Das Treffen hat die einstigen Bewohner aufgewühlt. „Ich war fix und fertig danach“, sagt Corinna Hofmann, die 1966 kurz nach ihrer Geburt ins Heim kam. Erinnerungen kämen wieder hoch, wie die Prügelstrafe mit dem Handfeger. „Wer Ärger gemacht hat, wurde ins Bad geführt und verprügelt.“ Gewalt war wohl an der Tagesordnung, berichten auch andere Opfer, die aus ganz Deutschland zu dem Treffen hinter den Klostermauern gekommen sind. Das Münchner Aufklärungs-Institut IPP moderierte es.
Die Fronten prallen aufeinander
Die Begegnung beginnt mit einem großen Konflikt. Denn ein Teil der früheren Heimkinder hat positive Erinnerungen an die Zeit in der Einrichtung – und wirft den anderen vor, Lügengeschichten zu verbreiten. Dieser Streit ist im Vorfeld eskaliert, und beim Treffen in Hoheneck ist es erneut ein Thema. „Es war am Anfang sehr konfliktbehaftet“, erzählt Elisabeth Helmling, die vom IPP-Institut für die Moderation engagiert ist.
Die Anspannung ist so groß, dass einige Teilnehmer kurz den Raum verlassen. „Wir hatten Angst, dass wir als Lügner dargestellt werden und der Schwesternorden wieder alles unter den Tisch kehren will“, sagt ein ehemaliges Heimkind, das 1971 nach Hoheneck kam. Die Moderatorin Helmling: „Sie wurden damals nicht gehört und haben nun die verständliche Sorge, dass ihre Erfahrungen bagatellisiert werden.“ Doch es gelingt, einen Konsens herzustellen: Jede Erzählung, jede Erinnerung wird respektiert.
Ein erster Dialog beginnt
Auf dieser Grundlage entsteht tatsächlich etwas, was vorher kaum jemand für möglich gehalten hätte: ein Dialog. Zwischen Vertretern des Ordens, die bis zu den ersten Berichten in der Presse sagen, keine Kenntnis von Misshandlungen gehabt zu haben, und zwischen der Gruppe von Heimkindern, die ein ganzes Leben lang in ihrer Wut, Trauer und Hilflosigkeit gefangen waren.
Manche Sichtweise relativiert sich. Die Hinweise verdichten sich, dass im Josefsheim vieles nicht so war, wie es sein sollte. Exemplarisch dafür steht die einstige Strafe für durchnässte Bettlaken: Eine Frau, die zum ersten Mal ihre Lebensgeschichte erzählt, ist mit vier Jahren in das Kinderheim gekommen. Sie erinnert sich an eine Bettnässerin, jeden Morgen sei sie mit eiskaltem Wasser abgeduscht worden. „Dann bekam sie das durchnässte Bettuch in den Mund gestopft“, erzählt sie, „sie sollte spüren, wie sich das anfühlt.“ Als zusätzliche Bestrafung musste sie unter ihrem Bett auf dem Boden schlafen. Tag für Tag das gleiche Ritual: „Das panische Brüllen des Mädchens, wenn es unter der kalten Dusche stand, das war mein Wecker.“
Eine „Prügel-Nonne“ wird versetzt
Auch die Geschichte einer besonders gewalttätigen Ordensschwester kommt auf den Tisch. Dieser Vorfall ist sogar schriftlich festgehalten: Die Oberin, Schwester Edith Riedle, soll, wie Teilnehmer der Runde erzählen, einen Bericht an die Ordensleitung im holländischen Sittard aus den 70er Jahren vorgelesen haben. Darin ist von massiven Beschwerden über die Nonne die Rede, weil sie Kinder brutal und erbarmungslos malträtiert haben soll. Sie wurde in den Hauswirtschaftsdienst der Kirchengemeinde versetzt. „Auf unsere Frage, ob es strafrechtliche Konsequenzen gab, haben wir keine Antwort erhalten“, sagt das Ex-Heimkind Corinna Hofmann.
Der Bericht eines heute 56-jährigen früheren Heimkindes verdeutlicht seelische Grausamkeit: „Ich hatte eine schöne Kindheit. Aber ohne Liebe. Mein Leben fing erst mit dem siebten Lebensjahr an.“ Alle Erinnerungen davor hat die Frau verdrängt. Sie macht jetzt eine Kunsttherapie, um ihre Albträume zu verarbeiten. Am Ende des Treffens fließen Tränen.
Opfer befürchten, dass alles vertuscht wird
Als Fazit der Begegnung in Hoheneck gibt es recht unterschiedliche Bewertungen. „Wir haben den Eindruck, dass der Orden den Ball so flach wie möglich halten will“, kritisiert Corinna Hofmann. Sie lobt aber die neutrale Moderation der IPP-Vertreterin, mit der die Betroffenen weiterhin zusammenarbeiten wollen. Hofmann kritisiert die Rolle der Aufklärungsstellen der Caritas: „Ich befürchte, dass die Geschehnisse relativiert und kleingeredet werden sollen.“
Die Ordensleiterin, Schwester Edith Riedle, bestreitet das. Sie kündigt an, das IPP-Institut mit einer ausführlichen Aufarbeitung zu beauftragen, sobald ein erster Zwischenbericht vorliege. Alle Seiten müssten ausführlich angehört werden. „Ich habe den Eindruck, dass durch das Treffen ein Dialog entstanden ist und die Heimkinder ausdrücken konnten, was sie belastet“, sagt Riedle, die auch zur weltweiten Ordensleitung in den Niederlanden gehört. Sie beklagt aber ebenfalls, dass positive Erinnerungen einiger Kinder an die Heimzeit kaum eine Chance hätten, gehört zu werden.
Bereits 27 Zeugen haben sich gemeldet
Die Moderatorin Elisabeth Helmling zieht ein Zwischenfazit: 27 Zeitzeugen hätten sich inzwischen beim IPP-Institut gemeldet, darunter neun ehemalige Praktikantinnen. „Es gibt ein klares Bild“, sagt Helmling, „die Hinweise verdichten sich, dass die Erzählungen der ehemaligen Heimkinder der Wahrheit entsprechen.“
Wie geht es nun weiter? Florian Straus, der Leiter des Münchner IPP-Instituts, der schon die Missbrauchsfälle im Kloster Ettal und an der Odenwaldschule aufgearbeitet hat, schlägt eine ausführliche Untersuchung der Vorfälle mit Interviews, Aktensuche und Recherchen vor – wenn der Orden der Karmelitinnen ihn damit beauftragt.
Bis Ende des Jahres könnte ein Bericht vorliegen
Bis Jahresende könnte ein Bericht vorliegen. Es dürfte noch viel gerungen werden um die Frage, wie mit Schuld und Erinnerung umgegangen wird, wo die Wahrheit liegt und ob eine Annäherung möglich ist. Am Ende könnte ein Entschädigungsfonds stehen und eine Dokumentation in Hoheneck. Doch bis dahin ist der Weg lang.
Gibt es eine Erleichterung der Teilnehmer nach dem Treffen? „Die Erinnerungen sind wieder so präsent, als wäre es gestern gewesen“, sagt Corinna Hofmann, die von schlechtem Schlaf berichtet.
Ein ehemalige Bewohnerin des Heims hatte regelrecht Panik, als sie durch das Tor des Klosters treten sollte. „Sie hat am ganzen Körper gezittert“, erzählt eine Beobachterin – die dann pragmatische Hilfe leistete. Sie nahm die Frau an die Hand, und gemeinsam gingen sie über das Gelände. Irgendwann habe sich die verängstige Frau beruhigt.