Heinz Erhardt in Stuttgart Noch ’ne Entdeckung!
Schön, wenn man in Stuttgart unverhoffte Entdeckungen macht. Dazu gehört eine feine Duftmarke, die der große Humorist Heinz Erhardt in der Stadt setzte. Eine Glosse von Jan Sellner.
Schön, wenn man in Stuttgart unverhoffte Entdeckungen macht. Dazu gehört eine feine Duftmarke, die der große Humorist Heinz Erhardt in der Stadt setzte. Eine Glosse von Jan Sellner.
In einer Stadt gibt’s keine Langeweile. In einer Großstadt, wozu Stuttgart sich zählt, schon gar nicht. Vielleicht gibt’s Langeweile überhaupt nicht, weil das Leben ewig spannend ist? So wenig, wie es Eintönigkeit geben sollte in einer Welt voller Farben. Es sei denn, man ist ein Stinktier, dem der große Komödiant Heinz Erhardt das Gefühl von Langeweile angedichtet hat: „Ein Stinktier saß auf einer Bank – und stank. Es hatte keine Eile, es stank aus Langeweile . . .“
In Stuttgart stinkt so manches, obwohl die Stinktierpopulation in der Landeshauptstadt überschaubar ist. Es stinkt hier auch nicht aus Langeweile, sondern teils aus Rücksichtslosigkeit, wie man in Unterführungen oder in Parkhäusern riechen kann. An anderen Stellen riecht Stuttgart besser, mitunter sogar angenehm. Der Weihnachtsmarkt ist in dieser Hinsicht ein Geruchserlebnis. Wie stellte der erwähnte Heinz Erhardt fest: „Ein süßer Duft ist überall, nur hier im Zimmer stinkt es!“
Das gilt ausdrücklich nicht für die Schleyerhalle! Dort duftet es seit dieser Woche nach dem Maler Claude Monet oder vielmehr nach dessen berühmten Landschaften. Die jetzt eröffnete 360-Grad-Ausstellung „Monets Garten“ spricht bewusst die Sinne an – auch den Geruchssinn. Kunst als Geruchserlebnis. Das zeugt von einem guten Riecher und einem feinen Näschen für neue Formen des Zeitvertreibs.
Um in Stuttgart eine gute Zeit zu haben und interessante Dinge zu entdecken, braucht es glücklicherweise nicht zwangsläufig eine Eintrittskarte. Manchmal reicht es auch, wenn man einfach seiner Nase folgt und die Augen offen hält für Unbekanntes. Das können Kleinigkeiten sein, wie ein Bild an der Wand des Cafés Königsbau. Keines von Monet, sondern eines, das Heinz Erhardt zeigt, den Komödianten, der sich den zitierten Reim auf die Langeweile und auf vieles andere machte. Ein Meister der Wortspiele und verdrehten Redewendungen. Die Leichtigkeit seiner Verse täuscht oft über die Tiefe hinweg.
Unter Erhardts Bild steht ein Text. Er verrät, dass er in den sechziger Jahren Stammgast im Königsbau war. Damals spielte er hier Theater. Selbstverständlich hinterließ er an Ort und Stelle noch’n Gedicht, das heute die Wand des Cafés ziert: „Nicht alles, was sich reimt, ist ein Gedicht – nicht alles, was zwei Backen hat, ist ein Gesicht.“
Noch’n Gedicht, noch ’ne Entdeckung: Wie es der schöne Zufall will, wird der 1909 in Riga geborene und 1979 in Hamburg verstorbene Heinz Erhardt in Stuttgart gerade zum Leben erweckt. Das Theater der Altstadt widmet ihm von nächstem Mittwoch an einige Abende. Erhardts Leben soll „in Liedern, Gedichten, Getränken und Geschichten“ erzählt werden. Das riecht nach guter Unterhaltung und nach Zeitvertreib, auch wenn’s dafür Eintrittskarten braucht.
Von dem Bild im Café ist es gedanklich nur ein Katzensprung zu dem von Heinz Erhardt sehr verehrten Joachim Ringelnatz, den es ebenfalls immer wieder zu entdecken lohnt. Auch er machte einst Bekanntschaft mit Stuttgarter Gastronomiebetrieben, namentlich den „Wein- und Bäckerstübchen“, in denen er nicht vergaß zu grüßen: „Dennoch ließen Blicke mich leicht büßen/Daß ich kein Stuttgarter bin.“
Heinz Erhardt hat Ringelnatz, wie auch Erich Kästner und Christian Morgenstern, „Ganz zuletzt“ in seine Verse eingeschlossen – so der Titel des Gedichts über die Kollegen: „O wär’ ich/Der Kästner Erich!/Auch wär’ ich gern/Christian Morgenstern!/Und hätte ich nur einen Satz/Vom Ringelnatz!/Doch nichts davon! – Zu aller Not/Hab ich auch nichts von Busch und Roth!/Drum bleib’ ich, wenn es mir auch schwer ward/nur Heinz Erhardt . . .“ Was soll man dazu sagen? Dufte!