Heinz Strunk: „Der gelbe Elefant“ Miniaturen aus dem beschädigten Leben
Die Kurzgeschichten, die das neue Buch von Heinz Strunk versammelt, sind von bestechender Trostlosigkeit – und doch brüllend komisch. Wie kann das sein?
Die Kurzgeschichten, die das neue Buch von Heinz Strunk versammelt, sind von bestechender Trostlosigkeit – und doch brüllend komisch. Wie kann das sein?
Es ist gibt verschiedene Arten des Lachens jenseits harmlosen Vergnügens: mitleidige, schadenfrohe, zornige. Auf die seltsame Heiterkeit, die die Texte von Heinz Strunk auslösen, passt am ehesten eine Bemerkung des ausgesprochenen Humor-Verächters Th. W. Adorno: „Gelacht wird darüber, dass es nichts zu lachen gibt.“ Je bösartiger die Miniaturen aus dem beschädigten Leben sind, die Strunks neuer Band „Der gelbe Elefant“ einsammelt, desto komischer erscheinen sie. Selbst das „och nö“, das in der gleichnamigen Geschichte dem angedudelten Halter eines allgemeingefährlichen Listenhundes über die Lippen kommt, als er sieht, was dessen zwei Tonnen Beißkraft auf dem Kinderspielplatz angerichtet haben, ist auf einen trostlosen Lachreflex getrimmt.
Aber nur wer hier wirklich ernst bleiben kann, werfe den ersten Stein. Strunk erzählt davon wie Freundschaften und selbstzufriedene Lebensentwürfe während eines Kartoffelkroketten-Dramas beim Lieblingsgriechen zerbrechen, wo unter gigantischen Schlachtplatten mit mythischen Namen ein Feuer der Missgunst und Verachtung flackert. In seinem Debüt „Fleisch ist mein Gemüse“ verwurstete er seine Anfänge als humoristischer Kleinmeister. Mittlerweile hat er sich zum Kulinariker des Verfalls gemausert. Die Leute tragen güllefarbene Anzüge, andere sehen aus wie ein geplatzter Schwamm, ein Duft nach Verbänden und Furunkeln, nach Salben, zerbröselten Waschlappen und schmuddeliger Wäsche liegt in der Luft. Auf der Feier eines runden Geburtstags hängt der betagte Jubilar in seinem zu groß gewordenen Jackett wie ein Vogel der fluguntüchtigen Sorte. Alles läuft auf die Erkenntnis zu: „Die Menschen sind für ein derartig hohes Alter nicht konzipiert worden.“
Gegen diesen Befund turnt der „Eisengreis“ einer anderen Geschichte mit Liegestützen, Situps, Klimmzügen und Dips verbissen an, um noch einmal mit einem 911er durchzustarten. Bis die Osteoporose seinen Fitnesskeller zur tödlichen Falle macht. Auch die 54-jährige gelernte Verkäuferin Petra sitzt in ihrem Leben fest, geschieden, ausgeweidet von acht Mutterschaften und erfüllt von einer Müdigkeit, die wie ein Farbstoff alles durchdringt, was sie denkt und tut.
Strunk nutzt die Geschmeidigkeit der Erzählerrolle, um in die unwirtlichsten Winkel seiner je auf ihre eigene Weise hoffnungslosen Figuren einzudringen. Er kennt die Niederträchtigkeiten ihrer Gedanken, genauso wie die ihres Gegenübers. Und hält sich bei Bedarf allwissend über ihnen, um das Elend in seiner ganzen Totale in den Blick zu nehmen. Irgendwann fliegt ein Selbstmörder vom 13. Stock eines Hochhauses, der sich die Nase zuhält, wie Kinder beim Sprung vom Ein-Meter-Brett: „Genützt hat es ihm nichts.“
Man mag sich ausmalen, wer alles Grund hätte, gegen diese schonungslosen Bestandsaufnahmen Sturm zu laufen, Body-Positivisten, Berufsverbände von Motivationstrainern, Graue Panther, Tierschützer – letztere könnten sich vom Plan eines Aktivisten verunglimpft fühlen, „Hühnerkiller, Rinderschlächter und Schweinetotmacher“ zu kidnappen, um sie drei Wochen lang den Komfort der Haltungsstufe II genießen zu lassen, in Boxen von 0,9 Quadratmetern mit Picksteinen zum Zeitvertreib. Stattdessen wird gelacht.
Aber welcher Art ist dieses Lachen nun? Strunk meint es bitter ernst. Der feixenden Fröhlichkeit des Kultigen ist er spätestens mit seinem Frauenmörderroman „Der goldene Handschuh“ endgültig entwachsen. Weder ist er ein krawalliger Entertainer, noch ein menschenverachtender Provokateur. Seine Unbarmherzigkeit kommt nicht aus einem kalten, sondern einem verletzten Herzen. Im Verfall zeigt die Welt ihr wahres Gesicht. Strunks Humor ist keiner des Einverstandenseins, sondern verdankt sich kompromissloser Kritik. Seit seiner Psychoanalyse habe er seinen evangelischen Glauben verloren, hat er einmal in einem Interview gesagt. Radikale Diesseitsskepsis ist geblieben.
Zynismus und Härte, die man ihm vorwerfen könnte, spielt sein absolutes sprachliches Gehör an die Welt zurück, der er sie abgelauscht hat. Dass der Mensch unter den Bedingungen des zeitgenössischen Lebens dazu tendiert, entgegen seines Selbstgefühls nicht wesentlich, sondern lächerlich zu erscheinen, kann nicht dem bösen Blick des Porträtisten angelastet werden.
Eine der letzten Skizzen des Bandes ist die eines unglücklichen Flaschensammlers, der beladen mit der Ausbeute eines langen Tages von einem militanten Radler zum Straucheln gebracht wird. Man kann in diesem Unglücklichen die Referenzfigur des Erzählers sehen. Die Fundstücke leerer Flaschen tauscht er ein gegen seine Geschichten. Ihre komische Besessenheit vom Hässlichen ist das traurige Unterpfand einer heimlichen Sehnsucht nach Schönheit.
Heinz Strunk: Der gelbe Elefant. Rowohlt Verlag. 208 Seiten, 22 Euro.