Heimskandal Ludwigsburg-Hoheneck Heimkinder: Pfarrer hat uns in der Beichtstunde missbraucht

Silvia Gerhardt sagt, sie sei als Kind in Hoheneck missbraucht worden – und erzählt ihre Geschichte. Foto: Lichtgut / Max Kovalenko

Das ehemalige Hoheneck-Heimkind Silvia Gerhardt hat 40 Jahre lang geschwiegen. Jetzt erhebt sie schwere Vorwürfe: Der Pfarrer habe sie jahrelang sexuell missbraucht – und viele andere Mädchen ebenfalls.

Ludwigsburg - Als Silvia Gerhardt zum ersten Mal nach 50 Jahren wieder auf dem Klostergelände in Ludwigsburg-Hoheneck stand, begann sie, am ganzen Leib zu zittern. Der 55-jährigen Frau blieb die Luft weg, sie konnte nicht mehr atmen. Eigentlich war sie gekommen, um mit anderen ehemaligen Heimkindern und den Nonnen des katholischen Karmelitinnen-Ordens zu sprechen. Doch ihr zog es den Boden unter den Füßen weg. Irgendwann zeigte sie auf ein Fenster des Klostergebäudes hinter der Kirche und sagte leise: „Dort ist es passiert.“

 

Es fällt ihr schwer, darüber zu sprechen, was sich ihren Erinnerungen zufolge dort zugetragen hat. Sie sitzt in ihrer Hochhauswohnung im Stuttgarter Stadtteil Freiberg auf einem violetten Sofabezug. Ein Teddybär auf einem Stuhl trägt auf seinem Bauch ist die Aufschrift: „Ich liebe dich.“ Silvia Gerhardt wendet den Blick ab. Immer wieder kommen ihr die Tränen. Aber sie will nichts mehr verdrängen und ihre Wut nicht verstecken.

Der Pfarrer soll Kinder regelmäßig missbraucht haben

Mit vier Jahren kam sie ins Heim. Jeden Sonntag hätten die Kinder zum Gottesdienst in die Kirchen auf dem Kloster-Areal gehen müssen. Dazu hätten sie schicke Röckchen anziehen dürfen. „Nachmittags mussten wir zu Pfarrer Metzler zum Beichten“, sagt sie, „einzeln.“ Nachdem sie dem Geistlichen ihre Sünden erzählt hätten, so sagt es Silvia Gerhardt, habe er sie gezwungen, seine Geschlechtsteile zu berühren. Jede Woche, wieder und wieder, über Jahre hinweg.

Der Ekel überkommt die resolute Frau noch heute, wenn sie sich daran erinnert. „Als wir älter waren, hat er mir unter den Rock gefasst und an mir rumgeschraubt“, sagt sie dann. Im Gegenzug habe der Pfarrer versprochen, bei den strengen Nonnen ein gutes Wort einzulegen: „Er sagte: Dann wird es nicht mehr so böse im Heim.“ Auch dieses Versprechen soll er nie eingehalten haben.

Bis heute empfindet Silvia Gerhardt Wut und Ohnmacht

Diese Szenen haben sich in Silvia Gerhardt Gedächtnis eingebrannt und verfolgen sie. „Die Wunden sind verheilt, Verletzungen der Seele heilen nie“, sagt sie. Mit acht Jahren verließ sie das das Heim.

Scham, Hass, Machtlosigkeit, Ohnmacht und Wut: all das empfindet sie heute noch, und sie empfand es damals. Dabei hatte das 1963 geborene Kind schon zuvor Schreckliches erlebt: Die Mutter stammte aus dem Straßburger Sinti- und Romamilieu. Die Behörden wiesen das Mädchen 1967 in das Heim ein, gegen den Willen der Mutter. Weil sie die lateinischen Namen der Ordensschwestern nicht habe aussprechen können, sei sie geschlagen worden, sagt sie. Das Mädchen vermisste ihre liebevolle Mutter, wurde wegen der lieblosen Erziehung der Nonnen zur Bettnässerin – und stand damit im Fokus.

Das Heimleben war schon hart genug

„Ich wurde jeden Morgen eiskalt abgeduscht“, erzählt sie. Ein anderes Heimkind habe ihr später erzählt, ihre panischen Schreie seien „jeden Morgen ihr Wecker“ gewesen. Bis heute duscht die 55-Jährige nicht, sie badet lieber. Einmal wurde ihr morgens ein Zipfel des durchnässten Bettlakens in den Mund gestopft, wie sie erzählt. „Später wurde ich gefesselt und musste unter meinem Bett schlafen“, sagt Gerhardt. Aus Angst versteckte sie sich abends im Schrank.

All das war schlimm genug. „Doch der sexuelle Missbrauch hat das alles in den Schatten gestellt“, sagt sie. Und dies wäre auch eine neue Dimension im Zusammenhang mit Vorwürfen gegen das Heim in Hoheneck, die seit Februar öffentlich werden. Bis zu 30 Zeugen haben sich bisher gemeldet, berichten von Gewalt, Demütigungen und Lieblosigkeit in dem 1992 geschlossenen Heim. Der Karmelitinnen-Orden hat das Münchner Aufklärungsinstitut IPP eingeschaltet. Sexueller Missbrauch war bislang aber kein Thema.

Opfer berichten von jahrelangem Missbrauch

Doch es gibt Zeugen, ehemalige Heimkinder, die Gerhardts Schilderungen bestätigen. „Aus diesem Grund hatte ich immer eine Heidenangst vor Pfarrer Metzler“, sagt eine ehemalige Bewohnerin des Josefheims. Sie und ihre Leidensgenossen sprechen von systematischem Missbrauch, regelmäßig, mit Dutzenden Opfern. Und das jahrelang: Von 1970 bis 1978 war Pfarrer Wilfried Metzler in Hoheneck eingesetzt, ging dann als Missionar nach Guatemala, später kam er nach Metzingen (Kreis Reutlingen), dann nach Dischingen in Bayern, 1994 ging er in den Ruhestand, er starb 1998.

Im Kreis der Heimkinder wird erzählt, Metzler sei 1978 strafversetzt worden. Der Ludwigsburger Dekan Alexander König, der auch für die Hohenecker Dreifaltigkeitskirche zuständig ist, kann das nicht bestätigen: „Davon ist nichts bekannt.“ Die Kommission zur Aufklärung sexuellen Missbrauchs der Diözese Rottenburg-Stuttgart gehe aber der Frage nach, ob er versetzt worden sei. Auch das bischöfliche Büro hat sich eingeschaltet. „Wir sind an einer Aufklärung und Linderung des Leids interessiert“, sagt Norbert Reuhs vom sogenannten Offizialiat in Rottenburg und dementiert eine Strafversetzung.

Der Bischof in Rottenburg schaltet sich ein

Reuhs verweist aber auf das Verfahren der Diözese: Wenn die Opfer ihre Geschichte plausibel schilderten, nehme man den Vorwurf an, gewähre eine Geldleistung von 5000 Euro als „Anerkennung des Leids“ und übernehme Therapiekosten. „Wir wollen den Betroffenen eine Hilfestellung geben“, sagt Norbert Reuhs.

Bislang sind die ehemaligen Heimkinder allerdings misstrauisch gegenüber kirchlichen Institutionen. Auch die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs, die eine völlig neue Qualität haben, werden daher wohl über das Münchner Institut IPP aufgearbeitet. Zumindest haben das einige der Zeitzeugen angekündigt, weil sie den Münchnern vertrauen, die bereits die Skandale im Kloster Ettal und an der Odenwaldschule bearbeitet haben.

Silvia Gerhardt findet endlich zu sich

Silvia Gerhardt ist froh, ihre Geschichte erzählt zu haben. „Es muss endlich ans Tageslicht“, sagt sie. Nach dem Heim hat sie eine Odyssee aus Gewalt und Leid hinter sich, drei Ehen sind gescheitert. Ihren drei Kindern hingegen hat sie viel Liebe gegeben und sie niemals geschlagen. Vor fünf Jahren hat Silvia Gerhardt auch endlich einen Mann gefunden, der sie respektiert und liebt. Und sie ermutigt zu reden.

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