Heinrich Steinfest: Der Chauffeur Der Schalk verliert sich im Detail

Ein fleißiger Romanautor: der Stuttgarter Schriftsteller Heinrich Steinfest Foto: imago/Sven Simon

Bei einem Unfall rettet der Fahrer nicht das verletzte Kind, sondern seinen Chef – das hat Konsequenzen. Der Stuttgarter Autor Heinrich Steinfest legt in „Der Chauffeur“ wieder eine Geschichte voller Kreuzungen aus Science-Fiction, Detektivkrimi und Freakshow vor.

Stuttgart - Vielleicht, weil sein eigener Bruder Michael mit 23 Jahren tödlich verunglückte, werden Heinrich Steinfests Helden ständig von der fixen Idee gequält, Unschuldige retten zu müssen, an deren tragischem Tod sie eigentlich gar keine Schuld tragen. Dafür nehmen sie dann allerlei bizarre Bußübungen und Demütigungen in Kauf.

 

In Steinfests „Allesforscher“ bildete sich ein schuldbewusster IT-Manager zum glücklichen Bademeister zurück. „Die Büglerin“ war eine promovierte Meeresbiologin, die als gebenedeite Magd die Wäsche Heidelberger Professoren bügelte, weil es ihr nicht gelungen war, ihre Nichte vor der verirrten Kugel eines Attentäters im Kino zu retten. Diesmal versagt der Chauffeur Paul Klee (der nichts mit seinem berühmten Namensvetter gemein hat), als er bei einem Verkehrsunfall die falschen Prioritäten setzt: Er rettet nicht das verletzte Kind, sondern seinen Arbeitgeber, einen neoliberalen Politiker, der es bis zum Kanzler bringen wird. Von der Öffentlichkeit, seinem Chef und sich selber für schuldig gesprochen, gibt der untröstliche Chauffeur seinen Beruf auf und wird Hotelier.

Eine Maklerin kann anmutig sein, wenn sie japanische Wurzeln hat

Das ist nur die erste von vielen Stationen auf dem krummen Passionsweg eines schuldlosen Büßers. Man kann und darf sie nicht einmal andeutungsweise referieren, soll die Magie von Steinfests Prosa nicht entzaubert werden: Er erzählt nämlich sprunghaft und anekdotisch, und sein österreichisch gefärbter Zen-Humor ist, um es vorsichtig auszudrücken, eigenwillig. Steinfest führt Selbstgespräche, die wohl nicht einmal er selber ganz versteht; manchmal ruft er laut und pathetisch „Wow“, aber meistens macht er doch lieber still und detailverliebte „Mäusekunst“.

Gleich zu Beginn verliebt der Chauffeur sich also in Inoue, eine anmutige Maklerin mit japanischen Wurzeln. Kaum dass das Paar ihr schnuckeliges „Hotel zur kleinen Nacht“ eingerichtet hat, gehen Beziehung wie Hotel aber schon wieder in die Brüche. Schuld daran ist eine „Große Rückkehr“ aus einem Wurmloch der Zeit: Der Hund Laika, der 1962 in einem russischen Satelliten ins All geschossen wurde, landet, ohne plausiblen Anlass, irgendwo zwischen Heidelberg und Stuttgart. Gestalt und Lauf der Welt werden durch Laikas Rückkehr nachhaltig revolutioniert, was aber keine weiteren Folgen im und auf den Roman hat.

Zwischen Mystery Novel und Freakshow

So geht es weiter, vom Sputnik zur Donau, Schlag auf Schlag, Wort auf Wort, ohne allzu viel Logik und erzählerische Ökonomie. Inoue verschwindet mit ihren Zwillingen und verliebt sich in einem Burnout-Sanatorium in den smarten Chefarzt. Ein Hotelgast entpuppt sich als ehemaliger Kommissar, eine Nachbarin, die Schöne Eva, als Gattenmörderin. Weiter treten auf: Zwangschristianisierte, singende äthiopische Flüchtlingsfrauen, russische Tennisspielerinnen, traurige Choreografinnen. Paul Klee schmort zeitweilig gefesselt in einem Keller in Passau, landet auf einem spirituellen Bauernhof und gründet schließlich eine „Gemütliche Kirche für die große Leere“.

Steinfest ist berühmt und berüchtigt für seinen schrägen Humor, seine unverbrauchten Metaphern, seine versponnene Fantasie; seine Romane sind immer „dubios romantische“ Kreuzungen aus Science-Fiction, Mystery Novel und Detektivkrimi, Satire und Freakshow. Der Charme dieses Unternehmens erschließt sich nicht jedem, aber Steinfest hat viele Fans, die keinen seiner zahlreichen Romane – jedes Jahr schreibt er mindestens einen – missen mögen.

Immer zwei Bücher gleichzeitig lesen, ein schweres und ein leichtes

Aber diesmal übertreibt er es dann doch: Er wechselt ohne Not und Sinn die Schauplätze, erfindet Figuren, die er gleich wieder aus den Augen verliert, spinnt Handlungsstränge, die ins Leere oder ins bildungsbürgerliche Abseits führen. Inoues hochbegabte Zwillinge etwa wurden schon als Kinder von einer rumänischen Putzfrau mit dem ganzen „Zauberberg“ konfrontiert und sind schon mit elf Jahren berühmte Konzeptkünstler. Während Eva und der Kommissar mal überkreuz, mal konspirativ im Bett liegen, redet Klee mit knorrigen Landsleuten über Schumann, Schönberg und den Semmering.

So geht es über 360 Seiten, über Stock und Stein verquerer Rettungsfantasien, umständlicher Wiederholungen und alberner Kalauer. Als Chauffeur las Klee, wenn er auf seinen Chef wartete, immer zwei Bücher gleichzeitig, ein schweres (Jean Baudrillard) und ein eher leichtes (Utta Danella); dazwischen bewegt sich auch Steinfest.

Viele gemütliche Behausungen

Laut einer Vorbemerkung heißt Faden etymologisch so viel wie „die ausgebreiteten umfassenden Arme, Klafter“. Steinfest hat sein Werk nicht umsonst in vier „Faden“ eingeteilt hat: So viel klafterweiser Irr- und Wirrsinn kann kein Mann fassen oder gar umfassen. Rote Fäden in diesem Knäuel der Motive und Paradoxa gibt es allerdings kaum, dafür um so mehr lose Fäden und nutzlose Wissensknoten. Wir erfahren einiges über Tennis und Rugby, Alkoholika und Aquarien, japanische Verbeugungskunst und mathematische Probleme. Immer steckt der Schalk im Detail, in den exakt benannten Biermarken, Buchtiteln und alltäglichen Kleinigkeiten.

Das Hotel, Laikas Kapsel, gutbestückte, intime Bars: Steinfest entwirft viele gemütliche Behausungen, aber für Außenstehende bleiben sie leer und unbewohnbar. Der nächtliche Sternenhimmel funkelt wie das schwarze Paillettenkleid einer zitternden Dame, das Licht ist „schwach wie ein erschlagenes Gespenst“: Solche schönen Metaphern funkeln diesmal zu selten und erratisch an Steinfests Himmel. Nicht umsonst schrieb er zuletzt eine „Gebrauchsanleitung fürs Scheitern“.

Seine „Gemütliche Kirche für die große Leere“ ist allerdings hier nur die Rumpelkammer eines gut organisierten Messies, bis zur Decke gefüllt mit „wegweisenden Zufällen“, improvisierten „begnadeten Fehlern“ und selbstgefällig verknoteten Sprachspielen.

Zur Person

Lauf
Geboren wurde er in Albury in Australien, aufgewachsen ist er in Wien, das Leben hat ihn dann aber nach Stuttgart gebracht, wo er weiterhin überwiegend lebt: Heinrich Steinfest, Jahrgang 1961. Im Jahr 1999 erfand er für einen Kriminalroman einen chinesischen Privatdetektiv namens Cheng – und erntete mit seiner Buchreihe Leserinteresse, Kritikerlob und Literaturpreise. Viele weitere Romane und Sachbücher folgten.

Premiere
Am Dienstag, den 22. September, stellt der Autor Heinrich Steinfest um 19.30 Uhr im Stuttgarter Literaturhaus, in der Breitscheidstraße 4, seinen neuen Roman „Der Chauffeur“ vor. Den Abend moderiert der Literaturexperte Denis Scheck. Karten für den Besuch vor Ort oder für den Livestream gibt es ausschließlich online im Vorverkauf unter www.literaturhaus-stuttgart.de

Heinrich Steinfest: Der Chauffeur.
Roman. Piper Verlag, München. 358 Seiten, 22 Euro

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