Heimkind soll Begräbnis der Mutter zahlen Abgerechnet wird zum Schluss

„Ich habe von dieser Frau nie etwas in meinem Leben gehabt“, sagt der 58-jährige Klaus Dörr über seine leibliche Mutter Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Klaus Dörr wuchs im Heim und in einer Pflegefamilie auf. Mit seiner Mutter hat ihn nie mehr als der Nachname verbunden. Nun soll er 3000 Euro für ihre Beisetzung bezahlen.

Stuttgart - Gerade als Klaus Dörr erzählen will, wie ihn seine Vergangenheit nach fast 50 Jahren eingeholt hat, merkt er: Das Bild fehlt. Es steckt nicht in seiner Tasche, ist auch nicht zwischen die Seiten eines Schnellhefters mit den Unterlagen vom Jugendamt gerutscht. „Wo hab ich es nur?“, murmelt er. Eben war er einkaufen. Liegt das Foto womöglich irgendwo an der Supermarktkasse, zur Seite gelegt beim Wegpacken der Einkäufe? Dörr entschuldigt sich und eilt mit großen Schritten aus dem Raum.

 

Er findet das Gesuchte schließlich im Auto: ein Kinderfoto in Schwarz-Weiß in einer schlichten Glasfassung ohne Rahmen. Ein Junge mit wuscheligem Haar und großen Augen lächelt etwas verkniffen in die Kamera. „Das bin ich als Kindergartenkind“, sagt Dörr. Rund 54 Jahre liegen zwischen dem Jungen und dem Mann, der er heute ist. Das Haar ist inzwischen grau und an die Ränder gewichen.

Das Foto ist eines der wenigen Kinderbilder, die Dörr besitzt. Er hütet es wie einen Schatz, auch wenn er vieles aus seiner Kindheit am liebsten vergessen würde, an erster Stelle seine Mutter.

Klaus Dörr nennt sie nur Waltraud oder „die Frau, die mich geboren hat“. Aufgewachsen ist er in einem Heim und in einer Pflegefamilie im Raum Stuttgart. Jahrzehntelang verbannte er Waltraud aus seinem Leben. Bis die Rechnung kam.

Wut statt Trauer

Im Oktober 2018 informierte ihn die Stadt über den Tod der Frau, mit der ihn kaum mehr verbindet als der Nachname. Zu diesem Zeitpunkt lag Waltraud Dörr längst unter der Erde. Statt Trauer empfand der Sohn nur Wut. Auf Amtsdeutsch teilte man ihm mit, er sei als einziger Angehöriger der Verstorben ermittelt worden und müsse für die Kosten der Bestattung aufkommen. 3300 Euro sollte er für die Einäscherung und an Verwaltungsgebühren bezahlen. „Für mich ist das eine Menschenrechtsverletzung“, sagt er.

Der Gesetzgeber sieht das anders. Wenn jemand stirbt, müssen sich die nächsten Verwandten um die Beerdigung kümmern. Geregelt wird das in den Bestattungsgesetzen der Länder. In Baden-Württemberg stehen erst der Ehe- oder Lebenspartner, dann die volljährigen Kinder in der Pflicht. Findet sich kein sogenannter Bestattungspflichtiger, springt eine Behörde ein. Sie kann das Geld einfordern, falls sich später doch ein Angehöriger ermitteln lässt. So bekam Klaus Dörr als Sohn die Rechnung präsentiert.

Dörr lebt 20 Kilometer von Stuttgart entfernt, er hat eine Frau, die er liebt, und zwei erwachsene Söhne. Er war Bäcker, Pastor, Pflegedienstleiter, im Moment arbeitet er als Krankenpfleger. In seiner Freizeit pfeift er ehrenamtlich Fußballspiele. „Ich habe viel erreicht, weil ich es wollte. Trotz meiner Vergangenheit.“ Jetzt hat er das Gefühl, das Verdrängte bricht erneut über ihn herein. Für ihn ist der Streit über die Bestattungskosten eine Frage der Gerechtigkeit: „Ich finde es unmenschlich, dass Menschen, die für ihre Kindheit nichts können, belangt werden.“

Dörr will keinen Cent bezahlen

Dörr legte Widerspruch gegen den Bescheid ein. Dem Ordnungsamt schrieb er: „Ich bin nicht bereit, nur einen Cent zu bezahlen. Ich habe von dieser Frau nie etwas in meinem Leben gehabt.“

Klaus Dörr nimmt an, dass er kurz nach der Geburt weggegeben wurde. Waltraud war damals 22 Jahre alt. Er erinnert sich kaum an das inzwischen geschlossene Stuttgarter Kinderheim Gänsheide, in dem er seine ersten Lebensjahre verbrachte. Ein großer Saal mit Betten, mehr sieht er nicht vor sich. Mit nicht ganz vier Jahren nahm ihn eine Pflegefamilie auf. Waltraud holte ihn zu dieser Zeit immer wieder tageweise oder über das Wochenende zu sich. Schön waren diese Treffen in seiner Erinnerung nicht.

Mit dem kleinen Buben im Schlepptau zog Waltraud durch Kneipen und ließ sich volllaufen. Oft setzte es Prügel. In der Einzimmerwohnung gingen fremde Männer ein und aus. Klaus Dörr sah mit an, wie sie es ungeniert mit der Mutter trieben. Als er davon erzählte, schickte ihn seine Pflegemutter zur Therapie, um ihm die schmutzigen Fantasien auszutreiben. Nie war Waltraud mit ihrem Jungen im Zoo, er bekam kein Geschenk zum Geburtstag, keine Karte zu Weihnachten. Mit zehn Jahren wollte er sie nicht mehr sehen.

Der zweite Klaus

Die Pflegeeltern Rosa und Oskar waren bereits jenseits der 40 und hatten drei ältere Kinder, als er zu ihnen kam. Er wurde Klausle genannt, weil es schon einen Klaus in der Familie gab. Wenn Rosa ihn von der Schule abholte, dachten die Mitschüler, seine Oma kommt. Er hatte es nicht schlecht bei den Leuten. Die anderen Kinder nennt er seine Geschwister. „Für mich war das meine Familie“, sagt er. Doch besonders liebevoll waren seine Zieheltern nicht. „Rosa hat mich körperlich versorgt, das Emotionale hat gefehlt.“

Halt fand er in der Kirchengemeinde. Zu Pfarrern hatte er schnell einen guten Draht. Als Kind verkleidete er sich als Kirchenmann und taufte alle Puppen im Haus. Ein Psychiater habe ihm einmal erklärt, sagt Dörr, dass Pfarrer für ihn wohl eine Art Vater-Ersatz gewesen seien.

Sein richtiger Vater ist für ihn nur ein Name auf einem Stück Papier: Leo. Seinen Erzeuger präsentierte ihm das Jugendamt zum 18. Geburtstag. Klaus Dörr hat ihn nie kennengelernt. „Ich hatte Angst, wieder eine böse Überraschung zu erleben“, sagt er. Einmal tippte er den Namen dann doch in eine Internetsuchmaschine. Er fand einen Mann mit einer augenscheinlich intakten Familie. Das kann nicht mein Vater sein, dachte er. Zu solide.

In der Kirchengemeinde lernte Klaus Dörr die zwei Jahre ältere Christine kennen. Erst war sie mehr eine große Schwester als Frau für ihn. Doch das änderte sich. Mit 20 Jahren heiratete er sie. „Wir sind beide vor unseren Familien geflüchtet.“

Viermal der gleiche Fehler

Waltraud drängte sich wieder in sein Leben, als 2000 ein Brief vom Jugendamt eintraf. Eine junge Frau suchte Kontakt zu ihren Geschwistern. Dörr wusste, dass er drei jüngere Halbgeschwister hat. „Ich werfe meiner Mutter nicht vor, dass sie mich ins Heim gegeben hat, ich werfe ihr vor, den gleichen Fehler viermal gemacht zu haben.“ Er hat nie nach den Geschwistern gesucht. Auch nach dem Brief zögerte er, ob er diese Tür in seine Vergangenheit nicht besser verschlossen halten sollte.

Wochen später saßen sich in seinem Wohnzimmer vier Unbekannte gegenüber: dieselbe Mutter, vier verschiedene Väter, alle in Heimen und Pflegefamilien aufgewachsen. Die Geschwister haben nie zusammen auf Spielplätzen getobt, keine gemeinsamen Streiche ausgeheckt oder sich gegenseitig bei den Hausaufgaben geärgert. Auch wenn auf das erste Treffen weitere folgten, so sind sie sich doch bis heute fremd geblieben.

Mit einem Anruf der Polizei zogen vier Jahre darauf in Klaus Dörrs Leben wieder dunkle Wolken auf. Sein Halbbruder hatte sich erhängt. Gerade erst hatte er ihn kennengelernt, nun trug er ihn zu Grabe. „Eine Erfahrung, die mich an meine Grenzen brachte.“ Als Pastor sprach er die letzten Worte und zahlte die Beerdigung.

Klaus Dörr redet schnell und springt beim Erzählen, als würden die Erlebnisse von früher alle auf einmal aus ihm herausbrechen. Bis heute ist er in Behandlung, um mit seiner Kindheit klarzukommen. Die Sache mit den Beerdigungskosten rührt an alte Wunden. Er schläft schlecht in diesen Tagen.

Ihre Asche auf dem Pragfriedhof

Von Waltrauds Tod erfuhr er noch vor dem Schreiben der Stadt durch puren Zufall. Ehrenamtlich unterrichtet er Pflegeschüler in Religion und Ethik. Zum Unterricht gehört der Besuch des Krematoriums auf dem Pragfriedhof. 2018 wurde er mit seiner Klasse auch in einen Raum mit vielen Urnen geführt. Plötzlich riefen die Schüler: „Herr Dörr, da steht ja Ihr Name.“ So erinnert sich Klaus Dörr heute. Auf einer der Urnen las er: Waltraud Dörr, gefolgt vom Geburts- und Todesdatum.

Noch zwei Jahre später ringt er um Fassung, als er von diesem Moment erzählt. Wie ihm langsam klar wurde, wessen Asche da ruhte. Der Frau, die ihn geboren hat, weint er keine Träne nach. Trotzdem war es ein Schock, unvermittelt mit ihrem Tod konfrontiert zu werden.

Inzwischen liegt Waltraud auf dem Dornhaldenfriedhof zwischen anderen Verstorbenen, um deren Bestattung sich die Stadt gekümmert hat. Klaus Dörr kommt wieder auf die Rechnung zu sprechen. Er fühlt sich zweifach bestraft: „Wie jemand, der überfallen wurde und hinterher noch eine Strafe zahlen soll.“

Seinen Widerspruch hat die Stadt nicht gelten lassen. Nun liegt die Sache beim Verwaltungsgericht. Letztlich geht es dabei auch um die Frage, ob das Fehlverhalten einer Mutter ausreicht, um die Gesellschaft zur Kasse zu bitten.

Dörr fühlt sich dem System ausgeliefert

Dörrs Chancen stehen schlecht. „Kein persönlicher Kontakt oder zerrüttete Familienverhältnisse allein sind meistens keine Gründe, die Kosten auf die Allgemeinheit umzulegen“, sagt Martina Richter, Anwältin in Stuttgart und Mitglied der Deutschen Anwaltsvereinigung für Erb- und Familienrecht. Die Bestattungsgesetze der Länder ließen dafür keinen Spielraum. „Extrem selten wird anders entschieden“, sagt Martina Richter.

Er empfinde Wut, Hass, Enttäuschung, sagt Dörr. Er fühlt sich dem System ausgeliefert. Weil man ihm mit stumpfen Paragrafen kommt, wenn er über den Schmerz seiner Kindheit spricht. Weil er sich als Einzelkämpfer fühlt, dem ein Heer von Bürokraten gegenübersteht. Auch deshalb sucht er andere Betroffene, um sich auszutauschen: „Wenn ich ein Lebensziel habe, dann, dass Angehörige in solchen Fällen nicht mehr zahlen müssen.“

Dörr hat lange geredet. Er steht auf, packt das Kinderbild und den Ordner sorgfältig in seine Tasche. Er ist erschöpft. In ein paar Tagen wird er mit seiner Frau in den Urlaub fahren. Dann kann er ein paar Hundert Kilometer Abstand zwischen sich und das Grab der Frau bringen, die ihm nie eine Mutter war.

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