Heimlicher Champagner-Rivale Italiens prickelndes Geheimnis

Als sich ein Gletscher über den Iseosee wälzte, entstand die Landschaft der Franciacorta. Klima und Boden sind ideal für den Weinanbau. Foto: Visit Brescia

Perlende Getränke nennt man in Italien liebevoll „Bollicine“ – kleine Bläschen. Außer dem bekannten Prosecco sollte man noch eine andere Variante namens Franciacorta kennen.

Leben: Susanne Hamann (sur)

Die lieblichen Hügel sind mit Reben gestreift. Dazwischen hin und wieder ein paar hingetupfte Olivenbäume, urtümlichen Dörflein mit engen Gassen, eckige Kirchtürme. An den geschwungenen Straßen stehen Zypressen Spalier. In der Ferne türmen sich die schneebedeckten Gipfel der Alpen auf. In der Franciacorta, einen Bilderbuch-Landstrich zwischen dem Iseosee, den Flüssen Oglio und Mella und der lombardischen Römerstadt Brescia, verbrachte der oberitalienische Adel einst die Sommerfrische. Die schicken Patriziervillen erzählen von dieser Zeit.

 

Das kühle Mikroklima am Fuße der Alpen sorgt für eine feine, präzise Säure

Der Name Franciacorta leitet sich vom lateinischen Begriff „Curtes Francae“ ab. So hießen von Cluniazenser-Mönchen bewirtschaftet Klosterhöfe, die steuerbefreit Handel betreiben durften. Die erste urkundliche Erwähnung des Begriffs findet sich in Dokumenten der Gemeinde Brescia aus dem Jahr 1277. Heute kennen Eingeweihte ihn als Italiens Antwort auf Champagner.

Gästeführerin Chiara Martinetti aus Dezensano am Gardasee ist bekennender Franciacorta-Fan Foto: Susanne Hamann

Das kühle Mikroklima am Fuße der Alpen gilt als ideal für die Weinproduktion und sorgt für eine feine, präzise Säure. Die kalkhaltigen Böden steuern eine hohe Mineralität bei. In der Eiszeit walzte ein Gletscher über den Iseosee gen Süden und schuf eine glazial geprägte Moränenlandschaft. Sand, Sedimentton und kieseliger Mergel speichern die Wärme des Tages und geben sie nachts ab. Zusätzlich wirkt der See wie ein natürlicher Temperaturregulator – er kühlt im Sommer und heizt im Winter. Dadurch reifen die Trauben ganz langsam und gleichmäßig. Sie werden zu Spumantes verarbeitet, die geschmacklich ziemlich nah dran sind an den Produkten aus der französischen Champagne und die den bekannten Prosecco aus den Nachbarregion Venetien und Friaul-Julisch Venetien deutlich hinter sich lassen.

Die Vielfalt der Aromen reicht von Zitrone, Limette, grünem Apfel bis hin zu weißem Pfirsich, Birne, Brioche oder gerösteten Nüssen. Wer Champagner mag, wird den preislich viel interessanteren Franciacorta lieben. Warum das Produkt außerhalb Italiens nur wenig bekannt ist? „Vielleicht liegt es an der Mentalität der Menschen“, sagt Chiara Martinetti, Gästeführerin aus Dezensano am Gardasee und bekennender Franciacorta-Fan. In der Region Brescia sei man sehr bescheiden und zurückhaltend. Angeberei, erklärt die 42-Jährige, sei den Leuten fremd.

Giorgio Vezzoli vom Weingut Le Quattro Terre Foto: Le Quattro Terre

„Die Franciacorta hat sich stets im Stillen bewegt. Ihre Stärke liegt nicht in pompösen Gesten, sondern im Geschmackserlebnis: Wie sich der Wein öffnet, an Dynamik gewinnt und mit einer lebendigen, anhaltenden Energie ausklingt“, sagt Giorgio Vezzoli vom Weingut Le Quattro Terre. Seine Familie kaufte im Jahr 2006 einen alten Bauernhof samt Weinbergen in Corte Franca im Herzen der Franciacorta. Heute ist Le Quattro Terre eine beliebte Hochzeitslocation und vor allem ein anerkannter Produzent von spitzenmäßig Spritzigem. „Leaning by mistake“, nennt Giorgio Vezzoli das Erfolgsrezept der Quereinsteiger. Und er lacht fröhlich.

Das Franciacorta-Weinkonsortium erlegte sich strenge Regeln auf

Weinenthusiasten, die aus ihren Fehlern gelernt haben, findet man öfter in der Franciacorta. Ende der 1950er Jahre tüftelten der Gutsbesitzer Guido Berlucchi zusammen mit dem talentierten Önologen Franco Ziliani an einem Schaumwein, hergestellt nach der klassischen Flaschengärungsmethode. 1961 kam der erste „Pinot di Franciacorta“ auf den Markt. Zu den Pionieren gehörte auch Alessandro Bianchi.

Matteo Pizziol vom Weingut Villa Franciacorta prüft die Qualität des Schaumweins Foto: Susanne Hamann

1960 steckte er Geld, das er mit seinem Unternehmen für Hydraulikmaschinen verdient hatte, in ein Anwesen in Monticelli Brusati. Auch Bianchi fokussierte sich auf Schaumwein. 1990 gründeten Berlucchi und Bianchi gemeinsam mit 27 Mitstreitern das Franciacorta-Weinkonsortium. Die Vereinigung erlegte sich strenge Regeln auf. „Wenn Franciacorta draufsteht, muss sich die Kundschaft drauf verlassen können, dass die Qualität stimmt“, sagt Bianchis Enkel Matteo Pizziol. „Daher sind wir auch untereinander befreundet. Alle haben dasselbe Ziel.“

In die Flaschen darf nur der Saft aus Trauben der Sorten Chardonnay, Pinot Nero und Pinot Bianco. Zwischen Weinlese und Verkauf müssen mindestens 25 Monate liegen. 18 Monate reift das prickelnde Vergnügen auf der Hefe in der Flasche. Eine doppelte Gärung wie bei der Champagner-Methode ist Pflicht. 1995 wurde das DOCG-Zeichen als geschützte Ursprungsbezeichnung für kontrollierte und garantierte Herkunft eingeführt.

Es gibt in der Gegend 3000 Hektar Rebfläche, die jährliche Produktion liegt bei rund 17,5 bis 20 Millionen Flaschen. Zum Vergleich: die Champagne verfügt über mehr als zehnmal so viel Rebfläche: 34 200 Hektar, deren Trauben je nach Erntejahr 270 bis 300 Millionen Flaschen ergeben.

Die Region Franciacorta liegt südlich des Iseosees Foto: STZN/Lange

Die kleine Menge ist ein Grund für die mangelnde Bekanntheit. Ein anderer: Den guten Stoff trinken sie in Italien am liebsten selbst. „Nur 10 Prozent der Gesamtproduktion geht ins Ausland, bei uns sind es 30 Prozent“, sagt Matteo Pizziol, Juniorchef von Villa Franciacorta. Das Weingut exportiert in die Schweiz, nach Japan oder in die Niederlande. „Unsere Produkte werden auch in den italienischen Botschaften in Kanada und in Litauen ausgeschenkt. Und sogar bei der letzten Emmy-Verleihung!“, sagt Pizziol.

Die edlen Tropfen werden immer bekannter

„Ich glaube, die Zukunft wird Identität mehr belohnen als Quantität. Italienischer Schaumwein präsentiert sich zunehmend selbstbewusst in seiner Vielfalt. In dieser Landschaft hat Franciacorta eine unverwechselbare Stimme – klar, harmonisch und immer wiedererkennbar“, sagt Giorgio Vezzoli. Es spricht sich langsam herum, welch edle Tropfen in der Region Brescia produziert werden.

Info

Anreise
Mit dem Zug über Zürich und Mailand nach Brescia, www.bahn.de . Wer vorhat, vor Ort verschiedene Weingüter zu besuchen und dort auch einkaufen möchte, reist besser mit dem Auto an: Via Schweiz auf der italienischen Autobahn A4, Ausfahrt Rovato auf der Strecke Mailand – Venedig.

Unterkunft, Essen und Trinken
Direkt am Iseosee liegt das edle Hotel Araba Fenice (vier Sterne). Zum Haus gehört das Restaurant Izé mit schöner Terrasse. Im Sommer kann man im Infinitypool planschen, Doppelzimmer ab 153 Euro, www.arabafenicehotel.it .Auf dem Agriturismo Le Quattro Terre kostet das Doppelzimmer mit Frühstück ab 110 Euro. Im hauseigenen Restaurant gibt es lokale Küche, www.quattroterre.it .Zu Weingut Villa Franciacorta gehört die Villa Gradoni mit 22 Apartments. Preis ab 150 Euro pro Nacht für zwei Personen, www.villafranciacorta.it . Weitere Weingüter, die Übernachtung mit Frühstück anbieten, findet man unter: https://franciacorta.wine/it/agriturismi/ .

Allgemeine Informationen
 Tourismusbüro für die Stadt und die Region Brescia, www.visitbrescia.it

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