Heimatgeschichte in Sindelfingen Ex-Lehrer ist unter die Zeichner gegangen

Je älter er wird, desto öfter geht Klaus Philippscheck unter die Zeichner – hier mit einem historischen Altstadtmotiv. Foto: Eibner-Pressefoto/Roger Bürke

Der Sindelfinger Heimatgeschichtler Klaus Philippscheck entdeckt mit dem Alter immer öfter das Zeichner-Talent in sich. Mit ruhiger Hand kreiert er millimetergenaue historische Stadtmotive. „Künstler bin ich keiner“, lacht er: „Aber wenn’s anderen gefällt, soll es mir recht sein.“

Sindelfingen - Man kennt ihn als Vortragsredner, stadt- und kirchengeschichtlichen Führer, als Artikelautor, Schauspieler in Mönchskutte und und und: Der Sindelfinger Heimatgeschichtler Klaus Philippscheck sitzt in enorm vielen Sätteln und ist darin sattelfest. Etwas weniger bekannt hingegen ist, dass der 78-Jährige auch ein enorm großes künstlerisches Talent besitzt. Und so hat Philippscheck zuletzt in den Räumen des ehemaligen Hotels Linde Zeichnungen ausgestellt. Und so tut er das aktuell noch im ’s Café in der Turmgasse.

 

Lebensalltag aus den Fachwerkgassen des alten Sindelfingen

Es sind vor allem mannigfache Altstadt-Szenen, die Philippscheck gezeichnet hat – Lebensepisoden in Gassen und an Brunnen, Reminiszenzen an das einstige Bauern- und Handwerkerleben in engem, verschachteltem Fachwerkambiente. Straßen- und Platzszenerien, Hingucker allemal.

Das, was Drucker und „Sindelfingen-Magazin“-Herausgeber Martin Krafft auf Gemälde-Ausstellungsgröße hochgezoomt hat, ist im Original gerade DIN-A-4-groß. Eine zittrige Hand darf man da keine haben. „Hab ich auch nicht“, lacht Klaus Philippscheck und zitiert „genetisch“ seinen Herrn Vater, der Feinmechaniker und Uhrmacher war. Geduld bringt der Senior also auf und akribische Millimeterarbeit – mit Buntstiften. „Da sind weder Öl noch Wasser im Spiel, höchstens etwas Farbkreide noch“, sagt er und zeigt einen weiteren Stapel an Werken.

So einer schwätzt dem Teufel wirklich das Ohrläpple ab

So einer schwätzt dem Teufel wirklich das Ohrläpple ab

Sindelfinger des 19. Jahrhunderts hat er hier in geschichtliche Zusammenhänge hineinverwoben – symbolisch und allegorisch. Etwa den Pfarrer Ottmar Schönhuth (1806-1864). Oder Stadtschultheiß Wilhelm Hörmann (1869-1944), der Sindelfingen mit der Daimler-Ansiedlung zur Daimlerstadt gemacht und die Schnödenecksiedlung gebaut hat. „Hörmann wollte Sindelfingen Richtung Gartenstadtsiedlung reformieren“, erzählt Klaus Philippscheck, während er weitere geschichtliche Größen zeigt: den Architekten Georg Bürkle, eingebettet in seine Bauwerke, oder Robert Gratmann, den größten schwäbischen Geografen jener Tage.

Wenn Klaus Philippscheck da so am Reden ist, geht das ohne Punkt und Komma. Die volkstümliche Redewendung „Der schwätzt dem Teufel das Ohrläpple ab“ könnte von einem stammen, der Philippscheck sprudeln gehört hat. Das weiß der ehrenamtliche Stadtgeschichtsforscher selber. Ja, er kann sich diesbezüglich selber auf die Schippe nehmen. Er sei eben „Lehrer immer durch und durch“, lacht er über seinen Instant-Kaffee hinweg: „Das hat auch eine gewisse Tragik.“ Seine Ehefrau Inge, übrigens selbst ehemalige Lehrerin (Grundschule Sommerhofen), schimpfe immer wieder mit ihm, wenn sie beispielsweise bei Feiern eingeladen seien. Wehe, die Leute dort wollen einfach nur so ein wenig „rumquatschen“ und Klaus Philippscheck ist in der Nähe. Dann quatscht der gerne mit. Viel mit. „Eine Reihe von Leuten fasziniert das. Andere gehen lieber“, grinst der 78-Jährige: „Meine Inge hat es – fast – aufgegeben mit mir.“

„phil“ ist sein Mail-Kürzel. Da könnte auch „Dr. phil.“ stehen

Nun ja, vielleicht muss man halt sagen: So ist er, der Philippscheck, der seine Mails mit „phil“ unterschreibt. Würde dort „Dr. phil.“ stehen – es würde einen angesichts des immensen Wissens dieses Mannes überhaupt nicht wundern. Wissen weitergeben, reden, dozieren: Philippschecks Markenkern wie die weißen Haare und die Brille, die sich in x Jahren nie verändert hat. Die braune Lederweste und das mittlerweile ausgewaschene Jeanshemd – so kennt man ihn im Städtle. Und so schätzen ihn viele als eine Konstante im kommunalen Geschehen.

Über Posen, Berlin und Stuttgart als Raig’schmeckter nach Sindelfingen

Philippscheck kam am 11. März 1943 in Posen zur Welt, ist also ein „Kriegskind“, wie er sagt. Aufgewachsen ist er in Berlin, bis die Familie die damals gebeutelte Stadt 1954 verließ und nach Stuttgart zog, wo Verwandte lebten. Am Karlsgymnasium hat Philippscheck 1961 das Abi gemacht, dann erst mal gejobbt. Er war bei der Post und bei der Deutschen Verlagsanstalt. „Ich wollte wissen, wie die einfachen Leute hart arbeiten mussten, deren Lebenswelt kennenlernen. Das hat mir nicht geschadet“, so Philippscheck, der ab 1964 an der Pädagogischen Hochschule studierte und 1966 seine erste Stelle in Weil der Stadt-Merklingen antrat als Volks-/Hauptschullehrer. Vier Jahrzehnte war er im Schuldienst, zuletzt als Pauker für Deutsch und Geschichte, Geografie und Ethik an der Klostergarten- und der Hinterweil-Realschule.

Die nächsten Forschungen gelten Torf, Schafen und Seidenraupen

„Meinen Lehrerberuf habe ich sehr ernst genommen“, schmunzelt der „Kultur-am-Stift“-Aktivist, der mit dem Ruhestand seine zweite Passion entdeckte. Ausgehend von der Weberei als Sindelfinger Tradition hat sich Klaus Philippscheck in die Tiefen kirchlicher und städtischer Archive gekniet, weder Staub noch Gilb gemieden. Und so kramt er derzeit weiter. Wie im „Floschen“-Areal noch Torf gestochen worden ist, wann in Sindelfingen noch Schafe gehalten wurden und Maulbeerbaumblätter an Seidenraupen für die Textilindustrie verfüttert wurden: Philippscheck will es für die Nachwelt festhalten – nutzwertorientiert und in einem neuen Format. Zusammen mit seinem Kompagnon Horst Weber will er „Filmchen“ drehen, die man auf Youtube anschauen kann. Ach ja, der ist übrigens auch ehemaliger Lehrer.

Mehr Bilder unter www.krzbb.de

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