Heimatmuseum Holzgerlingen Der Doktor, der Puppen wieder heil macht

Peter Spechtenhauser repariert Puppen. Im Heimatmuseum hat er sich am Sonntag zahlreiche Puppen angeschaut. Foto: Stefanie Schlecht/ 

Im Holzgerlinger Heimatmuseum war am Wochenende der Puppendoktor zu Besuch. Zahlreiche Ratsuchende standen Schlange, um alte Erinnerungsstücke reparieren zu lassen.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Die Warteschlange im obersten Stock des Holzgerlinger Heimatmuseums reicht am Sonntag beinahe bis zur Treppe. Zahlreiche Menschen stehen dort oder haben sich auf Stühlen im Gang niedergelassen – die meisten haben eine Puppe in der Hand. Die Szene ähnelt der eines Wartezimmers beim Hausarzt – und soweit ist das nicht von der Wahrheit entfernt: Die meisten Besucherinnen und Besucher im Heimatmuseum warten am Sonntag nämlich auf die Diagnose des Puppendoktors, der seine Dienste dort zum wiederholten Mal zur Verfügung gestellt hat.

 

Doris Spechtenhauser begutachtet eine Puppe mit hellbraunen Pippi-Langstrumpf-Zöpfen und zieht eine Box mit Batterien aus ihrem Fundus. „Meine Enkel haben sich beschwert, dass die Puppe nicht mehr ‚Mama’ ruft“, sagt Gisela Fiederer, die aus Aidlingen angefahren ist. Da ist sie bei Doris Spechtenhauser und ihrem Mann Peter genau an der richtigen Adresse: bereits zum dritten Mal sind die beiden im Holzgerlinger Heimatmuseum und nehmen sich den zahlreichen Wehwehchen von Puppen an, die in den meisten Fällen schon einige Jahre hinter sich haben.

Gisela Fiederers Puppe ist knapp 70 Jahre alt. Sorgfältig sucht sie mit Doris Spechtenhauser den richtigen Ton für Angelika – der Name der Puppe – aus. An einem weiteren kleinen Püppchen arbeitet Peter Spechtenhauser. Mit einer Zange nimmt er die Puppe auseinander und hat sogar eine flexible Fräse an der Hand, mit der er Löcher bohrt. Auf seiner Arbeitsfläche tummeln sich zahlreiche chirurgisch anmutende Zangen und Scheren in sämtlichen Größen. Geschick und Geduld braucht es, um die teils kleinen Gelenke und Ersatzteile zu verarzten.

Seit 40 Jahren repariert Peter Spechtenhauser Puppen

Seit 40 Jahren ist Peter Spechtenhauser, der gelernter Maschinenbauer ist, bereits als Puppendoktor unterwegs. Dass er zu diesem Titel gekommen ist, war eher Zufall, erzählt er. Aus einer Reparatur, die er vor Jahrzehnten einmal vorgenommen hat, wurden über die Jahre immer mehr. Hunderten von Puppen und Plüschtieren rettet der Heidelberger mittlerweile pro Jahr das Leben. Und die Nachfrage reißt nicht ab: Bei seinem ersten Besuch in Holzgerlingen stürmten rund 100 Hilfesuchende die Räume, um ihre Puppen reparieren zu lassen. Fehlende Arme und Beine, verblasste Farben, Augen, die sich nicht mehr öffnen wollen – für alles hat das Puppendoktor-Ehepaar Spechtenhauser eine Lösung.

In einer Ecke des kleinen Raumes unter dem Dach des Holzgerlinger Heimatmuseums steht ein ganzer Wagen voller Kisten: Auf dem einen steht „Arme“ auf dem anderen „Köpfe“ auf einem weiteren „Beine“. Eins davon könnte auch Marlis Ziebarths Puppe gebrauchen. „Ich habe die Puppe mit acht Jahren bekommen und jetzt hat sie ein Bein verloren“, erzählt sie. Mit 70 Jahren – so alt ist die Puppe im grünen Kleidchen mittlerweile – kann das schon einmal vorkommen.

Die Puppenstuben-Ausstellung im Heimatmuseum ist noch bis Juni zu sehen

Doch nicht nur, wenn der Puppendoktor da ist, kommen Puppen-Liebhaber im Heimatmuseum auf ihre Kosten. Seit Dezember ist dort auch die Puppenstuben-Sammlung von Ellen Meister zu bestaunen. 14 Puppenstuben hat die verstorbene Altdorferin dem Heimatmuseum überlassen.

Mit großer Liebe zum Detail stattete sie die kleinen Zimmerchen mit Möbeln, Bildern und Figürchen aus. Wohnzimmer, Kinderzimmer und Schlafzimmer können in Miniaturgröße begutachtet werden. Ihre besondere Leidenschaft galt allerdings Apothekenräumen. Kein Wunder – sie selbst war ihr Leben lang pharmazeutisch-technische Assistentin und somit voll in ihrem Element. Bis zum 4. Juni ist die Ausstellung noch zu sehen.

Monika Maurers Puppe ist 75 Jahre alt und hat einen neuen Anstrich bekommen

Auch Monika Maurer steht vor einem der Ausstellungsstücke im Museum, ihre reparierte Puppe namens Ingrid hält sie bereits in der Hand. „Anfang der 50er Jahre habe ich die Puppe von meiner Patentante bekommen“, erzählt Monika Maurer. Weil sie in der Sonne saß, war Ingrid leicht verblasst. Der Puppendoktor konnte sie aber einfärben, weshalb sie nun trotz ihrer 75 Jahre wieder wie neu aussieht. Ein lockeres Bein hat er ebenfalls erneuert. Über hundert Euro hat die Reparatur gekostet, doch das ist es Monika Maurer wert. Schließlich ist die Puppe nicht nur ein Spielzeug, sondern ein Erinnerungsstück an vergangene Zeiten, in denen eine solche Puppe eine echte Besonderheit war.

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