Kassel - Die Kinder unseres Jahrhunderts würden „das Jahr 1968 mal so lernen wie wir das Jahr 1848“, so spekulierte Hannah Arendt in einem Brief an den Philosophen Karl Jaspers. Für die Kinder unseres Jahrhunderts ist beides eine sehr ferne Zeit. 1848 steht für das erste Aufbegehren im Namen von Freiheit und Demokratie – Anliegen, die auch die Achtundsechziger für sich reklamieren. Das Urteil über den Aufruhr, den sie veranstaltet haben, fällt allerdings zwiespältig aus.
1968 erregt auch nach 50 Jahren noch die Gemüter. Unlängst fühlte sich der CSU-Mann Alexander Dobrindt animiert, zu einer Revolte gegen das Erbe von 1968 aufzurufen. Doch worin besteht dieses Erbe eigentlich? Was ist von 1968 geblieben, von dem Protest gegen den Vietnamkrieg, gegen falsche Autoritäten, gegen die Tabus der düsteren deutschen Vergangenheit und gegen eine Ökonomie, die als bloße Zerstörungsmaschinerie gebrandmarkt wurde? „68 ist eine Erfindung“, urteilt der Historiker Norbert Frei, Chronist jener Zeit. „Längst bevor ,68‘ als Signum existierte, hatte die Weltgemeinde der Protestbewegten bereits eine stolze Idee von sich selbst – dieser Stolz ist ihr bis heute geblieben, und sei es als Sünderstolz“, schreibt er.
Wir gehen in einer zehnteiligen Serie der Frage nach, worauf sich dieser Stolz gründet – und ob er in jedem Fall berechtigt ist. Die Perspektive richtet sich dabei auf Entwicklungen, die damals in Gang kamen und die unsere Gesellschaft immer noch prägen. Das reicht von der Erfindung des Terrors als Mittel der Politik über die Demokratisierung aller Lebensbereiche, die Emanzipation, die Globalisierung von Mode, Musik und Kunst bis zur Technikskepsis.
Was hat die Achtundsechziger überhaupt angetrieben? Damit beschäftigt sich der Soziologe Heinz Bude, Jahrgang 1954, in seinem neuen Buch, das die fragliche Zeit auf sehr subjektive Weise skizziert: „Adorno für Ruinenkinder“. Bude ist selbst Zeitzeuge jenes Umbruchs. Im Interview beschreibt er, was jene Generation ausmacht, was sie mit ihren Protesten erreicht hat und welchen Nachhall 1968 heute noch hat.
Herr Bude, wie war Ihr 1968?
Im September 1968 hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben an einer Demonstration teilgenommen. Da war ich 14 Jahre alt. Die Demonstration richtete sich gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings. Ich wusste gar nicht so richtig, was das bedeutet. Ich war nur für die Menschen und gegen die Panzer. Erst später ist mir klar geworden, dass damit 1968 vorbei war.
Was war für Sie persönlich das eindrücklichste Erlebnis in jener Zeit?
In der Schule trugen die Referendare tatsächlich Cordhosen, und bei den Referendarinnen konnte man den Busen erkennen. Wir haben schnell spitz gekriegt, dass man bei denen nur irgendwas mit Gesellschaft sagen musste, dann hatte man gleich eine gute Note. So richtig ernst nehmen konnten wir das nicht.
Welche Rolle spielt die Generation der
68er im Roman der Bundesrepublik?
Es ist nicht so, dass sie die Sitten gelockert hätten. Das hatten schon Hildegard Knef und Oswalt Kolle bewerkstelligt. Es stimmt auch nicht, dass sie die Demokratie vertieft hätten. Das hatten die Flakhelfer aus der Generation von Jürgen Habermas, Horst Ehmke oder Dieter Hildebrandt auf den Weg gebracht. Es stimmt erst recht nicht, dass sie Auschwitz auf die Tagesordnung gesetzt hätten.
Die Frankfurter Auschwitz-Prozesse fanden von 1963 bis 1965 statt. Das Unglaubliche war vielmehr, dass eine junge Generation, die den Nationalsozialismus und den Krieg gar nicht bewusst miterlebt hatte, mit einem Mal Nein zum Wiederaufbau und zum Anschluss an den Westen sagte.
War es denn zwangsläufig, dass auf die skeptische Generation eine rebellische Generation folgen würde?
Für die um 1928 geborenen Skeptiker war Lakonie das letzte Wort. Dann kamen die Ruinenkinder, die die Bombennächte des Endkriegs und die Trecks aus den Ostgebieten als Vier- oder Fünfjährige erlebt hatten. Sie beschlich das Gefühl, dass diese Gesellschaft, die nach dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft behauptete „Wir sind wieder wer!“, überhaupt keinen Grund unter den Füßen hatte. Die Heranwachsenden wollten „kommunikatives Beschweigen“, wie Hermann Lübbe diese Konfusion genannt hat, nicht länger mitmachen.
Was hat die Rebellion letztlich erreicht?
Ein kollektives Einüben des Neinsagens. Und dieses Nein galt dem Ganzen. Dieses Nein bedeutete Befreiung. Das ist überhaupt das große Thema von 1968: Befreiung. Und zwar in einer doppelten Befreiung: Befreiung von der Verblendung des Weitermachens und die Befreiung zu einer ungeheuren Sehnsucht nach Welt.
Sehnsucht nach Welt?
Da gab es plötzlich diese merkwürdigen Stimmen im Radio: Bob Dylan, Janis Joplin. Die jungen Leute in ihrem Mutterseelenalleinsein hatten plötzlich das Gefühl einer globalen Resonanz. Überall Sehnsucht, Leidenschaft, Aufbruch.
War 1968 mehr Karneval oder Party als ernst gemeinter Aufstand?
Nein, das war alles furchtbar ernst gemeint damals. Man fühlte sich in der Grube und erkannte in so jemandem wie Adorno einen Führer durch die Hölle. Die Lizenz zur Rebellion aus der Resignation.
Was verbindet das „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ der Demonstranten mit „I can’t get no Satisfaction“ der Stones?
In beiden Fällen kommt ein Hochgefühl zum Ausdruck: Das Hochgefühl durchzustarten, ohne zu wissen, wer man ist und was man will.
Waren die Rolling Stones oder die Doors für viele 68er letztlich wichtiger als
Adorno? Oder haben die deren Songs nur besser verstanden?
Meine Gesprächspartner haben mir zu verstehen gegeben, dass sie Adorno wie einen Popsong begriffen haben. Sie haben nichts verstanden, konnten aber alles mitsingen.
Sie sagen, Befreiung sei das große Thema von 1968. Wurde diese Befreiung nicht mit neuen Abhängigkeiten erkauft: Drogen, neue Autoritäten, Parteidisziplin, Illusionen?
Jedenfalls mündete das Ganze in die gruselige Geschichte der 1970er Jahre. Weil das Ganze nicht zu kippen war, fing man an, sich selbst zu befehden: Maoisten gegen Moskautreue, die wiederum gegen Reformisten, Undogmatische gegen Trotzkisten. Aus der Energie der großen Weigerung speiste sich der große Wahnsinn der 70er Jahre, der schließlich in die
terroristische Gewalt der RAF mündete.
Was ist geblieben von 1968?
Die Erinnerung an die unglaubliche Bereitschaft, das Ganze infrage zu stellen. Für einen Augenblick alles für ein richtiges Leben einzusetzen.
Neokonservative wie Alexander Dobrindt haben den 68ern den Kampf angesagt. Arbeiten sie sich an einer Schimäre ab?
Ja. Und das ist eigentlich ein ideologisches Armutszeugnis. Wer als Konservativer wieder Geltung gewinnen will, braucht eine Idee aus eigener Kraft. Wenn die Konservativen 1968 richtig verstehen würden, könnten sie das Erbe jener Zeit für sich nutzbar machen. Man kann sich heute natürlich dazu entscheiden, konservativ zu sein. Aber seit 1968 versteht sich das Konservative eben nicht mehr von selbst.
Wie viel 1933 steckt in 1968?
1968 war eine Neuinszenierung von Entscheidungssituationen der Weimarer Republik. Deshalb auch die Lektüre vergessener Bücher von Rosa Luxemburg, Walter Benjamin oder Georg Lukács. Dahinter steckte die Überzeugung, damals sei etwas versäumt worden, was nicht vergessen werden dürfe.
Was hat Hölderlin mit 1968 zu schaffen? Sie zitieren ihn als Motto Ihres Buchs.
In der Gefahr wächst das Rettende auch. Manchmal lautet die Frage, ob man sich einfach nur einrichten oder ob man sich retten will. Wer den Sinn dieser Frage nicht versteht, so heißt die Botschaft von 1968, ist verloren.
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