Heimatarchitektur made in Stuttgart – Interview mit Stefan Trüby „Ich spüre Aufbruchstimmung in Stuttgart“

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Wir werden uns noch alle nach den Stadtautobahnen des 20. Jahrhunderts zurücksehnen, prophezeit Stephan Trüby. Sein Institut für Grundlagen moderner Architektur an der hiesigen Universität feiert jetzt seine Gründung vor fünfzig Jahren.

Mag höchstens „unfreiwillige Heimatarchitektur“: Stefan Trüby, seit April 2018 Leiter des    IGMA Foto: Andreas Heddergott
Mag höchstens „unfreiwillige Heimatarchitektur“: Stefan Trüby, seit April 2018 Leiter des IGMA Foto: Andreas Heddergott

Stuttgart - Stuttgart ist eine Stadt, die spätestens mit der Weißenhofsiedlung ihre Offenheit für die Moderne bewiesen hat. Wo sonst als hier konnte das Institut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGMA), der erste Lehrstuhl für Architekturtheorie an einer deutschen Hochschule, gegründet werden? Jetzt wird das IGMA fünfzig. Sein Leiter Stefan Trüby erklärt, was vom Glanz der Moderne noch übrig geblieben ist und bekennt sich zu seiner besonderen Vorliebe für Stuttgart.

Herr Trüby, die Moderne hat seit ihren gloriosen Anfängen viel von ihrem Zauber und Zukunftsoptimismus verloren. Gibt es für Ihr Institut überhaupt etwas zu feiern?

Unbedingt. Wir feiern im November mit einer internationalen Konferenz und einer Ausstellung über das IGMA die Gründung dieses Instituts, das immer einen zentralen Beitrag zum Architekturdiskurs geliefert hat. Erstaunlich ist, dass bereits die Gründungszeit für eine wichtige Phase der Kritik an der modernen Architektur steht. Ins Leben gerufen wurde das IGMA im Geiste einer kritischen Auseinander­setzung mit den Congrès Internationaux d’Architecture Moderne (CIAM), jener Debattenfabrik, in der Le Corbusier und andere zwischen 1928 und 1959 ihr Modell der nach Funktionsbereichen wie Wohnen, Arbeit, Freizeit und Verkehr unterteilten Stadt propagierten. Später wurde das Institut dann auch ein Ort der Postmoderne-Debatte.

In Stuttgart gipfelte diese Kontroverse um die postmoderne Architektur im Konflikt um die Neue Staatsgalerie. Architekten wie Günter Behnisch warfen dem britischen Wettbewerbsgewinner James Stirling damals vor, faschistoide Architektur zu bauen. War das IGMA in diesen Streit involviert?

Jürgen Joedicke, der Gründer des IGMA, verteidigte Stirling damals in der „Stutt­garter Zeitung“ und betonte den Stilpluralismus des Entwurfs. Aus heutiger Sicht kann man nur auf seiner Seite stehen. Mit der Neuen Staatsgalerie kamen gewiss keine faschistischen Tendenzen zurück, dafür ist der Monumentalismus seiner Architektur auch viel zu sehr von der Popkultur des Swinging London durchzogen.

Sie sagen, das IGMA sei auch immer ein Ort der Modernekritik gewesen. Aber gerade Jürgen Joedicke war es ja, der sich sehr erfolgreich für den vielfach verhassten Brutalismus engagiert hat.

Der Betonbrutalismus kann als eine Spielart der modernen Architektur gesehen werden, aber eben auch als eine Kritik an der weißen, kubischen Architektur der Vorkriegsmoderne. Joedicke hat mit der Veröffentlichung von Reyner Banhams Buch „Brutalismus in der Architektur“ (1966) wesentlich dazu beigetragen, die brutalistische Architektur im Sinne eines Bauens des sozialdemokratisch geprägten Wohlfahrtsstaates europaweit zu propagieren. Viele Angehörige meiner Generation der um 1970 Geborenen lieben diese Architektur. Wir wurden wahrscheinlich in brutalistischen Hotels gezeugt, in brutalistischen Krankenhäusern geboren, gingen in brutalistische Schulen und studierten an brutalistischen Universitäten (lacht). Das ist die heroische Architektur der Nachkriegs­moderne.

Und wo steht die Architektur Ihrer Ansicht nach heute?

Die Moderne, deren Beginn ich auf die Zeit um 1800 datieren würde, ist immer von antimodernen Strömungen begleitet worden – so auch heute. Stuttgart nehme ich als insgesamt moderne-affin wahr. Die Stadt gilt als relativ abrissfreundlich, was teils zu Recht kritisiert wird, aber ich bin ein großer Fan von Städten, die man als „unter­codiert“ bezeichnen könnte, Städten, in denen Neuerungen möglich sind, die nicht zu Ende gebaut sind, die Brüche aufweisen, in denen die Geschichte und eine vermeintliche „Identität“ nicht alles andere dominieren. Gerade hier spüre ich eine große Aufbruchstimmung, sowohl von den eher wertkonservativen Kräften als auch bei jenen, die sich technische Innovation auf die Fahnen geschrieben haben.

Was an der Moderne heute vor allem kritisiert wird, ist der Städtebau. Überall wird die autogerechte Stadt zurückgebaut, Stadt­reparatur ist zu einem wichtigen Begriff in der aktuellen Diskussion geworden.

Das ist sicherlich so, gerade in einer Stadt wie Stuttgart, die sehr stark von der Verkehrsplanung der sechziger Jahre geprägt ist. Allerdings muss jede revolutionäre Architektur oder Infrastruktur nur ungefähr hundert Jahre stehen, dann setzen schon Romantisierungsprozesse ein. Denken wir nur an die römischen Aquädukte, die nach ihrer Errichtung als Scheußlichkeiten beispiellosen Ausmaßes galten.

Sie meinen, im Jahr 2118 werden wir uns alle nach den schönen Stadtautobahnen zurücksehnen?

Klar, davon bin ich fest überzeugt! Wenn dann auch noch die benzingetriebenen Automobile verschwunden sind, wird ein kollektiver Neubewertungsprozess einsetzen, bei dem am Ende die letzten Stadtautobahnen womöglich zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt werden.

Na, dann hat Stuttgart ja gute Karten! Die Gegenwart ist damit aber alles andere als glücklich. Die Architektur und der Städtebau der Sechziger und Siebziger verschwinden allmählich. Wie gehen Sie an ihrem In­stitut mit diesem Thema um?

Wir beschäftigen uns am IGMA mit den „Elementen der Architektur“ wie Boden, Wand, Fenster etc. in kulturhistorischer Hinsicht, aber auch mit dem Verhältnis von Architektur und Ökonomie. Gleichzeitig werfen wir einen Blick zurück auf die letzten fünfzig Jahre seit der Institutsgründung. Daneben wollen wir uns in Diskurse über eine Repolitisierung der Architektur einschalten. Damit wende ich mich gegen die apolitische Vorstellung von einer „Autonomie der Architektur“.

Vor einiger Zeit publizierte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ Ihren viel­diskutierten Verriss der Teilrekonstruktion der Neuen Frankfurter Altstadt. Was kritisieren Sie an diesem Stadtquartier?

Architektur ist die komplexeste Kulturtechnik, die wir haben. Keine andere Disziplin ist so verbandelt mit Kräften aus den Bereichen Ökonomie, Kunst, Wissenschaft, Technik und Politik wie die Architektur. Die derzeit spürbaren Veränderungen in der politischen Großwetterlage in Richtung Autoritarismus bedeuten daher auch Veränderungen im Architektur­diskurs. Eine Ideologiekritik scheint mir daher das Gebot der Stunde zu sein. An der Neuen Frankfurter Altstadt kritisiere ich die völkisch-rechtsradikale Ideologie desjenigen, der die erste parlamentarische Eingabe für deren Rekonstruktion formuliert hat. Ich kritisiere auch eine politische Landschaft, die jegliche Vorstellung einer besseren Zukunft zugunsten einer besseren deutschen Geschichte aufgegeben hat.

Neuerdings rückt die „Heimat“ verstärkt ins Blickfeld. Spielt der Begriff auch für Architektur und Städtebau zunehmend eine Rolle?

Die Neue Frankfurter Altstadt weist ganz offenkundig in die Richtung einer erzkonservativen „Heimatarchitektur“. Ich vermeide den Begriff „Heimat“ so gut es geht und plädiere maximal für „unfreiwillige Heimatarchitekturen“.

Und was soll das sein?

Ich meine damit Gebäude wie den Stuttgarter Fernsehturm: ein wunderbares, zukunftsbereites Bauwerk, das zu einem Wahrzeichen Stuttgarts geworden ist – und zu einer Art unfreiwilliger Heimatarchitektur ohne Pastiche und Tümelei.