Heimische Wirtschaft Lässt sich mit Heimatliebe und Familientradition Geld verdienen?

Die Bau- und Gartenmärkte in Rutesheim und Ditzingen sind in Familienhand: Auch Christina Almert und ihr Sohn Maximilian Hoffart bringen sich ein. Foto: Simon Granville

Die Bolays betreiben Bau- und Gartenmärkte in Rutesheim und Ditzingen. Die Geschäftsführung ist in Familienhand – und das soll auch so bleiben. Das und die lokale Verbundenheit sei das Erfolgsrezept.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Dass in diesen Frühlingstagen in Bau- und Gartenmärkten viel los ist, mag nicht weiter verwundern. Doch wer unlängst beim Hagebau-Markt Bolay in Rutesheim war, dürfte überrascht gewesen sein. Reger Betrieb an einem Samstagabend jenseits der Öffnungszeiten? Die Familie hatte zu einem Frühlingsfest eingeladen. Gemeinsam mit dem örtlichen Bioladen und einem italienischen Feinkosthändler gab es zum Feierabend mediterrane Leckereien und Wein.

 

„Man muss heute solche Aktionen machen, um im Gespräch zu bleiben“, sagt Christina Almert. Seit 25 Jahren führt sie mit ihrem Bruder Frieder Bolay die Geschäfte. Aus dem einstigen Fuhrbetrieb, den ihre Eltern Elfriede und Werner Bolay 1957 gegründet hatten, ist eine kleine Kette mit Geschäften in Rutesheim, Ditzingen und Oberndorf im Schwarzwald geworden. Neben drei Baumärkten, die zur Hagebau-Handelsgesellschaft gehören, gibt es in Rutesheim und Ditzingen zwei große Gartencenter, am Stammsitz zudem einen Baustoffmarkt.

Trotz kontinuierlichen Wachstums: Den familiären Charakter hat das Unternehmen nie verloren. Man bekennt sich zur Heimat und engagiert sich dort. Frieder Bolay ist in der evangelischen Kirche aktiv, seine Schwester in der Kommunalpolitik sowie in der Industrie- und Handelskammer. An dieser Philosophie soll sich nichts ändern. Die nächste Generation sitzt dafür bereits mit im Boot: Seit 2019 sind neben Christina Almert und ihrem Bruder auch die Familienmitglieder Rosanna Duppel, Yannik Bolay, Lisa-Marie Rudorfer und Maximilian Hoffart Gesellschafter im Unternehmen. Der 36-jährige Hoffart gehört seit drei Jahren zudem der Geschäftsführung an.

Alle Themen kommen auf den Tisch

Christian Almert ist froh über den fließenden Übergang: „Die Erfahrung von meinem Bruder und mir, gepaart mit den Impulsen der jungen Generation: das ist eine gute Mischung“, sagt die mittlerweile 62-Jährige. Sie kümmert sich vornehmlich um die Baumärkte, während ihr vier Jahre älterer Bruder den Baustoffhandel leitet, dort aber langsam kürzer treten möchte. Die gestandene und die künftige Generation setzen sich einmal in der Woche zusammen. „Dann kommen alle Themen auf den Tisch“, sagt Maximilian Hoffart. „So weiß jeder über alles Bescheid.“

Groß geworden im Unternehmen

In den Frühlingsmonaten sind die Parkplätze vor den Gartencentern in Rutesheim und Ditzingen immer voll. Foto: Simon Granville

Der Jüngste in der Geschäftsführung ist im Unternehmen groß geworden. „Ich habe schon in den Ferien ausgeholfen“, sagt der Sohn von Christina Almert. Nach einer Ausbildung zum Großhandelskaufmann und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre hat er mit der Planung des Geschäftes in Ditzingen sozusagen sein hausinternes Meisterstück gemacht. Dort hatten die Bolays im März 2016 einen Hagebaumarkt mit Floraland eröffnet.

„Damals hatte in Gerlingen der Praktiker-Markt zugemacht“, erinnert sich Almert. „Die Stadt Ditzingen wollte unbedingt einen Markt. Da haben wir zugegriffen.“ Für den Familienbetrieb war es auch eine strategische Investition. Ein Gutteil ihrer Kundschaft ist aus Leonberg. „Die Leute aus den südlichen Stadtteilen kommen eher nach Rutesheim, jene im Norden eher nach Ditzingen.“ Die Chefin betont, dass man zur Familie Wöhr, die im Leonberger Zentrum einen Obi-Markt betreibt, ein gutes Verhältnis habe: „Es ist genug Bedarf für beide da.“

Wer heutzutage in einem Baumarkt unterwegs ist, findet nicht nur Werkzeuge oder andere Artikel für den begeisterten Heimwerker. „Da mittlerweile Discounter das auch alles haben und zudem immer mehr Pflanzen und Gartenmobiliar anbieten, mussten wir unser Sortiment erweitern“, berichtet Christina Almert. Etwa für einen BBQ-Abend gibt es bei Bolays nun nicht nur den passenden Grill, sondern auch eine Auswahl an heimischen Weinen. Und in der Osterzeit gehörten Schokohasen zum Sortiment. „Ohne Aktionsstände geht es nicht. Die Kunden wollen einfach viele Produkte an einem Platz“, hat auch Maximilian Hoffart beobachtet. Einstige Baumarkt-Klassiker, etwa Tapeten, würden heute kaum noch laufen.

Corona trieb Kunden ins Internet

Seit Corona, so sagt die Familie, habe sich das Konsumverhalten deutlich verändert. „Das war eine Zäsur, die bis heute nachhält“, sagt der Junior-Chef. Anfangs liefen die Geschäfte gut, weil im Frühjahr 2020 die Baumärkte eine der wenigen Geschäfte waren, die öffnen durften. Mit den totalen Lockdowns begannen auch dort Probleme. „Die Kunden haben sich in dieser Zeit an den Internet-Einkauf gewöhnt.“ Die Hoffnung auf einen Aufschwung nach der Pandemie erwies sich als trügerisch. „Dann kam die direkt die Ukraine-Krise. Diese Verunsicherung hält bei den Leuten bis heute an.“

Im März 2018 präsentierten Christina Almert und Frieder Bolay mit dem damaligen Rutesheimer Bürgermeister Dieter Hofmann (Mitte) die neuen Verkaufsräume. Foto: privat

„Die politischen Rahmenbedingungen machen es uns Mittelständlern auch nicht gerade einfacher“, sagt Christina Almert. Sie verweist auf „überbordende Bürokratie und Vorschriften, etwa beim Datenschutz, durch die wir regelrecht entmündigt werden“. Probleme, die die stellvertretende Präsidentin der IHK-Bezirksammer zu Genüge auch von anderen Betrieben kennt. „Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Der Staat kann doch nicht alle Entscheidungen übernehmen.“ Hoffnung, dass sich das mit der neuen Bundesregierung grundlegend ändert, hat die Christdemokratin kaum.

Ein wichtiger örtlicher Arbeitgeber

Die Bolays bleiben gleichwohl optimistisch. „Wir sind ein wichtiger Arbeitgeber, der in allen Betrieben 250 Menschen beschäftigt, außerdem haben wir 30 Auszubildende“, sagt Maximilian Hoffart. „Wir sind es, die dafür sorgen, dass in den Gemeinden Geld und Arbeitsplätze bleiben.“ Bei dieser Mischung aus Selbstbewusstsein und Heimatverbundenheit, gepaart mit dem begonnenen Generationswechsel, dürfte mit dem Familienbetrieb in den nächsten Jahrzehnten weiter zu rechnen sein.

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