Stuttgart - Am Anfang stand die Niederlage: Die „Gebrauchsanweisung für das Leben nach dem Tod“, die Heinrich Steinfest ursprünglich schreiben wollte, hatte ihm ein anderer Autor mit einer ähnlichen Idee weggeschnappt. Weil er sich mit Niederlagen aber mindestens so gut auskennt wie mit dem Jenseits, hat sich der Stuttgarter Autor kurzerhand auf sein anderes Lebensthema verlegt. An diesem Mittwoch hat der 58-jährige Steinfest im Literaturhaus seine „Gebrauchsanweisung fürs Scheitern“ vorgestellt, in der er auch der Frage nachgeht, ob Gott bei der Erschaffung der Welt gepfuscht hat: „Er hat ein Bild mit Fehlern gemalt“, meint der vielfach preisgekrönte Fachmann für Misserfolge.
Herr Steinfest, heute schon gescheitert?
Ich stand am Bahnhof in Stuttgart und habe versucht, den Lautsprecherdurchsagen zu folgen. Wären sie auf Japanisch, Klingonisch oder der ausgestorbenen Pazeh-Sprache verlautbart worden, ich hätte sie auch nicht schlechter verstanden. Wer ist also gescheitert? Mein Gehör? Die Akustik? Der Sprecher? Ich befürchte ersteres.
Ihre „Gebrauchsanweisung“ vermittelt den Eindruck, dass Sie nicht nur beim Hören scheitern. Das Buch wimmelt von persönlichen Erlebnissen der einschlägigen Art, weshalb Sie mir als Experte des Scheiterns vorkommen.
Sind wir nicht alle Experten darin? Ich habe halt ein Buch daraus gemacht, weil mein Lieblingsscheitern sicher das Verfassen von Büchern ist.
Einspruch! Als langjähriger Steinfest-Leser sehe ich da kein Scheitern. Kann es sein, dass Sie sich das Scheitern gerne einreden, weil Sie darin verliebt sind?
Hm. Auf jeden Fall mehr verliebt als in den Sieg, das triumphale Gelingen, die eigene Grandiosität. All diese mit Krampf und Kampf errungenen Überwindungen, Meisterschaften und Überheblichkeiten vermitteln mir ein Gefühl der Bitterkeit.
Zu Ihrem persönlichen Scheitern gehört auch ein sportliches, das Sie in Ihrer „Gebrauchsanweisung“ beschreiben. Die Niederlage gegen ein gewissen Mr. Ku. Steht dieses Scheitern ganz oben in Ihrer Hitparade?
Ziemlich weit, ja. Mein oftmaliger Versuch, mitten im tiefsten China gegen den Betreiber eines kleinen Lichtspieltheaters auch nur einen Satz im Tischtennis für mich zu entscheiden. Aber gegen den Mann war einfach nicht zu gewinnen. Doch das hatte auch etwas erstaunlich Befreiendes: eine Hürde nicht zu überwinden und nach und nach die Schönheit der Hürde zu begreifen.
„Es hat sich etwas Diabolisches in den Fußball geschlichen“
Fußball indes empfinden Sie als unschön. Was stört Sie beim Blick auf erwachsene Männer, die einem Ball hinterher jagen?
Da verstehen Sie mich falsch. Nicht der Fußball ist unschön - was für eine herrliche Art, einen Ball zu befördern! Unschön sind all diese Rumpelstilzchen, die in ihren Coachingzonen herumrennen und angesichts von unliebsamen Schiedsrichterentscheidungen die Welt verfluchen. Es hat sich etwas Diabolisches in den Fußball geschlichen, eine unheilige Religiosität, eine kreuzzugartige Mentalität. Junge, wütende Götter in kurzen Hosen, von denen man sich nicht wünscht, sie könnten auch noch Blitze schleudern. Dazu eine schamlose Mimosenhaftigkeit.
Apropos: wie hängen Scham und Scheitern zusammen?
Die Scham ergänzt das Scheitern. In der Scham fühlen wir uns schrecklich allein und verlassen. Absurderweise verbindet sie uns Menschen aber auf eine geradezu fadenartige Weise. Das merkt man, wenn man sich mit seinem Gegenüber offen über Ängste und Schwächen und Unzulänglichkeiten austauscht und feststellt, dass es absolut keinen Horror gibt, mit dem man allein wäre.
Als Scheiternder befinden Sie sich tatsächlich in bester Gesellschaft. Auch Gott ist nicht alles gelungen, wenn ich Ihre „Gebrauchsanweisung“ recht verstehe.
Um das genau zu wissen, müsste man natürlich Gottes Intentionen kennen, als er den Menschen schuf. Gott hat ein Bild mit Fehlern gemalt. Freilich würde man bei einem so großen Künstler sagen, dass die Fehler mit Absicht geschahen. Diese Fehler erscheinen als Ausdruck eines von der göttlichen Fügung und Führung befreiten Menschen. Was eigentlich eher auf einen liebenden Gott verweist. Scheitern hin oder her.
Einen Fehler, einen groben gar, scheint Gott auch in menschliche Beziehungen eingebaut zu haben. Warum scheitert in unserem Alltag nichts so oft wie eine auf Liebe gegründete Partnerschaft?
Ich denke, dass dies mit der Maßlosigkeit zusammenhängt, mit der wir generell unser Glück einfordern. Ob’s die Liebe ist, ein Staudammprojekt, sechs Richtige im Lotto oder das unheimliche Bedürfnis, Geld für sich arbeiten zu lassen: Wir scheitern an unserer Hybris, wir sind alle noch immer damit beschäftigt, den Turm von Babylon zu bauen. Es steckt viel Zorn in diesem Turmbau.
„Und dann die Kritiker. Oje“
Sie reden von „Glück“. Was ist das für Sie?
Ein Missverständnis, das sich als solches aufklärt und keinerlei Wunde hinterlässt.
Vom Mensch zur Metropole: Können eigentlich auch ganze Städte scheitern? Stuttgart zum Beispiel?
Städte sind Monster. Aber es gibt eben auch schöne und liebenswerte Monster. Und manche besitzen eine fantastische Aura gerade auch dann, wenn einiges schiefläuft. Wenn ich mich für ein Abenteuer oder für ein Schlafmittel entscheiden soll, würde ich doch das Abenteuer wählen. Nun, anfänglich dachte ich eher, Stuttgart sei ein Schlafmittel, aber dass das ein Irrtum ist, habe ich bald bemerkt, als ich nicht einschlafen konnte.
Zurück zum Lieblingsscheitern: In der „Gebrauchsanweisung“ verraten Sie, dass Sie Angst haben, sobald ein neues Buch von Ihnen erscheint.
Stimmt. Ein neues Buch bietet ja vielfältige Möglichkeiten des Scheiterns. Gleich am Anfang, wenn man das erste Exemplar aufschlägt und dem Auge ein schrecklicher Rechtschreibfehler entgegenspringt. Mitunter einer, der gar nicht von einem selbst stammt oder der eigentlich korrigiert wurde, und welcher – alle versichern es – auf unerklärliche Weise ins Buch gelangt ist. Der Fehler setzt sich durch mit einer geradezu naturgemäßen Gewalt. Und dann die Kritiker. Oje.
Um Ihnen die Angst zu nehmen, habe ich im Literaturhaus nachgefragt: Sie werden am Mittwoch definitiv nicht vor leerem Parkett reden und lesen müssen. Kann ich Sie damit beruhigen?
Absolut.