Heiße Sommer, feuchte Winter Südwesten wappnet sich für Klimawandel

Die  Hitze setzt der Fichte zu. Im Jahr 2050 wird die heutige    Hauptbaumart im Südwesten nur noch in den Hochlagen zu finden sein. Foto: dpa
Die Hitze setzt der Fichte zu. Im Jahr 2050 wird die heutige Hauptbaumart im Südwesten nur noch in den Hochlagen zu finden sein. Foto: dpa

Die Sommer werden heißer und die Winter feuchter: der Klimawandel ist auch im Südwesten schon in vollem Gange. Das birgt aus Sicht der Regierung Risiken – aber auch Chancen.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)
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Stuttgart - Die grün-rote Landesregierung will im Kampf gegen den Klimawandel zwar nicht lockerlassen, das Land aber gleichzeitig möglichst gut auf dessen Folgen vorbereiten. Zu diesem Zweck hat das Kabinett am Dienstag eine Strategie zur Anpassung an den Klimawandel verabschiedet, die nun von Verbänden und Bürgern kommentiert werden kann. Selbst wenn das klimapolitische Zwei-Grad-Ziel doch noch erreicht werden sollte, seien viele Auswirkungen schon jetzt unvermeidbar, betonten Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Umweltnminister Franz Untersteller (beide Grüne) bei der Vorstellung des Konzepts. „Neben dringend notwendigen Maßnahmen für einen wirksamen Klimaschutz müssen wir uns auch überlegen, wie wir unser Land vor den unvermeidbaren Folgen des Klimawandels schützen und wie wir mögliche Chancen nutzen können“, sagte Kretschmann nach der Kabinettssitzung.

Trockenere Sommer mit mehr Hitzeperioden, mildere und feuchtere Winter – der Klimawandel ist laut Untersteller bereits in vollem Gange. Seit dem Jahr 1900 sei die durchschnittliche Jahrestemperatur in Baden-Württemberg von acht auf neun Grad Celsius gestiegen. Dies klinge zwar nicht nach viel, sei aber viel, erläuterte Kretschmann: Bei der letzten Eiszeit sei die Temperatur nur um fünf Grad geringer gewesen. Forscher rechnen zudem mit einem weiteren Anstieg um bis zu 1,7 Grad Celsius, sagte Untersteller. Er illustrierte den Wandel mit Beispielen: Schon heute herrschten in Karlsruhe Temperaturen wie vor 75 Jahren im französischen Lyon. Die Apfelblüte setze 13 Tage früher ein als noch vor 25 Jahren, im Winter hätten die Niederschläge um 35 Prozent zugenommen, immer mehr als Regen.

Das ökologische Gleichgewicht aus der Balance

Aus Sicht der Regierung sind mit dem Klimawandel Risiken, aber auch Chancen verbunden. So könnten die zunehmenden Hitzeperioden vor allem älteren Bürgern gesundheitliche Probleme bereiten. Die Trockenheit erhöhe die Waldbrandgefahr und und könne zu Ernteausfällen in der Landwirtschaft führen; auch das Hagelrisiko habe bereits deutlich zugenommen. Neu eingewanderte Tier- und Pflanzenarten könnten das ökologische Gleichgewicht aus der Balance bringen, bisher unbekannte Krankheitserreger und Schädlinge drohten sich auch in Baden-Württemberg auszubreiten. „Wir wollen daher rechtzeitig Anpassungsmaßnahmen speziell für unser Land entwickeln, die uns weniger verwundbar machen“, betonte Kretschmann.

Laut Umweltminister Untersteller enthält das 150-seitige Konzept Handlungsempfehlungen für neun besonders betroffene Felder, so etwa Gesundheit, Wasserhaushalt oder Landwirtschaft. Im Waldbau zum Beispiel müsse man auf hitzebständige Arten setzen, damit die Bestände noch in fünfzig Jahren stabil seien; für die im Land weit verbreitete Fichte habe dies gravierende Folgen. Anlagen zum Hochwasserschutz müssten auf steigende Pegel eingerichtet sein. Altenheime sollten künftig in kühleren Randbereichen der Städte errichtet werden. Auch die Begrünung von Gebäuden werde durch den Klimawandel an Bedeutung gewinnnen, sagte Untersteller; bewachsene seien deutlich kühler. Zudem müsse man verstärkt über Tropenkrankheiten informieren und beim Arbeitsschutz für Berufsgruppen reagieren, die viel im Freien tätig sind.

Chancen durch den Klimawandel sieht der Umweltminister etwa im Tourismus oder im Weinbau. Der Skitourismus werde sich zwar in höhere Regionen verlagern, wo es noch genügend Schnee gebe, aber dafür werde sich die Sommersaison ausdehnen; Wanderer zum Beispiel könnten öfter bei regenfreiem Wetter unterwegs sein. Bei den Rebsorten werde der eher kälteliebende Riesling in größere Höhen oder nach Norden ausweichen, während Cabernet Sauvignon auch in Baden-Württemberg auf dem Vormarsch sei. In allen Tourismusbereichen sollten Angebote für naturnahen, regionalen Tourismus gestärkt und geschaffen werden, empfahl der Minister.

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