Kinder und Jugendliche aus betreuten Einrichtungen müssen mehr als bisher dabei unterstützt werden, die ersten eigenverantwortlichen Schritte zu gehen. Das Jugendamt sieht in mehreren Bereichen Nachholbedarf.

Plötzlich erwachsen – und dann? Wenn Heimkinder 21 Jahre alt sind, enden die staatlichen Hilfen in der Regel. Sie sind herausgefordert mit Wohnungssuche, Ausbildung, Behördengängen, Finanzfragen. Der Übergang in die Selbstständigkeit muss jungen Erwachsenen erleichtert werden. Grundlage dafür ist das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz. Zwei Jahre lang hat die Landeshauptstadt an einem bundesweiten Projekt der Universität Hildesheim und der Internationalen Gesellschaft für Erziehungshilfen mitgewirkt, nun hat sie dem Jugendhilfeausschuss Handlungsvorschläge präsentiert.

„Viele Übergänge verlaufen nicht unproblematisch“, sagte Severine Thomas. Die Wissenschaftlerin der Universität Hildesheim war digital zugeschaltet und erläuterte die Rechte, die junge Erwachsene beim Verlassen der staatlichen Obhut haben: Selbstbestimmung, Rechtsanspruch auf Hilfen, auf Nachbetreuung, eine Übergangsplanung sowie eine Option zur Rückkehr (Coming-back-Option). Weil das viele verschiedene Baustellen sind, „müssen alle Akteure, also Arbeitsagentur, Jobcenter, Eingliederungshilfe, Familienkasse, Bafög-Amt, Jugendhilfe, miteinander kooperieren, absprechen, welche Hilfen in Betracht kommen“, sagt Severine Thomas, „wie schwierig das ist, haben wir in Stuttgart gesehen“.

In Stuttgart ist dazu ein Arbeitskreis gegründet worden. Die Stadt hat eine Webseite zu Angeboten für Careleaver ins Netz gestellt, und Nachbetreuungsangebote sind entwickelt worden. Ziel ist, dass alle beteiligten Jugendhilfeträger – Jugendamt, Caritas, Evangelische Gesellschaft, St. Josef und Jugendhilfe aktiv – im eigenen Haus die Nachbetreuung weiterentwickeln, Sprecherräte einrichten und einen Notfallfonds auflegen. Lucas-Johannes Herzog, der Leiter der Bereitschaftspflege des Jugendamts, ist überzeugt: „Die vernetzte Verantwortung ist ein guter Weg.“

Jährlich verlassen circa 330 junge Erwachsene in Stuttgart ein Heim, eine Wohngruppe oder ihre Pflegefamilie. Als hilfreich hat sich in der Übergangsplanung der sogenannte Wohnungsführerschein erwiesen. In dem Kurs dreht sich alles ums Mietrecht, um Versicherungen, um Kautionen oder aktuell ums Stromsparen. Auch der Umgang mit Geld ist immer ein Thema. Derzeit müssen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen 25 Prozent ihrer Einkünfte als Kostenbeteiligung an den Träger abgeben, der Bundesrat muss noch entscheiden, ob dieser Beitrag abgeschafft wird.

Wo bekommt man eine Geburtsurkunde?

Die Evangelische Gesellschaft (Eva) hat Careleaving mit dem Projekt „Crossing Point“ drei Jahre lang erprobt. „Da stellen sich Fragen wie zum Beispiel, wo man seine Geburtsurkunde herkriegt“, sagt Sonja Hagenmayer, Bereichsleiterin für Ambulante Hilfen für Erwachsene der Eva. „Oder wo Careleaver die Einkommensnachweise ihrer Eltern herkriegen, wenn sie schon mit drei Jahren in eine Pflegefamilie gekommen sind. Daran kann ein Bafög-Antrag scheitern.“

Nicht jeder Schritt in die Selbstständigkeit gelingt also. Deshalb arbeiten die Träger an sogenannten Coming-back-Strukturen. „Das könnte ambulant betreut geschehen oder auf Veranlassung des Jugendamts auch stationär“, sagt Joachim Friz, Gesamtleiter der Hilfen zur Erziehung von St. Josef. Diskutiert werde auch ein Zeitfenster, innerhalb dessen die Careleaver Beratungsgutscheine einlösen können.

Gesucht: ein verlässliches Zuhause

Wohnraum ist eines der größeren Probleme für die jungen Menschen. Auf dem allgemeinen Wohnungsmarkt sind sie im Nachteil: Weder können sie eine Bürgschaft beschaffen, noch einen Wohnberechtigungsschein beantragen, wenn sie jünger als 25 Jahre alt sind. Teils mieten die Träger Wohnungen an und überlassen sie den Careleavern auf Zeit. Die Eva sucht aktuell nach einer Immobilie für ein „Mini-Studierendenheim“, das bezahlbares Wohnen für Azubis bieten soll. „Ziel ist aber, dass alle einen eigenen Mietvertrag und damit ein Zuhause haben können“, sagt Sonja Hagenmayer.

Bei den Fraktionen stieß der Bericht auf Zustimmung, warf aber auch die Frage nach dem Finanzbedarf auf. „Was können wir tun, damit der Ausbau in einer gewissen Qualität geschieht?“, so Jasmin Meergans (SPD). Man wolle, so die Verwaltung, zunächst festlegen, was wo einzurichten sei, und dann einen Vorschlag machen.