Es ist ein eiskalter Morgen, als der Piepser Ralf Rüth am 28. Oktober 2012 aus dem Bett wirft. Ohne Frühstück rennt der damals 42-Jährige zum Einsatz. Diesen Tag wird er nie vergessen. Beinahe hätte er ihn nicht überlebt – und er hat sein Leben für immer verändert.

Heimsheim - Es ist ein eiskalter Morgen, als der Piepser Ralf Rüth am 28. Oktober 2012 aus dem Bett wirft. Ohne Frühstück rennt der damals 42-Jährige zum Einsatz. Schneebruch-Gefahr, heißt es, Bäume drohen umzustürzen, weil es zu viel geschneit hat. Der kräftige Handwerkermeister packt wie immer mit an, zwölf Jahre lang war er Kommandant der Feuerwehr, auch danach ist er ein Aktivposten.

 

Eigentlich ist die Gefahr schon gebannt, als eine 30 Meter hohe Fichte im Wald gefällt worden ist. „Ich bin 30 bis 40 Sekunden in meiner geschützten Stellung geblieben“, erzählt Ralf Rüth. Nach dieser Zeit ruht ein Baum meistens sicher auf dem Boden. Doch nicht in diesem Fall. Die Krone, von die Schneemasse heruntertropft, wird leichter – und schwingt plötzlich hoch. der Stamm macht einen gewaltigen Satz. Ralf Rüth wird an der Brust getroffen. Der Heimsheimer wird umgeworfen und muss mit ansehen, wie der gewaltige Baum auf sein rechtes Bein fällt. „Wenn ich eine Sekunde vorher herausgelaufen wäre, hätte ich keine Chance gehabt“, erinnert er sich.

Der Unterschenkel wird zertrümmert, der Wadenmuskel reißt. Die Kameraden holen den Rettungswagen, Ralf Rüth kommt zunächst ins Leonberger Krankenhaus, wo er notoperiert wird. Doch der Fall ist zu kompliziert, er muss sich einer Reihe von weiteren OPs im Stuttgarter Katharinen-Hospital unterziehen. „Als ich dort lag, habe ich im Fernsehen etwas von dem Skandal über Keime in den OP-Sälen genau in dem Krankenhaus gesehen“, erzählt er. „Ich dachte: jetzt sterbe ich.“ Denn die hoch komplexe Behandlung für sein Bein gehe in 70 Prozent der Fälle wegen Infektionen schief.

Noch am Krankenbett bringt ihm seine Frau Anette Leitz-Ordner vorbei. Schließlich ist Ralf Rüth der Chef eines Zehn-Mann-Betriebs in Heimsheim, der ohne seinen Meister und Organisator zunächst hilflos ist. Doch Ralf Rüth fällt lange, lange aus. Fast ein Jahr. Er kommt zum VfB Stuttgart ins Rehazentrum und trainiert dort mit Cacau, versucht es an weiteren Stationen – doch vergeblich. Seinen Fuß kann er nur Millimeter bewegen. Ralf Rüth ist Teilinvalide.

Doch hinter diesem Wort steckt viel mehr. Verzweiflung, fehlender Lebensmut, eine schwere Belastung für seine zehn Jahre alte Ehe. „Ohne meine Frau hätte ich das nicht durchgestanden“, sagt Ralf Rüth, und seine Augen werden feucht, wenn er darüber spricht. Er war ein Bulle von einem Mann, der zwölf Stunden auf der Baustelle stand, nachts den Bürokram erledigt hat, und nebenher in der Feuerwehr seinen Mann gestanden hat – Tag und Nacht.

Jetzt ging er auf Krücken, konnte sich nicht einmal mehr einen Kaffee selbst machen. Zu den körperlichen Beschwerden, den Schmerzen, kam die Unsicherheit. „Ich hatte Existenzängste“, sagt Ralf Rüth. Die gesamte Firma hing an ihm. Das Haus. Seine Frau hatte nach 23 Jahren bei Bosch ihren Job aufgegeben für den Stuckateurbetrieb. Sie musste nun Chefin sein, eine unglaubliche Belastung für beide. An vielen Tagen waren beide verzweifelt, hoffnungslos, und doch haben sie nie aufgegeben.

Und heute? Die Firma ist gerettet. Ralf Rüth ist der Meister und der Chef, der organisiert, das Unternehmen und seine sehr selbstständigen Mitarbeiter leitet – aber nicht aufs Gerüst klettert. In der Feuerwehr fährt er den Einsatzwagen, stürmt aber nicht ins brennende Haus. Alles fast wie früher also? Mitnichten. „Ich bin nicht mehr der Rüth, der ich vorher war“, sagt er, und spricht bewusst in der dritten Person.

Der alte Ralf Rüth, das war ein Arbeitstier, der rund um die Uhr malocht hat, für die Feuerwehr sein letztes Hemd gegeben hat, und deswegen erst mit 35 Jahren seine jetzige Frau kennengelernt hat. Dessen Gerechtigkeitssinn und Leidenschaft viele mitgerissen hat, der aber mit seiner Unerbittlichkeit auch viele vor den Kopf gestoßen hat. „Ich sage direkt und gerade heraus, was ich denke“, das behauptet Ralf Rüth noch heute von sich. Nicht zuletzt im Gemeinderat, dem er seit Sommer angehört, für die CDU-Fraktion.

Aber im Leben von Ralf Rüth gibt es jetzt auch Erholung. Ruhepausen. Freie Samstage. „Ich nehme mir Zeit, mit den Menschen zu reden“, erzählt der 45-Jährige, dessen Familie seit Generationen in Heimsheim lebt. Zeit, das Leben zu schätzen. Wer es beinahe verloren hätte, und ein ganzes Jahr lang um seine Lebensqualität kämpfen musste, genießt den Tag, den Augenblick, die Momente zu zweit. Mit seiner Frau Anette, die er einst bei einem Fest in Rutesheim kennengelernt hat. Und so hat Ralf Rüth auch etwas von seiner Unerbittlichkeit verloren. Auch wenn er hartnäckig ist. So hat er für Heimsheimer Feuerwehrleute eine Unfallversicherung durchgesetzt.

Den 28. Oktober 2012 wird Ralf Rüth jedenfalls nie mehr vergessen: „Der Tag hat mein Leben verändert.“