das ausgerechnet von einem Preußen stammt, von Friedrich II. nämlich: „Jeder soll nach seiner Façon glücklich werden.“

Und doch, es stimmt ja auch: die Toleranz ist zwar keine schwäbische Erfindung, gleichwohl aber eine der wesentlichen Zutaten im Gaisburger Marsch der hiesigen Identität. So ist es kein Zufall, dass 1950 der Cannstatter Kursaal zum Schauplatz einer historischen Begebenheit von Rang wurde. Dort wurde damals die Charta der Heimatvertriebenen unterzeichnet, in welcher es heißt: „Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung (. . .) im Gedanken an das unsägliche Leid, welches im Besonderen das letzte Jahrzehnt über die Menschheit gebracht hat.“

Die Multikultur ist gelebte Realität

Nun, zwei Generationen später, darf man politisch korrekt feststellen, dass jeder fünfte Stuttgarter ein Ausländer ist und der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund bei knapp vierzig Prozent liegt. Bürgerinnen und Bürger aus 178 Nationen leben hier; die UN zählen 193 Mitgliedstaaten. Stuttgart ist zwar nicht so groß wie New York, eher ein Meltingpöttle, aber im Grunde doch nichts anderes als ein Schmelztiegel der Nationen. Die Multikultur ist gelebte Realität – wenn nur der doofe Nachbar nicht wäre.